Familie – Vicente Valero „Die Fremden“

„Keine Biografie, mag sie noch so kurz sein, ist frei von Labyrinthen – wer sie betritt, läuft Gefahr, nie mehr herauszufinden.“

Es gibt sie wohl in jeder Familie: Verwandte, die die Heimat verlassen, ein besonderes Leben in der Ferne geführt haben, die in den Gesprächen zu Familienfeiern immer wieder erwähnt werden, aber für die meisten trotzdem ob der Entfernung fremd geblieben sind. Der spanische Autor Vicente Valero nähert sich in seinem Roman „Die Fremden“ diesen Phänomen an. Gleichzeitig ist sein Werk eine Hommage an das Familienleben und seine Heimatinsel Ibiza.

Vier Männer, vier Schicksale

Dabei fällt es auf den ersten Blick und nach dem ersten Blättern schwer, dieses Buch einen Roman zu nennen, besitzt der Band doch einen recht schmalen Umfang. Das Inhaltsverzeichnis weist zudem vier in sich abgeschlossene Geschichten aus. Doch wer mehr und mehr liest, wird die Zusammenhänge erkennen. Ein namenloser Ich-Erzähler widmet sich Mitgliedern seiner Familie, die allgemein die Heimat, im Besonderen die Insel Ibiza, verlassen haben. Meist nicht nur auf dem spanischen Festland leben, sondern während ihres Lebens und im Laufe ihrer beruflichen Karriere fremde Länder kennengelernt haben. Das sind der Leutnant Mari Juan, der Bruder von des Erzählers Großmutter, Alberto, Onkel und Bruder des Vaters, Großonkel Cervera sowie Großonkel Major Chico. Sie alle haben einen unterschiedlichen Lebensweg eingeschlagen, die sie zu meist schillernden Personen dank ihrer besonderer Biografie werden ließen: Den Leutnant verschlug es mit der Armee nach Afrika, Alberto war ein angesehener Profi-Schachspieler, Cervera ein umjubelnder Tänzer. Chico musste während des spanischen Bürgerkriegs als Republikaner in das französische Exil gehen.

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Der Erzähler kennt die Hälfte der insgesamt vier Männer persönlich nicht, sind doch zwei bereits vor seiner Geburt gestorben. Nur wenige Erinnerungen aus der eigenen Kindheit hat er zudem an die beiden anderen Verwandten, die eines Tages auf der Insel wieder aufgetaucht sind. Durch die Erinnerungen der Familienmitglieder, durch Zeugnisse wie Briefe und Fotos bleiben die „Fremden“ indes weiter lebendig. Ein Phänomen, das den Ich-Erzähler sehr beschäftigt.

„Wie diese Leute tatsächlich waren, werden wir dagegen nie wissen, kein Mensch hat es bis jetzt herausgefunden, kein Buch war imstande, es zu erklären. Weshalb Major Chico für mich stets vor allem der Onkel meines Vaters war und immer noch ist und dazu einer der fremden Verwandten, deren Leben und machtvolle Abwesenheit sich in regelmäßigen Abständen bei uns zu Hause bemerkbar machten. Dass wir die Erinnerung an ihn heraufbeschwörten, konnte unterschiedliche Gründe haben, zumeist ging es um moralische Integrität und seinen Idealismus, auch wenn er sich durch Letzteren offenbar nicht selten zu allen möglichen Irrtümern hinreißen ließ.“

Obwohl in vier für sich stehenden Geschichten gegliedert, fügen sich die Handlungen zu einem großen Bild – das einer Familie, in der trotz der „fremden“ Verwandten Beziehungen sowie ein gemeinsames Bewusstsein als Familie bestehen. Dem Erzähler fällt schließlich eine besondere Aufgabe zu: Er führt die Schicksale zusammen und wird in der letzten Geschichte, der wohl intensivsten des Bandes überhaupt, eine spezielle Verantwortung freiwillig übernehmen.

Spannung durch besondere Lebenswege

Dabei benötigt es durchaus Zeit, sowohl die einzelnen Verwandtschaftsverhältnisse zu erkennen, als auch mit dem Stil des Buches „warm“ zu werden. Die Sätze sind lang, oft mit Einschüben versehen, was das Lesen zu Beginn etwas erschwert. Wenn man indes den Faden aufgenommen hat, lässt man so schnell nicht los. Allzu interessant sind die Biografien der „Fremden“, allzu sympathisch erscheint das Interesse des Erzählers, sich gerade mit den für ihn unbekannteren Verwandten zu beschäftigen. Denn gerade in dieser Fremdheit scheint ein gewisser Reiz, eine besondere Spannung zu liegen, sich mit den Lebenswegen auseinanderzusetzen.

Inwieweit das Werk auch autobiografisch geprägt ist – Valero, 1963 auf Ibiza geboren, könnte rein rechnerisch der Erzähler sein, der zudem die Insel und ihren Wandel zum beliebten Urlaubsziel kennt -, mag ich an dieser Stelle nicht sicher behaupten. Ganz sicher bin ich allerdings in meiner Meinung, dass sein Roman ein intensives Leseerlebnis bietet – vor allem für all jene, die stille tiefgründige Familiengeschichten mögen. Ein literarischer Blick auf die „Vertrauten“ in der Familie als Nachfolger könnte diesen Band sehr gut ergänzen.


Vicente Valero: „Die Fremden“, erschienen im Berenberg Verlag, aus dem Spanischen übersetzt von Peter Kultzen; 128 Seiten, 22 Euro

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