Metamorphose – Anna Katharina Hahn „Das Kleid meiner Mutter“

„Das gesamte Anderssein war ein Versprechen.“

Gut ausgebildet, aber chancenlos: Spaniens Jugend steht im Abseits. Die Eurokrise hat das Land tief getroffen. Wer kann und will, wandert  aus. Wer zurückbleibt, hat meist keine Arbeit oder einen schlecht bezahlten Job. Statt in einer eigenen Wohnung leben viele bei den Eltern. Auch Ana María Martínez Madrugada, kurz Anita Nanita genannt, trifft dieses harte wie ernüchternde Los einer vergessenen Generation.   

KleidDoch das Leben der Ich-Erzählerin im neuen Roman von Anna Katharina Hahn wird von einen Tag auf den nächsten auf den Kopf gestellt. Sie findet ihre Eltern tot in deren Schlafzimmer. Anstatt einen Arzt und einen Bestatter zu rufen, lässt sie Vater und Mutter, die zuvor über Unwohlsein geklagt hatten, in der Madrider Wohnung verbleiben – leblos wie sie sind. Bruder Angel, der in Deutschland in einer Baufirma schuftet, weil er als Literaturdozent keinen einzigen Euro verdient, weiß nichts von diesem Drama. Eine Metamorphose beginnt: Anita streift das Kleid ihrer Mutter über und verwandelt sich in sie. Nachbarn und Bekannte erkennen sie nicht mehr, glauben, Blanca, die Mutter, vor sich zu sehen. Nur die Freunde aus Anitas Clique wissen, wer trotz dieser Verwandlung vor ihnen steht. Doch dies ist nicht die einzige Überraschung: Anita stößt auf Geheimnisse ihrer Eltern, denn beide hatten heimliche Beziehungen. Mutter Blanca zu einem mysteriösen deutschen Schriftsteller namens De Ruit, der Vater Oscar, ein angesehener Literaturkritiker, zu De Ruits Übersetzerin Carmen, die zwar aus Spanien stammt, aber mittlerweile zurückgezogen im ostdeutschen Oderbruch lebt. Briefe sowie SMS, die Blancas Mobiltelefon erreichen und auf die Anita antwortet, verraten das Doppel-Leben der Eltern und verleihen den recht einsamen Tagen der jungen Frau, die sich von ihren Freunden abkapselt und eher Zugang zu einer Schildkröte namens Achilles findet, eine gewisse Spannung.

Schon allein diese Kombination aus Gesellschaftskritik an einer Zeit, in der die junge Generation ohne Perspektive ist, in ihrem Tatendrang ausgebremst wird, sowie einer geheimnisvollen Familiengeschichte, in der jener öffentlichkeitsscheue und nicht unumstrittene Schriftsteller eine ganz wesentliche Rolle spielt, erscheint eigenwillig und kontrastreich. Doch Hahn zieht den Leser noch weiter in ein nahezu rätselhaftes, auch grausiges Geschehen, das mich sehr an den bekannten deutschen Romantiker E.T.A. Hoffmann erinnert hat. Die Autorin lässt Anita, die in einer Szene zudem in die Rolle ihres Bruders schlüpft, erzählen, wie die Körper der Toten sich verändern, sich vor allem verkleinern. Hinzu kommen ein brutales Schauermärchen und eine Begegnung am Ende des Romans, die den Leser verstören können.

Der Text des Romans besteht aus verschiedenen Segmenten: Neben der Erzählung Anitas werden Briefe, SMS, Zeitungsartikel sowie Geschichten, die sich die Mitglieder der Clique gegenseitig erzählen, eingebettet, so dass das eigentliche gegenwärtige Geschehen von wenigen Tagen zeitlich bis zurück  in die 30er- und 40er Jahre, in denen De Ruit als Gernot Alwin Stähle und Sohn eines Chemikers aufwächst, aufgespannt wird. Er fungiert in diesem Roman als Verbindung zwischen Spanien und Deutschland sowie teils auch zwischen den einzelnen Lebensgeschichten, von denen berichtet wird; so auch die besonderen Erlebnisse und menschlichen Tragödien der Übersetzerin Carmen. Sprachlich ist „Das Kleid meiner Mutter“ meisterlich. Hahn, die bereits mit mehreren literarischen Auszeichnungen geehrt wurde und 2012 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, entwirft detailreiche Szenen, vor allem Einzelheiten wie Kleidung, Schmuck und körperliche Merkmale rückt die Autorin mit viel Liebe und Akribie in den Vordergrund.

„Madrid ist die Stadt, die nie schläft, klar, aber es ist dort nicht einfach, wenn man blank ist. Wir sollten eigentlich zu Hause in unseren Kinderbetten liegen wie tot, wie Dornröschen hinter der Dornenhecke, und erst wieder zum Vorschein kommen, wenn der rettende Prinz im Anmarsch ist. Aber da ist weit und breit niemand in Sicht.“

„Das Kleid meiner Mutter“ ist ein facettenreicher Roman. Er erzählt einen Generationenkonflikt genauso wie die versuchte Annäherung Anitas an ihre Eltern. Auch Geheimnisse sowie Verwandlungen werden in dem Roman als Themen verhandelt. Nicht nur Anita durchlebt eine Metamorphose, auch De Ruit lässt seine einstige Identität zurück, um ein wechselvolles Leben zu führen und ein anderer Mensch zu werden. Das Buch erscheint wie eine verrückte, aber liebenswerte Freundin, deren Verhalten einen immer wieder Rätsel aufgibt, deren tragisches Schicksal einen jedoch tief berührt. Wer glatt gebügelte Stories mag, wird diesen Roman, der mit seiner wunderschönen Covergestaltung auffällt, mit großer Wahrscheinlichkeit irritiert und womöglich auch schockiert zur Seite legen. Wer sich an trotzigen wie herausfordernden und genreübergreifenden Geschichten reiben will, der wird in dieses Buch mit Begeisterung und Spannung eintauchen. 

Weitere Besprechungen gibt es von Marina Büttner auf „literaturleuchtet“ und von Claudia Pütz auf „Das graue Sofa“

Der Roman „Das Kleid meiner Mutter“ von Anna Katharina Hahn erschien im Suhrkamp Verlag; 311 Seiten, 21,95 Euro