Schweigen und Schuld – Verena Boos „Blutorangen“

„Es  gibt das Gesagte und dahinter das, was aus der Dunkelheit ein Echo zurückwirft.“ 

Eine Hochzeit bringt zwei Familien zusammen. Die Spanierin Maria Teresa, kurz Maite genannt, heiratet ihre große Liebe Carlos aus München, den sie während ihres Studiums kennengelernt hat. Beide ahnen indes nicht, dass ihre eigenen Familiengeschichten wiederum Ausdruck der großen Geschichte sind. Eine Fotografie bringt die Tochter aus gutem Hause auf die Spur der dunklen Vergangenheit ihres Vaters. Und auch in Carlos‘ Großvater Antonio hat sich die Geschichte hineingeschrieben.   

Blut

Verena Boos widmet sich in ihrem Debüt „Blutorangen“ dem wohl düstersten Kapitel des 20. Jahrhunderts und einem der kaum bekannten, aber damit umso interessantesten Themen. Mit Hilfe von Antonio und einem seiner Freunde erfährt Maite, dass ihr Vater einst als Jugendlicher in der sogenannten Blauen Division gedient hat.  Dieses Heer aus spanischen Freiwilligen unterstützte die Deutsche Wehrmacht an der Ostfront, unter anderem auch bei der Belagerung Leningrads und dem Kampf gegen die russische Armee und Partisanen-Verbänden. Die bereits fragile Beziehung zwischen Vater und Tochter erfährt einen deutlichen Bruch. Maite hat sich, selbstbewusst und trotzig wie sie ist, schon früh gegen den autoritären Erziehungsstil ihres Vaters, eines hochrangigen Offiziers der Guardia Civil, aufgelehnt. Die junge Frau, die sich mit ihrem Weggang aus Spanien und ihrem Studium in der bayerischen Hauptstadt von ihrer Familie gelöst hat, wendet sich endgültig von ihrer Familie ab und entscheidet sich gegen eine Rückkehr in ihr Heimatland und für ein Leben in Deutschland. Doch auch in der Familie ihres Freundes  gibt es ein trauriges Kapitel. Antonio musste erleben, wie sein Vater während des spanischen Bürgerkrieges von Franco-Anhängern abgeholt und getötet wurde. Er floh daraufhin samt seiner kleinen Familie, mit seiner Frau und dem kleinen Sohn Pau. Zusammen strandeten sie im westfranzösischen Auffanglager Angoulême, wo sich jedoch die Wege der Familie fatalerweise trennten. Denn Antonio stieg fälschlicherweise in einen Güter-Zug ein, der in Richtung Mauthausen fahren sollte. In München konnte er indes aus dem Zug fliehen. Erst Jahre später kommt es zu einer Familienzusammenführung, wenn auch nur für eine kurze Zeit.

Die Beziehung von Maite und Carlos, der für die Bergrettung arbeitet, führt beide konträre Familiengeschichten, sowohl jene eines Aufsteigers als auch die eines Verfolgten, zusammen, die nach und nach Stück für Stück ans Licht kommen und auch für Spannungen sorgen. Die Autorin setzt in ihrem ersten Roman, der einen Zeitraum von mehr als sechs Jahrzehnten umfasst, die jüngste Vergangenheit und die ältere Geschichte geschickt gegeneinander und baut damit einen faszinierenden Sog auf. Dabei stellt Boos drei Zeitfenster besonders heraus: die Zeit des spanischen Bürgerkriegs und die Geschehnisse an der Ostfront,  das Jahr 1990, als Maite zum Studium nach München zog, sowie 2004, als Antonio gemeinsam mit seiner deutschen Schwiegertochter Margot, seinem Enkel Carlos und Maite nach Spanien fahren, wo während einer Ausgrabung die Überreste seiner Vaters geborgen werden sollen.

