Zu Gast in Porrera – ein Weindorf als literarischer Ort

Von oben betrachtet scheint Porrera mit den umliegenden Weinbergen und Hügeln nahezu verschmolzen zu sein. Der 400-Seelen-Ort, gut zwei Autostunden südwestlich von Barcelona gelegen und nur über eine serpentinenreiche Straße zu erreichen, ist auf den ersten Blick ein recht beschauliches und ruhiges Dorf, in dem die Uhren etwas langsamer ticken, die Einwohner sich zu einem Schwatz auf den oft schmalen und steilen Straßen zusammenfinden oder sich in Grüppchen auf einer Bank niederlassen. Porrera ist – obwohl per se kein Touristenziel – berühmt für seinen Wein und womöglich auch bald dank eines Romans.   

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Im Insel Verlag ist mit „Die Frauen von La Principal“ das zweite Buch des katalanischen Liedermachers und Autors Lluís Llach und zugleich das erste in deutscher Übersetzung erschienen. Llach zählt zu jenen großen Namen in Katalonien, die wohl jeder Einwohner jener spanischen Region im Nordosten des Landes kennt. 1948 in Girona geboren, zählt er zu den prominentesten Verfechtern der Unabhängigkeit Kataloniens. Sein bekanntestes Lied „L’Estaca“, während der Franco-Diktatur im Pariser Exil verfasst, gilt als Hymne der Unabhängigkeitsbewegung und als Protestsong gegen politische Unterdrückung. Seine Person und sein politisches Engagement sowie sein Roman spiegeln das Thema Unabhängigkeit nahezu in zweifacher Form wider. Geht es nicht nur um eine besondere und stolze Region Spaniens, sondern konkret im Roman um die Unabhängigkeit und das Streben dreier starker Frauen, die über Generationen hinweg mit Ehrgeiz, Herz und Durchsetzungskraft ein Weingut verwalten. Der Zeitrahmen erstreckt sich dabei vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die jüngste Vergangenheit nach der Jahrtausendwende.

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Lluis Lach liest aus seinem Roman.

Porrera bilde dabei die Kulisse der Geschichte, wie Llach erklärte. „Der Ort findet sich 100-prozentig in diesem Buch und ist absolut präsent“, erzählte der Autor an einer großen Tafel sitzend seinen Gäste. Der Suhrkamp-Insel-Verlag hatte Buchhändler aus Deutschland und Österreich nach Spanien eingeladen. Llach stellte sich den Fragen der Besucher und bewies trotz des Ernstes jenes Themas reichlich Humor, der in seinem jüngsten Werk an vielen Stellen zu finden ist. Die Germanistin Rosa Sala Rose begleitete an jenem Tag die Gruppe und vermittelte als Übersetzerin zwischen beiden Sprachen. Der Roman sei nicht nur ein sehr facettenreiches Werk sowie Ergebnis seiner Erinnerungen – denn in der Kindheit habe er den Ort mehrfach gemeinsam mit der Mutter besucht. „Die Frauen der La Principal“ entstand auch auf recht spontane Art und Weise und sei Ausdruck von Improvisation. „Mein erster Roman hatte eine klare Struktur, im zweiten fehlt diese. Ich habe immer drauflosgeschrieben und fand mich plötzlich in einem Kriminalroman wieder, ohne es im Voraus beabsichtigt zu haben. Ich bin glücklich, wenn ich schreibe. Genau wie der Weinbau und das Liedermachen ist das Schreiben ein Prozess des Lernens“, sagte Llach, der als Markenzeichen eine dunkle Mütze trägt. In einigen Szenen habe er als Kirchengegner auch persönliche Rache geübt. „Die Kirche ist eng an die Politik gekoppelt“, kritisierte der Autor, dessen aktuelle „Obsession“, wie er sagte, eben sein Engagement in der Politik ist – als Mitglied des Landtags und als Präsident der Verfassungskommission.  Sein neuester Roman habe indes keine reinen katalanischen, sondern allgemein spanische Bezüge: „Ich möchte allgemein von den Menschen und ihren Problemen schreiben. Das Buch ist Abbild von menschlich-universellen Werten.“

