Von Stimme und Lampenfieber – Warum ich vorlese

Denke ich an meine Kindheit zurück, fallen mir vor allem natürlich das Lesen und das Verschwinden in den geliebten Büchern und Geschichten ein. Aber es gab da noch eine andere Szene: Ich mit der Haarbürste in der Hand „singe“ einen Hit der Pet Shop Boys. Warum nun gerade die Pet Shop Boys kann ich nicht genau sagen. Aber ich gab jedenfalls als Sängerin in meinem Playback mein Bestes. Gestenreich sprang und tanzte ich in meinem Kinderzimmer umher, die Bürste als Mikrofon vor meinem Gesicht. Warum ich nicht wirklich sang, bis heute nur allein meist während des Autofahrens, liegt daran, dass ich meine Stimme, ihre Tonlage und den sächsischen Akzent, in den ich immer noch leicht verfalle, nicht wirklich mochte und bis heute nicht wirklich mag. Auch das obligatorische Sprechtraining während meines Studiums hat mir nicht geholfen, ein A eben wie ein A auszusprechen und nicht wie ein Zwischending von A und O.

Besondere Bindung zwischen Vorleser und Zuhörer

Doch seit einiger Zeit überwinde ich meine Scheu: Denn ich lese nicht nur für mich, wie es ich es in meinem Beitrag „Warum ich lese“ geschrieben habe, sondern ich lese auch sehr gern vor für andere, wo und wann immer sich eine Gelegenheit bietet. In der Adventszeit in einem Café, regelmäßig zur Kriminacht, die in Naumburg, wo ich wohne, an jedem Freitag, dem 13. stattfindet, zuletzt in einem Jugendzentrum. Denn ich glaube, dass das Vorlesen nicht nur zum bundesweiten Vorlesetag, der alljährlich und in Kürze wieder am 17. November mit zahlreichen Aktionen stattfindet, von Jung wie Alt gepflegt werden sollte.

Und das hat mehrere Gründe. Das Vorlesen gibt mir die Möglichkeit, Bücher zu empfehlen. Denn ich lese nur aus jenen Titeln vor, die ich schätze und mag. Über das Vorlesen entsteht eine besondere Bindung zwischen Zuhörern und dem Titel sowie zwischen dem Zuhörer und dem Lesenden. Es ist immer ein besonderes Gefühl, die erwartungsvollen und interessierten Blicke des Publikums zu sehen. Deshalb schwingt auch bei jedem Mal im Hintergrund ein gewisses Lampenfieber mit – obwohl ich mich meist gut vorbereite, die Seiten markiere und den Text mir selbst oft vorlese. Da zittern mir schon mal die Hände, scheint meine Stimme noch recht leise zu sein. Nach wenigen Minuten habe ich meist mich gefangen und das Publikum ist mit mir in der Geschichte angekommen.

Krimi-Nacht Naumburg

Während der Naumburger Kriminacht am 13. Oktober.                    Foto: Torsten Biel

Natürlich sind diese Aktionen nicht frei von kleinen Pannen. Es gibt Versprecher, der Mund wird trocken. Im Café hören nicht alle zu, denn einige unterhalten sich. Ein anderes Mal spreche ich nicht richtig ins Mikrofon und ich bin nicht gut zu hören. Eine Lesung bleibt mir dabei besonders in Erinnerung: Es waren Geschichten rund um Pu der Bär, die ich sehr mag und die ich im Naumburger Jugendzentrum „Otto“ vorstellen wollte. Während des Vorlesens bekam ich ein Lachanfall, weil das Publikum bereits seine Heiterkeit durch Kichern oder Lachen zeigte und mich regelrecht damit angesteckt hatte. Ich musste den Raum verlassen und dachte, ich könnte nach einer Pause und etwas Durchatmen und Tränentrocknen wieder in den Text einsteigen. Doch weit gefehlt. Ein anderes Buch musste her. Dies zeigt, dass mitunter auch ein gewisser Funke vom Publikum überspringen kann. Besonders schön ist die spätere Resonanz auf den „kleinen Auftritt“. Zuhörer, die sich einen Buchtitel notieren, die mit einem Lächeln berichten, dass es einfach schön war, einmal zuzuhören.

Eine Stimme für die Bücher

Ich glaube, dass Vorlesen die Literatur erlebbar und für viele zugleich zugänglich macht. Es ist ein gemeinsames Erlebnis – für den Vorleser wie für den Zuhörer. Mit dem Vorlesen bekommen Bücher eine Stimme, die weit mehr umfasst, als die reinen Buchstaben und Wörter auf dem Papier. Deshalb ist das Vorlesen für Kinder auch so wichtig: Hier kann durch ein Erlebnis die erste Liebe zu den Büchern und dieses Gefühl, dass sie etwas Besonderes sind, entstehen. Doch ich gebe auch die Hoffnung nicht auf, dass man auch Erwachsene, die nicht so oft oder sogar nie lesen, dadurch animieren könnte, wieder ein Buch zur Hand zu nehmen. Ob nun Kinder oder Erwachsene – bei mir spielt es keine Rolle, wen ich vorlese. Wichtig ist nur, dass ich konzentriert dabei bin und hinter dem Buch stehe.

Dies ist im Übrigen mein 400. Beitrag, ein Jubiläum also für mich. Vor sechs Jahren ging mein Blog an den Start, aus dem dringenden Bedürfnis heraus, über Literatur zu schreiben, Bücher zu empfehlen. In dieser Zeit ist viel passiert: Ich habe viele Menschen kennengelernt, mit denen ich sehr gern über Bücher spreche, in deren Runde ich Gleichgesinnte gefunden haben, die es in meinem persönlichen Umfeld nicht so sehr gibt. Dafür bin ich unendlich dankbar – auch für die vielen Begegnungen, Erfahrungen und Aktionen, an denen ich teilnehmen durfte, sowie das Vertrauen und die Resonanz von Verlagen und Autoren. Die Blogger-Szene nahm im Laufe der Zeit nicht nur Gestalt an, sie wurde immer größer und scheinbar unfassbarer, eine spannende Entwicklung, die mich jedoch manchmal – obwohl mittlerweile ein „alter Hase“ – das irritierende und leicht ermüdende Gefühl gibt, in der Masse unterzugehen, nur einer von vielen zu sein. Trotzdem mache ich weiter. Der Bücher wegen und all jenen, die sie lieben oder beginnen zu lieben. Und natürlich auch für mich, weil das Lesen und Schreiben ein bedeutender Teil von mir ist und bleiben wird.


Mein Beitrag „Warum ich lese“ erschien in dem Band „Warum ich lese. 40 Liebeserklärungen an die Literatur“, erschienen im Homunculus Verlag; 208 Seiten, 12,90 Euro

Foto: pixabay