Lucia Jay von Seldeneck & Florian Weiß – „Berge“

„Die Mächtigkeit des Berges ist immer gegenwärtig.“ 

Unweigerlich geht der Blick nach oben. Berge sind Blickfänger, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, erheben sie sich doch aus der sie umgebenden Landschaft. Einige sind nur sanfte Hügel, andere wiederum spitzgezackte Riesen, die sich mehrere Tausend Meter gen Himmel erstrecken. Wann wenn nicht während eines Urlaubs in der Bergwelt wäre das neue Gemeinschaftswerk von Lucia Jay von Seldeneck und Florian Weiß die ultimative Lektüre. „Berge. 35 Geschichten zwischen unten und oben“ heißt es und begleitet mich aktuell während meiner Zeit in Österreich.

Prominente Bergfans

Wie der Titel es bereits verrät, entführt der Band zu 35 Erhöhungen aller Art – in verschiedene Zeiten und zu den unterschiedlichsten Orten dieser Erde, so dass der Leser eine Welt- und auch Zeitreise unternimmt. Neben eher unbekannten Bergen wie der Fliegeberg von Luftfahrt-Pionier Otto Lilienthal (1848 – 1896) oder der Bungsberg nebst Skilift zwischen Nord- und Ostsee gelegen dürfen bekannte Gipfel wie der Berg Sinai, der Olymp sowie Matterhorn und Mount Everest nicht fehlen. Dabei werden die einzelnen Geschehnisse aus ganz unterschiedlichen Perspektiven geschildert. So spricht unter anderem auch Gaia, die Mutter Erde, oder der Baum des Lebens. Wir treffen auf sowohl fiktive als auch reale Persönlichkeiten. Ex-Kanzlerin Angela Merkel und Bergsteiger Reinhold Messner wandern – nicht ohne indes dabei beobachtet zu werden – gemeinsam und einträchtig durch die Bergwelt, erhält Maler Emil Nolde einen Brief, in dem der Verfasser Nolde wegen seiner Begeisterung für die Berge kritisiert. Der Forschungsreisende Alexander von Humboldt findet sich in dieser Runde mit einem seiner Zitate ein, erzählt wird auch die Geschichte der englischen Gipfelstürmerin Elizabeth Barnaby.

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Doch Berge fordern nicht nur den Menschen heraus, erklommen zu werden. Schon von Beginn an sind sie oftmals Pilgerstätte, besondere spirituelle Orte. Die Zhongnan Berge in China gelten nicht nur als Rückzugsort, hier besinnen sich Menschen wieder auf die Lehren und Traditionen des Daoismus. Zum Kyaiktiyo in Myanmar pilgern hingegen seit Jahrhunderten Buddhisten. Der Berg Sinai ist heiliger Ort von zugleich mehreren Weltreligionen. Und womöglich sind es auch spirituelle Gründe, dass sich auf dem Tessiner Monte Veritá eine einstige Künstler-Gemeinschaft zusammenfinden konnte, der unter anderem kulturelle Größen wie Else Lasker-Schüler oder Hermann Hesse angehörten. Andere Texte erzählen wiederum vom Einfluss der Berge auf Politik und Kunst.

So wird jede Geschichte zu einer Lehrstunde, da jedes Bergporträt viele interessante und wissenswerte Details, unter anderem auch zur Geologie oder zur Entstehungszeit in Form eines Steckbriefes, bereithält. Spannend unter anderem die Geschichte zu einer schon für ausgestorben gehaltenen Stabheuschrecke sowie die Rettung des Alpsteinbocks, berührend hingegen die Erinnerung an den Fotografen Robert Landsburg, der bei seinem tragischen Aufstieg auf den Vulkan Mount St. Helens dessen Ausbruch mit der Kamera festhält und als letzte seiner Handlungen seinen Körper über seinen Rucksack legt, um die Kamera und damit die Aufnahmen der verheerenden Katastrophe zu schützen.

„Die Berge sind die Einheit zwischen dem Himmel und dem Menschen. Oben auf dem Berg verharrten wir sehr lange in Stille. Während die Wolken über uns hinwegzogen, sich lichteten und wieder zuwuchsen, bekam ich eine Ahnung davon, was damit gemeint war: Das Leben außerhalb der Zeit. Die Meister suchen es seit jeher in den Bergen zu erlangen. Es ist nicht zu fassen und noch weniger ist es zu beschreiben. Es ist und bleibt eine Ahnung – ….“

Wie vielfältig die Berge sind, so verschieden sind auch die Textformen, die die Berliner Autorin verwendet. Neben dem bereits erwähnten Humboldt-Zitat und dem Brief an Nolde lassen sich unter anderem ein Auszug aus dem Guinness-Buch der Rekorde oder eine Art Zeitleiste des 16. April 2010, als nach dem Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull der Luftverkehr über Europa zum Erliegen kommt, in diesem Band finden.  

Zeichnung Punkt für Punkt

Begleitet werden die Texte von den faszinierenden Illustrationen von Florian Weiß, der seine Werke auf ungewöhnliche Weise schafft: nämlich mit einer selbst gebauten Punktiermaschine, die noch immer ihren Dienst tut und seit ihrer „Geburtsstunde“ rund 30 Millionen Punkte „sinnvoll aufs Papier gebracht“ hat, wie im Anhang zu lesen ist. Die mehrfarbigen Bilder zeigen den Berg in seiner Gesamtheit oder spezielle Details. „Berge“ ist das bereits dritte Buch des Duos. Zuvor setzten sie ungewöhnliche Tiermeldungen aus zwei Jahrtausenden sowie mit dem „Logbuch“ Schiffe, die Legenden wurden, auf besondere Weise in Szene, wobei ersterer Band mit dem International Creative Media Award 2020 in Gold in der Kategorie Book Design/Buchausstattung geehrt wurde.

Florian Weiß demonstriert, wie mit der selbst gebauten Punktiermaschine Bilder entstehen.

Der neue Band – für die Gestaltung zeichnet Mara Burmester verantwortlich – kommt allerdings in einem deutlich kleineren Format als seine beiden Vorgänger daher – also bestens geeignet für den Wanderurlaub, denn ein Plätzchen findet dieses Buch in jedem Rucksack, das darüber hinaus ein großartiges Geschenk für Bergfreunde und Weltenbummler ist; weil es auf viele Arten gelesen werden kann: mal am Stück oder Geschichte für Geschichte, wobei vor allem die Bilder und die weitere Gestaltung des Bandes einladen, ihn immer wieder zur Hand zu nehmen. Ein großartiges kunstvolles Buch.


Lucia Jay von Seldeneck & Florian Weiß: „Berge. 35 Geschichten zwischen unten und oben“, erschienen im  Verlag Kunstanstifter, Buchgestaltung von Mara Burmester; 256 Seiten, 28 Euro

Foto von Clémence Bergougnoux auf Unsplash

3 Kommentare zu „Lucia Jay von Seldeneck & Florian Weiß – „Berge“

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