„Geschichte liegt verborgen in Flözen, unter all den Lagen von Danachgelebtem, dem, was Generationen ablagerten, willentlich oder unabsichtlich. Abdrücke auf der frischesten Schicht tilgen die Spuren des Vorvergangenen. Man gräbt sich schließlich Lage um Lage in die Vergangenheit und deckt die Geschichten in der Geschichte auf. Manchmal ist der Untergrund widerständig, mit verpresster Erde und Gestein, die das Verborgene nicht leichtfertig freigeben.“

Dieser Erstling der 1977 geborenen Autorin überzeugt nicht nur, er begeistert schlichtweg. Und die faszinierende kluge, wenngleich auch den Leser fordernde Erzählstruktur ist dabei nur einer der zahlreichen Gründe, warum ich diesen Roman so sehr schätze und sehr ans Herz legen kann. Boos beweist erstaunliche Hingabe für die Ausgestaltung ihrer Figuren und vor allem bei der Beschreibung der verschiedenen Beziehungen zwischen den Protagonisten. Da ist die innige Liebe zwischen Maite und Carlos, die warme Zuneigung zwischen Maite und Antonio, die Freundschaft zwischen Maite und der Haushälterin Maribel im Hause ihrer Eltern sowie die spannungsgeladene Verbindung zwischen Maite und ihrem Vater. Selbst zum Abschluss bleibt sie bei ihrer deutlich ablehnenden Haltung seines einstigen Einsatzes, der den Grundstein für seinen späteren Aufstieg in der Guardia Civil gelegt hat. Die verschiedenen Zeiten und Orte werden atmosphärisch dicht, bildhaft und sehr sinnlich beschrieben. Die Prosa ist wunderbar rund, teils poetisch und besitzt einen ganz eigenen Rhythmus.


„Blutorangen“ erzählt indes nicht nur große Geschichte. Es geht vor allem um menschliche Schicksale und menschliches Verhalten, allen voran das Schweigen der älteren Generation, Geheimnisse, die nicht einmal die engsten Familienmitglieder wissen, beispielsweise wie Maites Eltern zusammengefunden haben, sowie das anfängliche Desinteresse der jüngeren Generation. Dazwischen stößt der Leser auf markante symbolhafte Themen, die all die verschiedenen Zeitabschnitte wie einen roten Faden durchziehen: Das sind die Blutorangen, die Maite aus ihrer spanischen Heimat vertraut sind und mit denen sie später auf dem Münchner Großmarkt, auf dem sie arbeitet, zu tun bekommt. Das sind auch Fotos als Zeugen der Geschichte und auch die Züge, mit denen Menschen von Ort zu Ort fahren oder gebracht werden: Flüchtlinge, Gefangene, Soldaten, Reisende. Der Bahnhof in München ist der erste Eindruck, den Antonio, der rückblickend seine früheren Erlebnisse  in einer Du-Perspektive beschreibt, nach seiner Flucht von Deutschland erhält. Im Übrigen setzt die Autorin ein klares Zeichen für Menschlichkeit, Respekt und Toleranz, denn der Spanier wurde trotz der schwierigen Kriegszeit auf einem bayerischen Hof aufgenommen und somit vor seinem sicheren Tod bewahrt.

Die Frage nach dem Schweigen der Älteren ist ein in der Gesellschaft und in der Literatur wiederkehrendes Thema und gerade in den vergangenen Jahren erneut stärker ins Bewusstsein gekommen. Hinzu tritt indessen noch eine weitere Auseinandersetzung: die nach der Schuld, die Maites Vater von sich weist, während seine Tochter klar davon überzeugt ist; weil sie eben in München in einem spanischen Kulturzentrum all jene sieht, die einst vor Krieg und Verfolgung geflohen waren. Doch auch Antonio, der als Republikaner in Spaniens Bürgerkrieg zum Opfer wurde, fühlt eine gewisse Schuld – jene des Überlebenden.

Verena Boos ist für ihr Debüt im Januar dieses Jahres mit dem Mara-Cassens-Preis geehrt worden. Sie erhielt bereits 2015 den Debütpreis des Buddenbrookhauses Lübeck und den Grimmelshausen-Förderpreis. Preise sind bekanntlich in der Literatur nicht immer eindeutige und klare Gradmesser für Qualität. In diesem Fall sind es indes sogar drei, die vollkommen zurecht vergeben worden sind. Man kann gespannt sein auf ein kommendes Werk der Autorin – mit der Hoffnung, dass ihr herausragendes Debüt nicht untergeht in der Schnelllebigkeit der Zeit und von vielen gelesen wird.

Weitere Besprechungen gibt es auf „Das Debüt“ und „Lesekabinett Leipzig“.

Der Roman „Blutorangen“ von Verena Boos erschien im Aufbau Verlag; 411 Seiten, 19,95 Euro

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