Gerettet – Ingvild H. Rishøi „Winternovellen“

„Wieder hing alles zusammen. Nach einem Muster, in einem gewissen Sinn.“

Wenige Tage nach dem Frühlingsanfang über ein Buch zu schreiben, das den Winter im Namen trägt und auch in der kalten Jahreszeit zeitlich verortet ist, mag womöglich nicht passend erscheinen. Doch „Winternovellen“ der norwegischen Autorin Ingvild H. Rishøi ist ein besonderes Buch für jede Jahreszeit. Zudem gilt diese Besprechung auch dem diesjährigen Indiebookday, der am 26. März auf Werke aus unabhängigen Verlagen verstärkt aufmerksam machen will.

01c-winternovellen_cover_vorschau_record-pfefferDer schmale Band mit der visuell wie haptisch markanten Leinen-Gestaltung erschien im Open House Verlag Leipzig und zählt zu den Titel des Frühjahrprogramms. Die Autorin aus dem hohen Norden stellte ihr neuestes Werk jüngst auf der Leipziger Buchmesse vor. Es beinhaltet drei Novellen, die trotz verschiedener Helden und Geschichten mehrere Gemeinsamkeiten haben. In „Wir können nicht allen helfen“ lernt der Leser eine junge allein erziehende Mutter kennen. Sie ist mit ihrer kleinen Tochter Alexa auf dem Nachhauseweg. Um das Geld für den Bus zu sparen, gehen sie gemeinsam zu Fuß. Doch das Mädchen macht sich in die Hose. Die Mutter plant, ihr neue Unterwäsche zu kaufen. In „Der richtige Thomas“ wird eben von Thomas erzählt, der im Knast gesessen hat und einen kleinen Sohn namens Leon hat. Nach seiner Entlassung soll er das Kind zum ersten Mal für eine Übernachtung zu Hause behalten. Doch der Kauf eines Kissens für den Jungen stellt ihn vor erhebliche Schwierigkeiten. Last but not least: „Geschwister“. Berichtet wird darin von der 17-jährigen Rebekka, die mit ihren jüngeren Geschwistern Mia und Mikael, sieben beziehungsweise vier Jahre alt, aus der Großstadt ausbüxt, um auf dem Land zu einer Hütte einer Freundin zu gelangen.

Dabei sind es nicht nur Kinder, die in allen drei Novellen der Norwegerin im Mittelpunkt stehen. Sowohl inhaltlich als auch gestalterisch weisen die Geschichten Ähnlichkeiten auf. Jeder der Erwachsenen, dazu zähle ich auch Rebekka, hat einen herben Verlust erlitten und leidet unter Selbstzweifeln, obwohl alle drei sich sehr bemühen, das Kind zu beschützen, da sie es als ein besonderes Geschenk, als ein Wunder betrachten. Die junge Mutter hat ihren Freund verloren, der sich nicht mehr um sie und die gemeinsame Tochter kümmern will. Trotz der Geldsorgen soll es dem Kind gut gehen. Auch Thomas hat seine Partnerin „verloren“, der Sohn war quasi ein ungewollter „Ausrutscher“ und Ergebnis eines One-Night-Standes. Rebekka trauert hingegen um ihren verstorbenen Vater sowie um eine ehemalige Schulfreundin, die Norwegen verlassen hat. Sie fühlt sich als Beschützer ihrer Geschwister, scheint aber völlig mit dieser Situation überfordert zu sein.

