Stunde Null – Hans Fallada „Der Alpdruck“

„Das Leben geht weiter – sie werden diese Zeit überleben, sie, die durch Gnade Übriggebliebenen, die Hinterbliebenen. Das Leben geht immer weiter, auch unter Ruinen.“ 

Ohne übertreiben und andere Autoren vergessen zu wollen, kann er zu den größten Chronisten der 30er und 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gezählt werden:  Hans Fallada (1893 – 1947). Mit der Neuausgabe und Urfassung seines letzten und 1947 erschienenen Romans „Jeder stirbt für sich allein“ und auch internationalen Erfolgen Jahrzehnte nach seinem Tod ist der Schriftsteller wieder verstärkt in das literarische Bewusstsein gekommen. Sein im selben Jahr veröffentlichtes Buch „Der Alpdruck“ erzählt von den Monaten nach Kriegsende und seine eigene persönliche Geschichte.

FalladaIm Mittelpunkt des Geschehens stehen der Schriftsteller Dr. Doll und seine um einige Jahre jüngere Frau Alma. In den Jahren des Dritten Reiches ausgegrenzt und verfolgt, ist der Autor erleichtert, als der Krieg beendet ist, die rote Armee auch in die mecklenburgische Provinz vorrückt. Andere nehmen sich das Leben, verschanzen sich in ihre Häuser oder fliehen in die Wälder. Nicht so Doll und seine Frau, die die Russen freundschaftlich empfangen. Zum Ärger der anderen Einwohner des Provinzstädtchens. Doll wird zum Bürgermeister ernannt, ist diesem Amt jedoch seelisch und körperlich nicht gewachsen. Er wird von Alpträumen, in denen er in einen tiefen Bombentrichter gestürzt ist, geplagt. Mit seiner Frau zieht er nach Berlin, in die Stadt der Trümmer und Ruinen. Die eigene Wohnung finden sie zwar nahezu unzerstört, aber bereits in Beschlag genommen. Eine Odyssee beginnt. Der Autor und seine Frau verscherbeln ihren Besitz und werden im Sanatorium beziehungsweise im Krankenhaus wegen ihres schlechten gesundheitlichen Zustandes aufgenommen, wo sie in den Morphium-Rausch fliehen. Doll treibt schließlich auch der Gedanke, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, um;  vor allem die Unmenschlichkeit des Krieges sowie die Zerstörungen und Opfer lassen ihn am Menschen zweifeln. Doch vor allem Menschen, denen er oft überraschend begegnet und die ihm helfen, lassen ihn wieder Hoffnung schöpfen – am Guten im Menschen; sei es die Frau, die Lebensmittel gibt, oder der Verleger sowie der Autor, die Doll wieder ins Berufsleben zurückbringen wollen.

Der Roman setzt im April 1945 ein und führt bis in den Sommer des folgenden Jahres. In dieser Zeit erlebt das Paar längere Trennungen und ein stetiges Auf und Ab – wie es vielen Helden in Falladas Büchern geschieht. Beide schwanken zwischen Apathie und Lebensfreude. Rückblicke, vor allem als Gedankenstrom, führen zudem in die Jahre des Krieges, in denen Doll einen schweren Stand hatte, während andere, vor allem Kleingeister dank der Nazis ihren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg erleben. „Der Alpdruck“ sammelt all das, was die damalige Zeit, die sogenannte Stunde Null, ausgemacht hat: die Euphorie im Dritten Reich und letztlich die Schock-Starre des ganzen Volkes, die Trecks der Flüchtlinge, die Städte als Trümmerwüsten, führende Nazis, die vor allem mit der Flucht in den Westen wieder ihre Stellung in der Gesellschaft finden, die Frauen, die ihre Männer und Söhne verloren haben und die Last auf ihren Schultern wissen, die Bürokratie, die auch nach Kriegsende zu funktionieren weiß, die Schwarzmärkte, mit denen wenige reich, die meisten arm werden. Auch die Frage, die viele Autoren umtreibt, wie soll man angesichts eines solchen verheerenden Ereignisses wie jenen Weltkrieg wieder schreiben, wird thematisiert.

„Sie waren wieder zu Kindern geworden, die nur dem Heute, ohne einen Gedanken an den kommenden Morgen, leben, aber sie besaßen nichts mehr von der Unschuld der Kinder. Sie waren entwurzelt, sie, dieser Kuhhirte und diese Sackträgerin, die Vergangenheit war ihnen entglitten und ihre Zukunft war zu ungewiss, sich mit Denken daran zu beschweren. Ziellos trieben sie auf dem Strom des Lebens dahin – wozu lebte man eigentlich?“

„Der Alpdruck“, 1946 entstanden, ist wohl Falladas persönlichstes Buch, weil er mit Dr. Doll als Alter ego hier über die letzten Jahre seines Lebens berichtet. Den Abschluss des Spätwerks überlebte der Autor nur um einige Monate, die Erscheinung indes nicht: Er starb im Februar 1947 im Alter von gerade mal 53 Jahren in Berlin. Die junge Alma ist Ursula Losch, die er 1945 geheiratet hat, ein Jahr nach der Scheidung von seiner ersten Frau Anna. Auch der Alkoholismus, die Drogensucht und die Aufenthalte in diversen Kliniken basieren auf realen Umständen. Der Autor, der Doll wieder zum Schreiben verhilft, ist kein Geringer als Johannes R.Becher, der nach Falladas Tod einen Nachruf verfasste, der in der aktuellen Ausgabe des Aufbau-Verlags nebst Vorwort des Verfassers und des Verlags sowie biografischen Daten aus dem Leben Falladas zu finden ist. Material, das diesen Band sehr bereichert. Becher rühmt in seinem Text vor allem Falladas Gabe, sowohl gesellschaftliche Zustände als auch die Menschen in all ihrer Verschiedenheit literarisch zu fassen und zu beschreiben. An einer Stelle heißt es: „Er verfügte über die breiteste Skala menschlicher Empfindungen. Nichts Menschliches, nichts Unmenschliches ist ihm fremd geblieben. Die verborgensten Gefühle schlug er an, und nichts Unbewusstes fehlte auf seiner Tastatur, und das Außergewöhnliche und Problematische wusste er verständlich und zugänglich zu machen in einer schlichten, volkstümlichen Sprache.“

Gerade deshalb hat Falladas Werk bis heute nicht an Wert verloren, vielmehr ist dieser gewachsen. Denn gerade in einer Gesellschaft, die in Teilen die Geschichte des Landes zu vergessen oder zu negieren scheint, übernimmt ein Chronist als mahnender Erinnerer weil Augenzeuge eine ganz wesentliche Rolle. Hoffentlich  bleibt das große Interesse an Falladas Schaffen weiter von Bestand – als Wertschätzung sowohl der schriftstellerischen Leistung als auch des Engagements des Aufbau-Verlags um das Werk des Autors.

Der Roman „Der Alpdruck“ von Hans Fallada erschien 2015 im Aufbau-Verlag als Taschenbuch-Ausgabe; 285 Seiten, 9,99 Euro