Schmerz und Vergebung – Fernando Aramburu „Patria“

„Nichts wollte ich im Leben weniger als hassen.“

Es ist ein regnerischer Nachmittag, die Straßen sind leer. Keiner ahnt, dass es nur wenige Sekunden sind, die das Leben von zwei Familien für immer verändern werden. Der Fuhrunternehmer Txato wird in seinem baskischen Heimatdorf mit gezielten Schüssen getötet. Zeugen gibt es nicht. Doch schnell wird bekannt, wer hinter dem Mord steckt: die ETA. Verdächtigt wird Joxe Mari, Sohn von Miren und Joxian, die Freunde von Txato und seiner Frau Bittori sind. Beziehungsweise waren. Denn nach dem Attentat ist nichts mehr, wie es einmal war. Welche Folgen konkret diese Tat und allgemein der Terrorismus hat, erzählt der Spanier Fernando Aramburu in seinem meisterhaften Roman „Patria“.

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Metamorphose – Anna Katharina Hahn „Das Kleid meiner Mutter“

„Das gesamte Anderssein war ein Versprechen.“

Gut ausgebildet, aber chancenlos: Spaniens Jugend steht im Abseits. Die Eurokrise hat das Land tief getroffen. Wer kann und will, wandert  aus. Wer zurückbleibt, hat meist keine Arbeit oder einen schlecht bezahlten Job. Statt in einer eigenen Wohnung leben viele bei den Eltern. Auch Ana María Martínez Madrugada, kurz Anita Nanita genannt, trifft dieses harte wie ernüchternde Los einer vergessenen Generation.    Metamorphose – Anna Katharina Hahn „Das Kleid meiner Mutter“ weiterlesen

Schweigen und Schuld – Verena Boos „Blutorangen“

„Es  gibt das Gesagte und dahinter das, was aus der Dunkelheit ein Echo zurückwirft.“ 

Eine Hochzeit bringt zwei Familien zusammen. Die Spanierin Maria Teresa, kurz Maite genannt, heiratet ihre große Liebe Carlos aus München, den sie während ihres Studiums kennengelernt hat. Beide ahnen indes nicht, dass ihre eigenen Familiengeschichten wiederum Ausdruck der großen Geschichte sind. Eine Fotografie bringt die Tochter aus gutem Hause auf die Spur der dunklen Vergangenheit ihres Vaters. Und auch in Carlos‘ Großvater Antonio hat sich die Geschichte hineingeschrieben.    Schweigen und Schuld – Verena Boos „Blutorangen“ weiterlesen

Damen mit Zepter – Lluís Llach „Die Frauen von La Principal“

Was auf den ersten Blick wie ein Unglück erscheint, verkehrt sich ins Gegenteil. Es ist eine Überraschung, wenn nicht gar eine kleine Revolution, als der katalanische Gutsbesitzer Andreu Roderich von seinen insgesamt fünf Kindern der einzigen Tochter im Bunde das Weingut La Principal zuspricht. Es ist die Zeit, als die Reblaus grassiert und ganze Weinregionen auf einen Schlag vernichtet werden. Auch die La Principal  bleibt nicht verschont. Doch in jener Zeit, als die Gleichberechtigung noch weit entfernt und die Gemeinschaft patriarchalisch geprägt war, bildet die Entscheidung des Gutsherrn den Auftakt einer lange Epoche, in der Frauen das Zepter halten. Damen mit Zepter – Lluís Llach „Die Frauen von La Principal“ weiterlesen

Zu Gast in Porrera – ein Weindorf als literarischer Ort

Von oben betrachtet scheint Porrera mit den umliegenden Weinbergen und Hügeln nahezu verschmolzen zu sein. Der 400-Seelen-Ort, gut zwei Autostunden südwestlich von Barcelona gelegen und nur über eine serpentinenreiche Straße zu erreichen, ist auf den ersten Blick ein recht beschauliches und ruhiges Dorf, in dem die Uhren etwas langsamer ticken, die Einwohner sich zu einem Schwatz auf den oft schmalen und steilen Straßen zusammenfinden oder sich in Grüppchen auf einer Bank niederlassen. Porrera ist – obwohl per se kein Touristenziel – berühmt für seinen Wein und womöglich auch bald dank eines Romans.    Zu Gast in Porrera – ein Weindorf als literarischer Ort weiterlesen

