Sebastian Barry – „Mein fernes, fremdes Land“

„Kein Ort auf Erden, der nicht eine Heimat wäre.“

Ihr Leben gleicht einer Ansammlung von Verlusten. 89 Jahre alt ist Lilly Bere. Sie will nicht mehr, nachdem sie ihren geliebten Enkel verloren hat. Wie Bill will sie aus dem Leben freiwillig scheiden – mit Hilfe kleiner Tabletten. Ein letztes Mal zieht sie Bilanz. In einem Haushaltsbuch schreibt sie ihre Erinnerungen nieder, fasst ihre Trauer wie auch die Stationen ihres wechselvollen Lebens in Worte. In „Mein fernes, fremdes Land“ erzählt der irische Schriftsteller Sebastian Barry nicht nur von einer betagten Frau, sondern auch wie die große Geschichte immer wieder in das Leben der Menschen eingreift und es für immer verändern kann.

In die FErne

Mit einem Schiff kam Lilly einst von Irland nach Übersee. Nicht die Hoffnung und Aussicht auf ein besseres Leben, sondern pure Todesangst trieb sie gemeinsam mit ihrem Partner Tadg dazu, in den 20er-Jahren die Heimat zu verlassen. Denn der junge Hilfspolizist war nach einem Einsatz gegen die IRA Morddrohungen ausgesetzt. Lillys Vater schickte seine Tochter und den Schwiegersohn in spe schweren Herzens nach Amerika. Sie konnten da nicht ahnen, dass sie einander nicht mehr wiedersehen und nur Lilly letztlich diese Flucht Hals über Kopf überleben wird. Denn kurze Zeit nach der Ankunft in New Haven – das junge Paar versucht, sich eine Existenz aufzubauen, kommt in Chicago bei einer Cousine unter und lebt in einem Holzverschlag – wird Tadg in einer Galerie vor einem Selbstbildnis von Vincent van Gogh von einem Unbekannten erschossen. Lilly ist fortan auf sich allein gestellt.

Barry

Doch sie findet neue Freundinnen, die sie unterstützen und ihr zur Seite stehen. Von Cassie und Mrs Bellow lernt sie das Kochen. Eine Fähigkeit, die ihr die Tür öffnet in das Haus der gut situierten wie einflussreichen Familie der Wolohans, wo Lilly als Köchin arbeitet. Über Jahrzehnte hinweg ist sie eine treue Angestellte. Sie könnte ohne Sorgen rundum glücklich sein. Doch immer wieder setzen ihr tragische Ereignisse und wehmütige Erinnerungen zu. Sie vermisst ihren Vater und ihre Geschwister, allen voran ihren Bruder Willie, der im Ersten Weltkrieg in der Picardie gefallen war. Ihre neue Liebe, Joe, ein Polizist, gilt nach einem verheerenden Explosion einer Lagerhalle als vermisst. Lilly ist schwanger, was damals mit ihrem Mann geschehen ist, wird sie erst später erfahren. Es wird nicht das einzige Geständnis sein, das ihre Welt erschüttert. Auch ihr treuer Freund Nolan, da sterbenskrank, wird später Abbitte leisten. Joes und Lillys gemeinsamer Sohn zieht in den Vietnamkrieg und kehrt als ein anderer wieder. Sie nimmt ihren Enkel Bill auf, zieht den Jungen groß. Doch wie die männlichen Vorfahren früherer Generationen wird auch er in Uniform einen Krieg erleben und letztlich seine Erlebnisse „in der Wüste“ nicht verkraften.

„Das Gift, der Extrakt des tödlichen Nachtschattengewächses in mir war die Zeitgeschichte.“

Wie eine dunkle Perlenschnur durchziehen diese Verluste das Leben der Heldin. Bruder, Vater, Mann, Sohn und Enkel – sie alle trugen Uniform, waren entsetzlicher Gewalt ausgesetzt. In Lillys Leben spiegeln sich die düsteren Schattenseiten des 20. Jahrhunderts, das beweist, dass Männer in den Krieg ziehen, aber vor allem die Frauen mit dessen Folgen leben müssen. Mit traumatisierten Veteranen, mit Trauerflor umrandeten Schwarz-Weiß-Fotografien, letzten Ruhestätten, die in anderen Ländern, auf anderen Kontinenten zu finden sind.

