Lebensgemälde – Markus Orths „Max“

„Kunst ist keine Ewigkeitsreligion. Kunst ist das Fest des Augenblicks.“

Er nennt sich Loplop oder kurz nur Max. In sein bewegtes, wechselvolles wie reiches Leben hat sich das 20. Jahrhundert mit seinen goldenen und seinen dunkelsten Jahren sowie die Liebe zu und von sechs Frauen eingeschrieben. Max Ernst (1891 – 1976) zählt zu den großen Namen der modernen Kunst. Über den Maler, Bildhauer und führenden Vertreter der Dada-Bewegung hat Markus Orths nun einen Roman geschrieben, der Ernst sicherlich gut gefallen hätte.

Prägende Frauen und Freunde

Denn Orths gelingt es auf faszinierende weil unglaublich lebendige Weise, die Biografie von der Kinderheit in Brühl am Rhein bis zum Tod an der Seite seiner sechsten Liebe und vierten Ehefrau, der amerikanischen Künstlerin Dorothea Tanning, sowie die Ereignisse seiner Zeit wie die Farben und Schichten eines großen Gemäldes ineinanderfließen und überlagern zu lassen. Die sechs Frauen, denen Ernst verfallen war und mit denen er eine längere Beziehung pflegte, bilden den roten Faden und die sechs großen Abschnitte, in denen der Roman gegliedert ist: Da ist die Kunsthistorikerin Luise „Lou“ Straus, die Ernst vor dem Ersten Weltkrieg, dessen Grausamkeit er als Soldat leibhaftig erlebt, heiratet, da ist die junge Russin Helena Diakonowa, nur Gala genannt, die mit Ernst und dessen Freund Paul Éluard ein Dreiecksverhältnis führt und später Muse von Salvador Dali werden soll. Die französische Malerin Marie-Berthe Aurenche lernt Ernst ebenfalls in Paris kennen, dort wo er mit den großen Namen des Surrealismus wie André Breton zusammenkommt und leidenschaftlich diskutiert. Die schöne Engländerin Leonora Carrington ist die vierte Frau, Frau Nummer 5 die umjubelte Peggy Guggenheim, die in jener Zeit ihre bis heute berühmte Kunstsammlung aufbaut. Mit seiner letzten Gefährtin Dorothea Tanning verbringt er den größten Lebensabschnitt; nahezu 25 Jahre.

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Schon mit dieser Liste an Namen wird klar, welche schillernden Personen dem Künstlerkreis angehörten, zu dem Ernst zählte, mit welchen Berühmtheiten er Umgang pflegte, während seines Lebens kennenlernte oder enge, oft auch lebenslange Freundschaften pflegte, wie beispielsweise auch den nicht minder herausragenden Künstler Hans Arp.

Doch Ernst lebt nicht nur das schillernde und intensive Künstlerdasein. Er kämpft als Soldat an der Front, lernt während des Zweiten Weltkrieges in Frankreich das bedrückende Lagerleben kennen, ist auf der Flucht vor den Nazis, die Frankreich besetzt halten. Eine besonders beängstigende Episode: als der Zug mit Lagerinsassen in Richtung Freiheit und Küste wieder aufgrund eines Missverständnisses zurückgeschickt wird. Die mit unzähligen Papieren ausgestattete Reise von Frankreich nach Portugal, um von dort einen Clipper der Pan American Airways in Richtung New York zu besteigen, zeigt diese menschenunwürdige Bürokratie und die unermessliche Furcht zu scheitern während seiner Flucht, die identisch mit so vielen Menschen dieser Zeit ist.  Seine Rettung verdankt er Peggy Guggenheim und  der amerikanischen Organisation Emergency Rescue Committee mit dem amerikanischen Journalisten Varian Fry an der Spitze, die im Laufe der Kriegsjahre zahlreiche Flüchtlinge, darunter bekannte Künstler und Intellektuelle wie Lion Feuchtwanger, Hannah Ahrendt oder Heinrich und Golo Mann, das Leben retten konnte. Ernsts erste Frau Lou soll dieses Glück nicht haben: Sie wird trotz der Bemühungen auch des gemeinsamen Sohnes Jimmy, der bereits in den USA lebt, 1944 nach Auschwitz deportiert, wo sie umgebracht wurde.

„All das gipfelte in dem Wunsch nach einem automatischen Leben, einem Leben und Lieben ohne jedes Tabu, nur dem verschrieben, was wirklich und unbedingt ans Licht will.“

Diese zahlreichen Leben und Schicksale zusammenzuführen, ohne dabei im Leser Verwirrung zu stiften, ist nicht die einzige beeindruckende Leistung des Romans; im Verlauf der Handlung kommen noch weitere interessante Begegnungen hinzu, die an dieser Stelle nicht verraten werden. Orths lässt zudem von der Tiefe und der Besonderheit der einzelnen Beziehungen erzählen. Auch, dass Ernst nicht unbedingt der Traum aller Schwiegermütter und -väter ist, sondern im Gegenteil mit Skepsis und später auch mit Wut betrachtet wird. Denn nach der ersten leidenschaftlichen Zeit erfahren Ernst und seine Frauen durchaus später in der jeweiligen Bindung Fremdheit und Schmerz. Selbst die Freundschaften zu Künstlerkollegen sind nicht völlig frei von Spannungen. Ernst erscheint als ein charismatischer, von der Kunst schier besessener Mann. Dieses Leben, das sich völlig  der Freiheit und einer grenzenslosen Kunst verschreibt, steht im Mittelpunkt dieses Romans.

Sprudelnde Lebendigkeit

Und wie Orths es schafft, dieses Sprudelnde und diese Lebendigkeit des großen Künstlers, aber auch die Schattenseiten seines Lebens in Worte fassen, ist zweifellos herausragend zu nennen. Er fängt diese Kraft, diese Leidenschaft und diese Intelligenz ebenso ein wie die Stille der Tragik und des Scheiterns. Mit einer virtuosen wie grenzenlosen Sprache, Perspektivwechseln, knackigen Dialogen und eindrucksvollen Bildern. „Max“ bietet ein unvergessliches und vor allem lehrhaftes Leserlebnis – ein großes Panorama des 20. Jahrhunderts in Worte gefasst, das ich nicht nur in diesem Leseherbst, sondern sicherlich auch in der kommenden Zeit immer wieder gern empfehlen werde.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „literaturleuchtet“, „Zeilensprünge“ und „Wortmax“.


Markus Orths: „Max“, erschienen im Hanser Verlag; 576 Seiten, 24 Euro

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