Warum ich lese

Mit seinem Beitrag „Warum ich lese“ hat Sandro Abbate auf seinem Blog „novelero“ ein Thema berührt, das nachfolgend viele weitere Blogger beschäftigt hat. Unterschiedliche Einblicke in Lesebiografien und persönliche Gedanken sind so entstanden. Dies ist nun meine Geschichte.

Alles begann, als ich klein war. Sehr klein. Es war die Zeit, als meine Mutter noch die Angewohnheit hatte, mir mit einem zuvor mit Spucke angefeuchteten Taschentuch dezent die „Eis-Schoko-Schnute“ zu beseitigen oder mich beim Gehen an der Hand zu halten. In jenen Jahren nahm sie mich regelmäßig mit in die Bibliothek unseres Heimatortes. Sie stöberte in den Buchregalen, ich schaute mir die Bilderbücher an und fühlte mich sehr gut aufgehoben. Ich stamme aus eher einfachen, nicht-bildungsbürgerlichen Verhältnissen: Mein Mutter arbeitete als Verkäuferin, mein Vater als Maschinist. Ich wuchs in der DDR auf, was hieß: Es gab Bücher in den Buchhandlungen, es gab Bücher als sogenannte „Bückware“ durch gute Beziehungen, es gab Bücher, die in der DDR entstanden waren und für gute Devisen ins Ausland verkauft wurden. Mein Vater brachte mir Mitte der 80er Jahre einen Band mit Märchen von Ludwig Bechstein aus der Sowjetunion mit. Der Preis: drei Rubel, elf Kopeken. Das Buch ist noch immer in meinem Besitz, könnte allerdings bald die Zuwendung eines Buchbinders  benötigen.

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Eines meiner Lieblingsbücher aus Kindertagen. Das Buch hat etwas gelitten.

Die kleine Bücherei war nachfolgend mehrmals im Monat mein Ziel, jene im Nachbarort im Übrigen auch. Im Teenager-Alter konnte ich nie genug bekommen: Ich nahm mehr Bücher mit, als ich in der Ausleihzeit lesen konnte, las, was ich sonst noch in die Hände bekam. Von „schwerer Kost“ bis hin zu Groschenromanen. Als Fan der Jerry-Cotton-Reihe wollte ich später bei der Kriminal-Polizei arbeiten. Es wurde nichts draus. Wahrscheinlich hätte ich den Sport-Test auch nicht bestanden. Die Schuljahre gingen ins Land, ich las mehr als Gleichaltrige, hatte immer ein Buch in der Schultasche. Ein Großteil des Taschengelds ging für neue Lektüre drauf. Stets zum Geburtstag und zu Weihnachten gab es Bücher als Geschenk. Mitschüler fragten mich nach der Schullektüre aus, wenn sie diese selbst nicht gelesen haben. Vorzugsweise in den Pausen, der Lehrer nicht in Sicht. Es gab Lehrer, die mich ermutigt haben, mehr zu lesen.  Ich bin ihnen heute sehr dankbar dafür. Meine Liebe für Bücher und Literatur brachte mich dazu, Germanistik mit Schwerpunkt Literaturwissenschaft in Leipzig zu studieren. Ein Fach, das leider den Studenten ihre Begeisterung auch nehmen kann.

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Die Literatur Norwegens – mein Steckenpferd.

Mit der Zeit hat meine Liebe für Literatur zu merkwürdigen Verhaltensweisen und Ritualen geführt. Einige davon werden anderen wohl auch vertraut sein: so die schon suchthaften Besuche von Buchhandlungen und Bibliotheken. Komme ich in eine fremde Stadt, gehe ich immer in einen Buchladen – ob groß oder klein. Ich glaube, ich gebe mehr Geld für Bücher aus als für Schuhe. Einen Fernseher besitze ich nicht, dafür eine immens lange Wunsch-Leseliste. Meine Vorliebe gilt besonders der Literatur aus dem hohen Norden, speziell jener Norwegens. Nicht nur weil ich nach einem Au-pair-Aufenthalt und einigen Reisen dieses Land lieben gelernt habe. Meine Großmutter war Norwegerin und mit einem Soldaten nach Deutschland gekommen. In der DDR lebend, erhielt sie tragischerweise nie mehr zu Lebzeiten die Gelegenheit, ihr Heimatland zu sehen. Es könnte eine Familiengeschichte für einen Roman sein.

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Ich hoffe, ich schockiere nicht. Geordnetes Chaos. Umzug geplant.

Ich lese sowohl um der Welt zu entfliehen, als auch diese kennenzulernen, obwohl es vermessen ist zu glauben, man könne mit Büchern das Leben vollständig erklären. Es ist ein sehr zwiespältiges Gefühl, darüber nachzudenken. Ich denke, Bücher haben mein Wesen deutlich beeinflusst. Mich treibt die Neugierde an, mit Büchern Wissen zu sammeln – über Menschen, über Länder, über all das, was uns umgibt oder dank der Fantasie entsteht. Es ist stets eine Reise im Kopf, die mir unendlich viel Freude beschert und immens viel bedeutet. Auch wenn es mich melancholisch macht, dass die Lebenszeit nicht ausreicht, all die wertvollen und besonderen Bücher zu lesen. Während des Lesens fühle ich mich zudem sehr entspannt, umgeben von einer großen Ruhe. Man könnte es Lese-Yoga oder -Meditation nennen.

Ich finde es traurig, dass Vielleser oft als Nerds oder als Außenseiter gelten. Sollte es nicht andersherum sein? Ist Literatur, allgemein Kunst und die Sprache nicht das, was uns Menschen letztlich ausmacht?  Deshalb bin ich sehr glücklich darüber, in den letzten beiden Jahren via Blog und Web viele weitere Extrem-Leser mit der gleichen Euphorie für das Gedruckte gefunden zu haben. Das zeigt mir: Wir sind nicht allein!

PS: Mit Mutter gehe ich immer noch in die Bibliothek und in die Buchhandlung, wenn ich sie besuche. Regelmäßig machen wir uns Buchgeschenke, dann und wann auch ohne einen gewichtigen Anlass – einfach so zwischendurch. Zuletzt gab es für sie einen Krimi.

PPS: Meine Mutter war bis zu ihren letzten Lebenstag umgeben von Büchern. Sie waren eine wichtige Verbindung zwischen uns. Die schönsten Erinnerungen bleiben, auch meine tiefempfundene Dankbarkeit: Ohne sie wäre ich nicht der Mensch mit dieser Leidenschaft für Literatur geworden. Du fehlst!