Ein weiteres großes Thema des Romans sind der Wein und eine der großen Katastrophen, unter der die Winzerschaft in ganz Europa einst gelitten hatte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zerstörte die Reblaus große Teile der Anbaugebiete. Auch Pous und die Principal, Ort und Weingut im Roman, werden nicht verschont. Heute zählt Porrera mit seinen 17 Weingütern zum Qualitätsanbaugebiet Priorat, das rund 1.600 Hektar und 100 Güter umfasst. Die Rebstöcke wachsen vorwiegend auf Blau-Schiefer, der dem Wein seinen mineralischen Geschmack gibt, wie Andreas Claus erklärte. Llachs Agent und seit Jahrzehnten guter Freund des Autors führte vor der Lesung die Gruppe durch den Ort sowie in das Herz des Weingutes Llach, wo der Rebensaft sowohl in Edelstahltanks als auch traditionell in Fässern aus Eichenholz lagert. Neben dem Most von der 44 Hektar großen eigenen Fläche werde nach der Lese von September bis November ein Teil der Ernte von anderen Gütern aufgekauft. Rund 100.000 Flaschen werden pro Jahr abgefüllt. Die meisten werden nach Deutschland verkauft. „Das Weingut pflegt eine schonende Verarbeitung des Weines und die Verbindung zwischen Tradition und Moderne“, so Claus.

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Die Reise hatte indes nicht nur die pulsierende und lebendige Metropole Barcelona und als markanten Kontrast das urige Weindorf Porrera zum Ziel. Sie bot Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen und miteinander ins Gespräch zu kommen, über Bücher, Buchhandel und Verlag, allgemein das Lesen und speziell über die kommende Leipziger Buchmesse zu diskutieren – ob bei den gemeinsamen Essen, Flug und Busfahrt oder den Streifzügen. Mit dabei waren: Irmgard Bobbert (Buchhandlung  Reuffel, Koblenz), Hans Diehm (Buchhandlung Wittwer, Stuttgart), Franziska Fritz (Hugendubel im KaDeWe, Berlin), Iren Isberner (Unternehmensgruppe Dr. Eckert, Berlin), Jacqueline Masuck (Dussmann, Blog „masuko13“, Berlin), Petra Hartlieb (Hartliebs Bücher, Wien), Brigitte Wetter (Buchhandlung in Mauer, Wien), Björn Lauer (Hugendubel, Frankfurt/Main), Tanja Leck (Hugendubel, München), Gunther Philler (Jenaer Bücherstube, Jena), Ulrike Sander (Osiandersche, Tübingen), Walter Vennen (Buchhandlung Schmetz am Dom, Aachen), Andreas Wegscheider (Bunte Stube, Ahrenshoop) und Joachim Wrensch (Buchhandlung Graff, Braunschweig) sowie von Suhrkamp-Insel Simon Lörsch, Frank Wegner (beide Lektorat), Alexander Nedo (Vertrieb), Demian Sant’Unione  (Online-Redaktion) und Rolf Cordes (Außendienst).

„Zeichen und Zeiten“ verlost ein Exemplar des Romans „Die Frauen von La Principal“. Wer es gewinnen möchte, schreibt ein Kommentar zu diesem Beitrag. Die Glücksfee ermittelt am Buchmesse-Sonnabend, 19. März, mit geschlossenen Augen den Gewinner aus allen „Kommentatoren“. Eine Besprechung des Buches erscheint in Kürze auf diesem Blog. Ein großes Dankeschön geht an Suhrkamp-Insel, die diese wunderbare Tour ermöglicht hat, sowie an die Teilnehmer für viele interessante und inspirierende Gespräche.

Der Roman „Die Frauen von La Principal“ von Lluís Lach erschien im Insel Verlag, in der Übersetzung aus dem Katalanischen von Petra Zickmann, 319 Seiten, 19,95 Euro