Doch trotz ihrer Notlagen erhalten die Älteren plötzlich von ungewohnter Seite Hilfe. Die literarische Gattung der  Novelle zeichnet bekanntlich ein besonderes Merkmal  aus – das der „unerhörten Begebenheit“. Zudem schwankt das Geschehen zwischen Ordnung und Chaos, zwischen negativen Gedanken und Optimismus. Alle erwachsenen Protagonisten in „Winternovellen“ stehen vor einer Herausforderung,  vor Veränderungen, die sie erheblich herausfordern. Obwohl es auf den ersten Blick recht alltägliche Ereignisse, die im Übrigen alle im Winter geschehen, sind: ein Einkauf, eine Reise mit dem Bus zu einer Hütte. Denn äußere und innere Umstände erschweren die Situation. Bis indes ein Retter auftaucht, der handelnd eingreift oder Ratschläge vermittelt und damit Unterstützung gibt. Das ist ein unbekannter Mann im Einkaufszentrum, eine Therapeutin, eine Frau, die mit ihrem Auto unterwegs ist. Der Band zeigt auf sensible und warmherzige Weise, wie einfach es sei kann, mit Herz und Mitmenschlichkeit anderen zu helfen, und erweist sich dadurch als ein literarischer Hoffnungsspender.

„Ich bin mir nicht sicher, ob sie es wirklich weiß, aber so ist das Leben, ein verdammtes Meer, du landest so tief unten und dann wirst du wieder nach oben gespült, zuerst liegst du da am Strand und spuckst Salzwasser und Seesterne aus, und dann reitest du plötzlich ganz oben auf der Welle, und alles um dich glitzert.“ (Aus: „Der richtige Thomas“)

Neben dem aktuellen Geschehen gibt es Rückblenden auf vergangene Ereignisse. Hinzu tritt der persönliche Gedankenstrom, mit dem das Innenleben der Figuren mit seinen Erinnerungen und Reflexionen nach außen gebracht wird.  Ingvild H. Rishøi gelingt dies auf eindrückliche Weise. Eine ganz eigene Spannung entsteht, vor allem weil immer wieder mit bruchstückhaften Andeutungen letztlich die bedeutenden Teile der Geschichte wie bei einem Mosaik zusammengesetzt werden. Die Dialoge wirken lebendig, aber auch nachdenklich stimmend. Am Ende bleibt dem Leser genug Raum und Gelegenheit, die Story im Kopf weiterzuspinnen. Ein Gedankenspiel, das unheimlich reizt, denn die Autorin hat in einer sehr klaren prägnanten Sprache facettenreiche Charaktere geschaffen, die aufgrund ihrer Herkunft und Geschichte sehr berühren. Der Leser wird zu einem stillen Beobachter und fühlt sich in dieser passiven Rolle zugleich bedrückt, nicht eingreifen und helfen zu können.

Ingvild H. Rishøi, 1978 geboren und Verfasserin von Kinder- und Jugendbüchern, erhielt für den Band „Winternovellen“ mehrere Preise; so den Kritikerpreis, den renommierten norwegischen Bragepreis sowie den Preis der norwegischen Buchblogger. Dieser wird seit 2013 alljährlich in den zwei Kategorien Roman des Jahres sowie offene Klasse vergeben. Zum Blogger-Treffen, das jedes Jahr im September in Oslo stattfindet, werden die beiden Gewinner bekanntgegeben.

Noch ein Hinweis zum diesjährigen Indiebookday: Zahlreiche Informationen, so auch eine Liste mit Verlagen, hat Mara Giese von Buzzaldrins Bücher in einem Beitrag zusammengestellt.

 

„Winternovellen“ von Ingvild H. Rishøi erschien im Open House Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Daniela Syczek; 192 Seiten, 19,50 Euro

7 Comments

  1. Ich war auch auf der Lesung auf der Buchmesse. Hat mich auf jeden Fall neugierig gemacht 🙂 danke für die schöne Rezension. Jetzt werde ich mir das Buch wohl wirklich mal zu Gemüte führen 😉

    Viele Grüße
    Deborah von Sommerdiebe

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  2. Liebe Constanze, ich habe das schöne Bändchen über Weihnachten gelesen, in meinen neuen Blog eine kleine Rezension dazugeschrieben und gerade eben auf Deinen Blog gestoßen. Ich freue mich, von Dir diese ausführliche und intensive Rezension zu lesen und wünsche dem Buch viele, viele Leser.
    Herzlicher Gruß,
    Anja vom Schreibtischle

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