Miqui Otero – „Simón“

„Der Zufall bringt das Leben durcheinander, die Fiktion hingegen ordnet es.“ 

Simóns Zuhause ist das „Baraja“, die urige Kneipe seiner Eltern, von Tante und Onkel in Barcelona. Seine Familie sind auch die Gäste, die vom Leben gebeutelt sind und nicht mit ihren ureigenen Lebensweisheiten und schrägen Kommentaren sparen. Hier wächst der Junge auf. Sein bester Freund und zugleich Mentor ist der zehn Jahre ältere Rico, der mehr großer Bruder denn Cousin ist. Nach dem Trubel der Johannisnacht, in dem Simón und Rico gemeinsam um die Häuser ziehen, verschwindet der Ältere spurlos und lässt seinen jüngeren Cousin zurück, der in den kommenden Jahren lernen muss, dass das Leben andere Wege geht, als in seinen heißgeliebten Büchern beschrieben wird.

Nach der Euphorie der Absturz

Nach dem jungen Helden, dessen Leben der Leser über mehrere Jahrzehnte begleitet, ist der Roman des Spaniers Miqui Otero zugleich benannt. Otero, 1980 in Barcelona geboren, kennt die Stadt wie seine Westentasche und wird als deren Chronist bezeichnet. Wir begleiten Simón von jenem schicksalhaften Tag im Sommer 1992, als er erst acht Jahre alt ist und die Stadt und das Land von der Euphorie der Olympischen Spiele beseelt sind, bis in das Frühjahr 2018, als von der überschwänglichen Begeisterung längst nichts mehr da ist, Spanien eine Krise erlebt und Simón von einer Reise um die Welt, die ihn als berühmter Koch in verschiedene Länder geführt hat, in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist.

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Diese wenngleich kurze Karriere ist dem Jungen, der, inspiriert von seinem Cousin-Bruder Rico, Bücher nahezu verschlingt und in Buch-Zitaten denkt, allerdings nicht in den Schoß gefallen, obwohl er schon in seiner Kindheit und Jugend sowohl seine Familie als auch die Gäste des „Baraja“ mit kulinarischen Leckerbissen überrascht. Doch es kommt die Zeit, in der er seine Familie, die heimische Kneipe, seine Heimatstadt und den geliebten Büchermarkt hinter sich lässt. Während seiner Ausbildung in einem baskischen Zwei-Sterne-Restaurant lernt er die andere, raue Seite kennen: Sid, Küchenchef wie Ekelpaket erster Güte, regiert mit eiserner Hand und macht den Praktikanten das Leben schwer. Hier macht Simón die Bekanntschaft mit Biel, Spross aus gutem Haus, und Candela, die ebenfalls in dem noblen Lokal jobben. Wie viele der Menschen, denen er im Laufe der Jahre begegnet, werden auch diese beiden immer wieder mit dem Helden verbunden sein. So wie der Roman diese besonderen Beziehungen, die ein Leben prägen, in den Mittelpunkt stellt, so rückt er auch die Schattenseiten und Brüche des Daseins in den Fokus, wobei das Buch neben seiner komischen Seite auch melancholische Züge zeigt.

„Romane und gute Menschen gehen der Sache auf dem Grund, wenn jemand sagt, es sei nichts.“

Nach seiner Zeit als viel gerühmter Koch fällt Simón in ein Loch. Nach seiner Rückkehr jobbt er als Kellner, später als Pizzabote und zieht wieder bei seinen Eltern ein, die schließlich ihre Kneipe an die Chinesen verhökern müssen. Doch er ist nicht die einzige Figur in diesem Buch, dem das Schicksal übel mitspielt. Auch Estella, ein Mädchen mit grünen Haaren, deren Vater trinkt, deren Mutter schließlich an Alzheimer erkrankt und die sich zur Aktivistin berufen fühlt, kennt die dunklen Seiten. Auch sie zählt zu den charismatischen Personen, die im Lauf der Geschichte immer wieder in das Leben Simóns eingreifen. War Rico über all die Jahre nur ein imaginärer Freund, taucht er nach einem umfangreichen Mail-Wechsel zwischen den Protagonisten schließlich ganz real wieder auf. Die Gründe für seine einstige überstürzte Flucht werden dabei ebenfalls erzählt wie auch seine Erlebnisse in den vergangenen Jahren, wobei an dieser Figur der Autor das Thema Schein und Sein trefflich abarbeitet.

Gesellschaftskritik pur

Otero, der 2012 mit dem Roman „Rayos“ sein Debüt als Autor feierte und seinen neuesten Streich zur kommenden Frankfurter Buchmesse mit Spanien als Gastland vorstellen wird, hat ein sehr lebendiges eindrückliches Buch geschrieben, das mit seinem weiteren Verlauf zunehmend an Tiefe und Ernsthaftigkeit gewinnt. In manchen Passagen findet sich Gesellschaftskritik, die in der derzeitigen mehrschichtigen Krise aktueller denn je ist und zum Nachdenken anregt. So heißt es an einer Stelle:  „Die Krise, sagte Estela immer, habe wie ein Kontrastmittel gewirkt: Sie habe sichtbar gemacht, wo im Körper, also im System, sich die bösartigen Stellen befinden. All das, was vorher schon krank gewesen sei, die Kluft zwischen Arm und Reich, die Ungerechtigkeit vererbten Vermögens…“ Dass der Autor trotz dieser Lawine an Schicksalsschlägen seine Protagonisten schließlich mit einer gemeinsamen Vision in ein Happy End führt, zeigt, wie verbunden er mit seinen Figuren ist, wobei auch der Leser den Charakteren sehr nahe rückt – dank des Erzählers, der immer wieder direkt sowohl den Leser als auch den Helden, in dessen Erlebnissen und Erfahrungen sich auch die jüngste Geschichte Barcelona widerspiegelt, anspricht.

So kann „Simón“ auf verschiedene Art und Weise gelesen werden. Das Buch ist Entwicklungs- und Familienroman sowie pulsierendes Porträt einer Stadt und einer Gesellschaft. Welches Thema jedoch das Werk auf seiner ganzen Länge begleitet, ist die Liebe zur Literatur. Immer wieder finden sich Zitate aus bekannten Werken oder von berühmten Autoren, wird zudem das Verhältnis zwischen dem realen Leben und der fiktiven literarischen Welt beleuchtet. Da wird wohl jeder Buchfreund Bleistift, Textmarker oder die berühmten bunten Klebezettelchen zücken, um seine Lieblingsstellen besonders sichtbar zu machen.


Miqui Otero: „Simón“, erschienen im Verlag Klett-Cotta, in der Übersetzung aus dem Spanischen von Matthias Strobel; 448 Seiten, 25 Euro

Foto von Florian Hofmann auf Unsplash

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