Backlist #1 – Carmen Laforet „Nada“

„So sehr man sich auch drehte und wendete, man bewegte sich doch immer nur im Kreis derselben Menschen.“

Die Entscheidung, in sehr jungen Jahren das vertraute Zuhause zu verlassen und in eine fremde Stadt zu kommen, in der das Leben pulsiert, ist oftmals verbunden mit Hoffnungen, Wünschen, Träumen. Die neue Umgebung soll Veränderungen bringen. Nicht anders ergeht es der 18-jährigen Andrea, die ihre Eltern verloren hat und es wenige Jahre nach dem spanischen Bürgerkrieg nach Barcelona verschlägt. Sie will studieren, das Leben genießen, vielleicht die große Liebe entdecken. Die spanische Autorin Carmen Laforet (1921 – 2004) erzählt in ihrem Erstling „Nada“ von den Hoffnungen ihrer jungen Heldin und den Herausforderungen, denen sie sich stellen muss. 

Ein Platz in Barcelona nach ihr benannt

Mit diesem Romandebüt ist die damals 24-jährige Autorin und Journalistin schlagartig bekannt geworden. Das Buch verkaufte sich gut, erntete das Lob der Kritiker und brachte ihr den Nadal-Preis des Verlags Destino ein, der damals zum ersten Mal vergeben wurde. Es folgten weitere Romane, Erzählungen, Novellen, Essays sowie eine Reisegeschichte. An Laforet erinnern heute indes nicht nur ihre Werke: In mehreren Städten sind Straßen nach ihr benannt worden, in ihrer Geburtsstadt Barcelona trägt ein Platz ihren Namen.  Und als ich nun ihr Debüt, vor einigen Jahren als Paperback gekauft, aus dem Regal holte und las, kamen Erinnerungen auf an eine Reise in die katalanische Metropole 2016.

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Denn Barcelona ist Schauplatz des Romans. Die junge Heldin kommt in ein Haus in der Calle de Aribau, in dem mehrere Mitglieder ihrer Familie unterschiedlicher Generationen wohnen; so die Großmutter, zwei Onkel und eine Tante. Doch die kleine Wohnung für die Schar und die Familie bieten Andrea, der Ich-Erzählerin, keineswegs ein sicheres und friedvolles Zuhause. Es fehlt an Geld, es fliegen die Fetzen zwischen den Angehörigen. Nicht nur Wortgefechte werden hier ausgetragen. Andrea wird immer wieder Zeuge von Gewaltausbrüchen. Vor allem die beiden Onkel Juan und Román geraten aneinander, zwischen Juan und seiner Frau Gloria kommt es oft zum Streit, fallen unschöne Worte – auch im Beisein ihres kleines Sohnes, der völlig verängstigt wird. Andrea versucht, dieser Hölle zu entfliehen: Sie nimmt ein Studium auf, lernt die jungen Mitglieder eines kleinen Künstlerkreises kennen sowie Ena, die mit der Zeit zu einer Freundin und Vertrauensperson wird. Doch auch diese freundschaftliche Beziehung ist nicht frei von Spannungen, obwohl Andrea alles versucht, die Tochter aus sehr gutem Haus an sich zu binden, mit Freundlichkeit und kleinen Geschenken, und ihre eigene Armut und Bedürftigkeit auch aus Scham zu verbergen.

„Immer wieder überraschte es mich, daß in der Calle de Aribau die belanglosesten Vorfälle zu Tragödien anwachsen konnten, während die Bürde, die echte Besessenheit, an der jeder einzelne von ihnen zu tragen hatte, nur selten offen zur Sprache kam.“

„Nada“ erzählt neben den Hoffnungen einer jungen Frau, die nahezu allein auf sich gestellt ist, vor allem von Geheimnissen, die die Bindungen erschweren und wie ein dunkler Schatten über das Leben der Menschen liegt. Und es gibt so einige Geheimnisse in dieser Geschichte. Warum geht Gloria so spät noch aus dem Haus? Was bringt Tante Angustias dazu, die Wohnung und die Familie urplötzlich für immer zu verlassen? Weshalb besucht Ena Andreas Onkel Román so häufig? Ist es gar eine Liebschaft, die entsteht? Oder hat er eher ein Verhältnis mit Gloria? Im Jahr 1944 handelnd, bleiben die Auswirkungen des spanischen Bürgerkrieges indes im Hintergrund. Es gibt nur wenige Andeutungen zum Schicksal der Protagonisten, allerdings ist diese physische wie psychische Gewalt, die Verrohung der Menschen, Ergebnis von Krieg und Diktatur.

Intensive Lektüre

Gerade wegen der schwierigen Beziehungen bereitet der Roman eine spannende Lektüre. Zudem glänzt er auch sprachlich. Laforet bewies bereits als junge Frau und Autorin, über welche schriftstellerischen Fähigkeiten sie verfügt. Atmosphärisch und bildhaft durch poetische Vergleiche gestaltet sind ihre Stadtbeschreibungen, sehr intensiv ihre Dialoge und Auseinandersetzungen, die für eine beklemmende und erdrückende Stimmung sorgen. Bis zum Schluss hält sich die Spannung und eine suggestive Kraft. So ist „Nada“ es wert, auch weiterhin gelesen zu werden; auch unabhängig davon, dass der Roman mittlerweile als Klassiker der jüngeren spanischen Literatur gilt, den der große Mario Vargas Llosa in seinem Nachwort als „schön“ und „schrecklich“ bezeichnet und den er aufgrund einer noch immer bestehenden „Lebendigkeit“ besonders schätzt.

Eine weitere Besprechung gibt es auf der Seite von Sören Heim.

In der Reihe „Backlist“ werden Romane verschiedenster Verlage vorgestellt, die bereits vor einigen Jahren erschienen und womöglich bereits leicht in Vergessenheit geraten sind, doch die es wert sind, dass an sie erinnert wird. 


Carmen Laforet: „Nada“, erschienen als Taschenbuch 2015 im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Spanischen von Susanne Lange und mit einem Nachwort von Mario Vargas Llosa; 313 Seiten, 10,99 Euro