Schreiben – Erinnerungsarbeit

Der deutsche Titel des Romans weist noch auf ein weiteres Thema hin: der Verlust der Heimat, Flucht und das Suchen nach einer neuen Heimat. Lilly wird ankommen, den größten Teil ihres Lebens Tausende Kilometer von dem vertrauten Ort ihrer Kind und Jugend verbringen. Aber die Gedanken an Irland und die Familie, ihren Vater und die beiden Schwestern Maud und Annie, führen sie immer wieder zurück. Eine Reise im Geist, die jedoch keine Nähe schafft, die mal tröstet, mal neue Wunden aufreißt. 17 Tage wird die betagte Heldin in ihr Haushaltsbuch schreiben, stets einem Mantra gleich überschrieben mit „… Tage ohne Bill“. Ein physischer wie psychischer Prozess und auch Kraftakt, der wohl wie kein anderer Grundlage für eine persönliche Erinnerungsarbeit bildet. Schreiben ist Aufarbeitung und Erkenntnis zugleich – das Lesen nicht minder.

„Allmählich glaube ich, dass diese Schreiberei genauso harte Arbeit ist, wie ein irischer Waschtag auf dem Land.“

Barry, 1955 in Dublin geboren, zählt zu den bekanntesten und erfolgreichsten Schriftstellern Irlands. Zweimal erhielt er bereits den Walter Scott Prize, mit dem der beste historische Roman gewürdigt wird: eben für „Mein fernes, fremdes Land“, 2011 im Original mit dem Titel „On Canaan’s Side“ erschienen, sowie für sein Werk „Tage ohne Ende“ („Days without End“), das wie sein Folgeroman „Tausend Monde“ („A Thousand Moons“) in das Amerika des 19. Jahrhunderts führt und von einer ungewöhnlichen Beziehung zwischen zwei Männern und einem indigenen Mädchen erzählt.

Vergangene politische wie gesellschaftliche Ereignisse und Verhältnisse, die schließlich Geschichtsbücher füllen, bilden die Grundpfeiler von Barrys Schreiben. Wer seine Werke mit der Zeit gelesen hat und kennt, wird bei der Lektüre dieses Romans und vor allem bei dem Mädchennamen der Heldin womöglich stutzen: Dunne. „Annie Dunne“ heißt ein Roman aus dem Jahr 2002, der das Leben von Lillys Schwester Annie in Irland erzählt. 2005 erschien „Ein langer, langer Weg“ über Willie Dunne, Lillys Bruder, der mit 19 Jahren in den Ersten Weltkrieg zieht. „Mein fernes, fremdes Land“ bildet nun den würdigen Abschluss dieser vierteiligen Serie, die mit dem Drama „The Steward of Christendom“ (1995) ihren Anfang nahm. Ein eindrücklich komponierter Roman, in dem Vergangenheit und Gegenwart mit einander verschmelzen, mit einer unvergesslichen Heldin, in deren Leben sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts eingeschrieben hat, das neben tragischen Schicksalsschlägen auch helle Zeiten umfasst. Und auch die finden sich Lillys Haushaltsbuch, was etwas Trost spendet.


Sebastian Barry: „Mein fernes, fremdes Land“, erschienen im Steidl Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Petra Kindler und Hans-Christian Oeser; 272 Seiten, 18,80 Euro

Bild von Igor Ovsyannykov auf Pixabay

2 Kommentare zu „Sebastian Barry – „Mein fernes, fremdes Land“

  1. Eine feine Besprechung! Ich habe von ihm ja bislang nur „Tage ohne Ende“ gelesen, war auch da sehr begeistert. Aber dieses vierteilige Romanprojekt scheint ja fast noch interessanter zu sein – jedenfalls spricht es mich durch deinen Text nun richtig an.

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für die lobenden Zeilen. Mit „Tage ohne Ende“ hat meine Begeisterung für Barry begonnen. Ich kann auch seinen Roman „Ein langer, langer Weg“ aus der Dunne-Reihe sehr ans Herz legen. Viele Grüße nach Augsburg

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