Damen mit Zepter – Lluís Llach „Die Frauen von La Principal“

Was auf den ersten Blick wie ein Unglück erscheint, verkehrt sich ins Gegenteil. Es ist eine Überraschung, wenn nicht gar eine kleine Revolution, als der katalanische Gutsbesitzer Andreu Roderich von seinen insgesamt fünf Kindern der einzigen Tochter im Bunde das Weingut La Principal zuspricht. Es ist die Zeit, als die Reblaus grassiert und ganze Weinregionen auf einen Schlag vernichtet werden. Auch die La Principal  bleibt nicht verschont. Doch in jener Zeit, als die Gleichberechtigung noch weit entfernt und die Gemeinschaft patriarchalisch geprägt war, bildet die Entscheidung des Gutsherrn den Auftakt einer lange Epoche, in der Frauen das Zepter halten.

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Das Leben von insgesamt drei Generationen lässt der katalanische Liedermacher und Autor Lluís Llach in seinem Roman „Die Frauen von La Principal“ erzählen. Es ist sein zweites Buch, das erste, das in deutscher Sprache erscheint. Im Mittelpunkt stehen Maria, Maria und Maria. Das sind Großmutter, Mutter und Enkelin, die in einem Zeitraum vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die ersten Jahre nach der Jahrtausendwende das Anwesen in dem kleinen Ort Pous in der Region Abadia führen. Das erfordert Einsatz, Stärke und weibliche Intuition, das mächtigste Haus im Dorf wirtschaftlich erfolgreich zu leiten, aber vor allem sich in einer Männerdomäne und gegen allgemeine gesellschaftliche Zwänge zu behaupten. Und es gelingt ihnen. Wie das weibliche Trio seine Macht beweist, zeigt sich auf ganz verschiedene Art und Weise. So lässt sich die „Alte“, die erste Maria an der Spitze, zum Gottesdienst in einer Sänfte tragen, wird ihre Tochter später die Regeln in ihrer Beziehung mit Lorenc, dem Angestellten und Sohn der Köchin Neus, mit dem sie einst aufgewachsen war, deutlich bestimmen. Er wird zu ihrem Geliebten, obwohl er Verhältnisse zu Männern, unter anderem zu Ricard, der ebenfalls zum Personal zählt und am Vorabend des spanischen Bürgerkriegs ein schreckliches Ende findet, pflegt.

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Übersetzerin Rosa Sala Rose, Lluís Llach und Andreas Claus (von links).

Wobei wir an dieser Stelle zum zweiten Charakter des Buches wären: „Die Frauen von La Principal“ ist auch ein fesselnder Kriminal-Roman. Denn wenige Jahre nach dem Mord an Ricard taucht im Ort und auf dem Anwesen Inspektor Lluís  Recader auf, der den Fall neu aufrollen will und auf der Suche nach dem Mörder ist. Mit ihm hat Llach hat eine recht eigenwillige Figur geschaffen. Er ist mit den Romanen von Agathe Christie aufgewachsen und pflegt noch immer eine besondere Beziehung zu ihren Büchern, die für den Polizisten auch als Quelle für berufliche „Inspirationen“ dienen. Gegen Ende sorgt er mit seinem Verhalten indes dafür, dass der Leser ihm mit etwas mehr Respekt begegnet. Allgemein beweist der Katalane mit seinem Roman ein besonderes Gespür und Herz für die Ausgestaltung seiner Helden. Auffallend ist vor allem die Menschlichkeit, mit der er die Angestellten des Anwesens zeichnet. Neben Lorenc, dem Geliebten von der Tochter der „Alten“  und Vater der dritten Maria, übernimmt vor allem Ursula, die Amme und gute Seele des Hauses, eine besondere Stellung ein: Sie ist Chronistin und Erzählerin. Schon früh ist sie auf das Gut gekommen und soll bis an ihr Lebensende für die Familie Roderich tätig sein. Sie blickt zurück und erzählt die Geschichte des Hauses und die Geschehnisse, als Maria als junge Frau das Gut von ihrem Vater Andreu übertragen bekommt.

„Ich weiß nicht, ob du eine Ahnung hast, was es damals bedeutete, eine Frau zu sein. Es war eine Art verdeckter Sklaverei; und das ist noch untertrieben, es war Sklaverei bei helllichtem Tag. Mit den Ketten der Tradition und den Fußschellen der Religion zwang die rückständige Moral die Frauen, sich einen Mann unterzuordnen, der ihre Minderwertigkeit obendrein für naturgegeben hielt. „

Natürlich zum großen Entsetzen ihrer vier Brüder. Die Spannungen zwischen den Geschwistern – die Brüder sind in sehr angesehenen Berufen tätig – erreichen den Höhepunkt, als nach dem Tod des Patrons das Erbe verlesen wird und Maria neben der „La Principal“ weiterer Besitz zugesprochen wird. Ein Streit im Haus des Notars der Familie während der Verkündung der Erben zählt zu den psychologisch ausdrucksstärksten des Buches. Obwohl zusammen eine Familie zeigt diese Szene, dass zwischen den Geschwistern keine Gefühle und Verbindungen, sondern vielmehr Neid und Hass existieren. Ein Kontrast zu der Liebe von Mutter und Tochter Maria über Standesgrenzen hinweg, die ältere findet in einem Musiker ihre große, wenn auch kurze Liebe, ihre Tochter in ihrem Gefährten aus Kindertagen und späteren Angestellten. Gerade diese ungewöhnliche Liebesbeziehung mit ihren innigen Gefühlen und ihrer sinnlicher Erotik und frei von jeglichen Zwängen erfährt ihre Tiefe vor allem am Ende, als ein zweites, nicht unwesentliches Geheimnis gelüftet wird, das zudem auf die fehlende Toleranz gegenüber Homosexuellen und deren Verfolgung zu jener Zeit verweist.

„La Principal“ ist ein facettenreicher Roman, der neben großen Szenen indes auch die kleinen stillen beschreibt. Hineingewoben in diesem kraftvollen Erzählstrom aus verschiedenen Zeiten und historischen Ereignissen wie die Reblaus-Katastrophe und den spanischen Bürgerkrieg mit der anschließenden Franco-Diktatur sind sowohl ein lebendiger Humor als auch deutlich kritische Töne, die sich vor allem gegen die Kirche richten. In einigen Szenen habe er als Kirchengegner auch persönliche Rache geübt, erklärt Llach. Zwischen all jenen menschlichen Biografien und Schicksalen strömt der Hauch Kataloniens heraus.  Dieses Buch lebt und atmet und ist deshalb ein ganz spezielles Lese-Erlebnis. Einzige kleine Bedingung: Es benötigt etwas Zeit, um sich zu Beginn in den Wechsel der Zeiten und in die kursiv gesetzten Rückblicke Ursulas einzulesen und sich daran zu gewöhnen.

Das Exemplar, das mit dem Beitrag „Zu Gast in Porrera – ein Weindorf als literarischer Ort“ mit Hilfe der Glücksfee verlost wurde, geht an Therese Beck. Herzlichen Glückwunsch!

Der Roman „Die Frauen von La Principal“ von Lluís Llach erschien im Insel Verlag, in der Übersetzung aus dem Katalanischen von Petra Zickmann; 319 Seiten, 19,95 Euro

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