Abschied – Milena Busquets „Auch das wird vergehen“

„Ich glaube, dass wir ein paar Dinge für immer verlieren. Ich glaube, sogar, dass wir mehr das sind, was wir verloren haben, als das, was wir besitzen.“

Nahezu jeder spürt die Furcht vor dem eigenen Tod sowie dem  Verlust eines geliebten Menschen. Wie wir mit dem unwiederbringlichen Ende umgehen, wird verschieden sein. Manchmal weigern wir uns, uns der Trauer zu stellen. Bis auch sie sich einstellt. Wenige Wochen nach dem Tod ihrer Mutter ist Blanca hin und hergerissen. Auf der einen Seite fühlt sie den Schmerz, auf der anderen Seite ist da das pure Leben mit Freundinnen, Männern und den beiden Söhnen. Der Sommersitz der Familie in dem beschaulichen Fischerdorf Cadaqués an der spanischen Mittelmeer-Küste verspricht Rückzug und Ablenkung zugleich.  Abschied – Milena Busquets „Auch das wird vergehen“ weiterlesen

Verloren – Joan Sales „Flüchtiger Glanz“

„Wir brauchen die Phantasie und das Mysterium, um diese Welt zu verwandeln, in die es uns verschlagen hat, ohne das wir wüssten, warum und auf welche Weise!“

Die Welt taumelt in Richtung Abgrund. Es sind nur noch wenige Jahre bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. In Spanien wird für das kommende Gemetzel geprobt. Nicht Länder prallen aufeinander. Im Bürgerkrieg (1936 – 1939) stehen sich politische Systeme und Weltanschauungen gegenüber. Viele Bücher gibt es über jene Jahre. Mit dem Roman „Flüchtiger Glanz“ des Katalanen Joan Sales (1912 – 1983) ist nun ein Meisterwerk wiederentdeckt und erstmals ins Deutsche übersetzt worden. Verloren – Joan Sales „Flüchtiger Glanz“ weiterlesen

Die Macht der Bücher – Almudena Grandes „Der Feind meines Vaters“

„Die Wahrheit ist das, was passiert ist und uns gefällt, aber auch das, was passiert ist und uns so abscheulich vorkommt, dass wir alles darum geben würden, es ungeschehen zu machen.“

Nichts ist, wie es scheint. Das merkt Antonio Perez, von allen nur Nino oder wegen seiner Körpergröße auch Knirps genannt, schnell. Er ist zehn und lebt mit seinen Eltern und den beiden Schwestern Dulce und Pepe in der Kaserne des kleinen andalusischen Dorfes Fuensante de Martos. Ninos Vater ist Beamter in der Guardia Civil, der paramilitärischen Polizei, deren Aufgabe es ist, gegen politisch Andersdenkende vorzugehen. Denn man schreibt das Jahr 1947 und Diktator Franco ist an der Macht. Die Macht der Bücher – Almudena Grandes „Der Feind meines Vaters“ weiterlesen

Flucht – Antonio Muñoz Molina "Die Nacht der Erinnerungen"

„Begeisterung und Panik wogten wie parallele Welten durch die Hitze der Nacht, in einem Fieber von Karneval und Katastrophe.“

Das Chaos zerreißt sein bisheriges Leben. Ignacio Abel, ein anerkannter Architekt und Bauhaus-Schüler, sieht sich 1936 an einem Abgrund stehen. Der Krieg hat Spanien erfasst. Die Hauptstadt Madrid wird Schauplatz des Klassenkampfes, die Gewaltspirale dreht sich und fordert unzählige Opfer. Männer, Frauen und Kinder, die durch Bomben, Straßenkämpfe und Hinrichtungen getötet werden. Mittendrin Ignacio auf der Suche nach seiner Geliebten Judith, die er ein Jahr zuvor kennengelernt hatte. Die Amerikanerin ist spurlos verschwunden, nachdem Ignacios Frau Adela dessen heimliche Beziehung entdeckte hatte und nachfolgend einen Selbstmord verübte, den sie indes überlebte. Mit den zwei Kindern zieht sich Adela in das Wochenend-Haus in den Bergen zurück. Nicht nur die erkaltete Beziehung des Paares auch Adelas Freitod-Versuch und das kritische Verhältnis zwischen ihren Eltern und ihrem Bruder Victor zu Ignacio belastet diese Ehe. Flucht – Antonio Muñoz Molina "Die Nacht der Erinnerungen" weiterlesen