Der Sohn – Lukas Hartmann „Finsteres Glück“

„Im Universum gibt es keinen Platz fürs Paradies.“

Die Fragilität unseres Lebens wird uns nie im Alltag deutlich. Es sind vielmehr besondere Momente, tragische Unfälle oder schwere Krankheiten, die uns an die Endlichkeit erinnern und daran, dass nichts selbstverständlich ist. Lukas Hartmann beschreibt in seinem Roman „Finsteres Glück“ jenen Moment, der den Alltag von einer Tragödie trennt, sowie von der schmerzvollen Zeit der Trauer ob eines schier unermesslichen Verlustes.

978-3-257-24094-8Der kleine Yves verliert während eines Unfalls die Eltern und seine zwei Geschwister. Er ist der einzige Überlebende, den Rettungskräfte aus dem völlig zerstörten Auto der Familie bergen können. Das Fahrzeug war aus noch ungeklärter Ursache in einem Tunnel verunglückt – auf der Rückfahrt aus dem Elsass, wo die Familie die Sonnenfinsternis beobachtet hat. Als Spezialistin für Psycho-Traumatologie wird Eliane Hess hinzugezogen. In der Klinik trifft die Psychologin zum ersten Mal auf den achtjährigen Jungen. Ihr obliegt es, das Kind zu betreuen, es vor negativen Einflüssen zu bewahren und die Behörden zu beraten. Denn neben unsensiblen Medienvertretern, die über den tragischen Unfall berichten wollen, fordern auch besitzergreifende Verwandte, wie die Tante und die Großmutter des Jungen, Zugang zu dem Kind.  Mit der Zeit gewinnt Eliane das Vertrauen von Yves. Gleichzeitig überschreitet sie trotz Warnungen ihrer Kollegen die Grenzen der Professionalität und die Distanz zum Fall: Sie nimmt das Kind bei sich auf – in einer Zeit, in der ihre eigene Familie von Spannungen gezeichnet ist. Das  Verhältnis der allein erziehenden Mutter zu ihren eigenen beiden Kindern, den Töchtern Helene und Alice, ist leicht gestört. Doch mit Yves in ihren Reihen rückt die Familie mehr und mehr zusammen, bis der Junge jedoch der Tante zugesprochen wird, die allerdings vor enormen Schwierigkeiten im Umgang mit dem Kind steht.

Auf den ersten Blick erscheint die Geschichte von Yves und Eliane, die Beziehung zwischen dem Waisenkind und der Psychologin, sehr geradlinig. Doch Lukas Hartmann  webt in und um diese Story weitere Geschichten, Themen und Personen, so dass ein sehr facettenreiches und spannungsgeladenes Geschehen entsteht. Da ist zum einen der persönliche Hintergrund und die eigene Tragödie im Leben von Eliane, die ihren ersten Mann Norbert, Vater von Helene, ebenfalls durch ein tragisches Geschehen verloren und sich von ihrem zweiten Partner Adrian, wiederum Vater von Alice, getrennt hat. Das Verhältnis zu den Töchtern ist schwierig: Helene, Jura-Studentin, vermeidet den Kontakt zur Mutter und zieht sich meist in ihr Kämmerlein zurück, um sich tieftrauriger isländischer Musik hinzugeben. Alice, noch Schülerin, macht die ersten zwiespältigen Erfahrungen  in Sachen Liebe. Hinzukommen zudem zwei rote Fäden, die unterschiedlicher nicht sein können: Das Thema Unfall und Traumata, der Umgang mit einem Waisenkind als einziger Überlebender, spielt eine ganz wesentliche Rolle, das sehr tiefgründig und anschaulich aufgearbeitet wird. Yves‘ Verhalten ist unberechenbar. In manchen Situationen scheint ihn der Verlust der eigenen Familie kaum zu tangieren. Dann wiederum zeigt er Anzeichen eines dramatischen Schocks. Es braucht Zeit, bis er seinen Schmerz und seine Trauer nach außen zeigt. Mit einem ganz bestimmten Ritual und einem plötzlichen Geständnis schockiert er jedoch selbst die Psychologin, die sicherlich einiges gewohnt sein sollte.

„Ich mochte es, wenn Yves‘ Backen sich röteten und seine Augen vor Begeisterung leuchteten. Es gab jedoch immer wieder Aussetzer. Da stockte er plötzlich mitten im Satz, sein Gesicht verschloss sich. Ich war sicher, dass ihn in solchen Momenten die Toten riefen.“

Der zweite rote Faden ist ein eher historischer. Er erzählt die Geschichte der Entstehung des Isenheimer Altars und die des Malers Mathis (Matthias Grünewald), der mit seiner Frau ebenfalls einen Jungen aufgenommen hat. Seine religiösen Malereien mit biblischen Szenen bilden eine besondere Verbindung zur Gegenwart: Zum einen wird in einer Szene die Sonnenfinsternis dargestellt, die Yves mit seiner Familie erlebt hat. Zum anderen zeigt sich Eliane fasziniert von den Malereien.

Das Geschehen ist nicht nur reich an überraschenden Wendungen – so treibt auch die Suche nach der Unfallursache und die schweren Konflikte in Yves Familie, die den Jungen bereits vor der Tragödie traumatisiert haben, die Handlung voran. Die Handlung wird dabei aus mehreren Perspektiven erzählt. Hauptsächlich berichtet Eliane über das Erlebte und die eigene Vergangenheit, bis im Schlussteil jedoch auch Adrian seine Sicht auf die Dinge niederschreibt. Die eingebettete Geschichte rund um den Altar wird von einem weiteren Erzähler geschildert.

„Finsteres Glück“ ist ein Roman, dem es gelingt, den Leser sehr zu berühren und womöglich auch zu schockieren. Faszinierend vor allem: Hartmanns detailreiche und genauen Beschreibungen des Verhaltens der Protagonisten und der verschiedenen Konflikten, die sich auflösen oder gar steigern können.  Viele Szenen haben eine sehr große Symbolkraft, allen voran die häufig zu findende Gegenüberstellung von Licht und Dunkelheit. Die Harmonie im Allgemeinen – so zeigt es der Roman – steht meist auf einem sehr rissigen Fundament und kann von einer Minute auf die andere schlagartig und mit Leichtigkeit weggewischt werden. Dass der Schweizer Autor dann ein sehr versöhnliches Ende findet, in dem auch Elianes Ex eine wichtige Rolle zuerkannt wird, scheint für einige vielleicht nach all den Turbulenzen etwas glatt gebügelt zu sein. Andere schreiben die Geschichte von Yves in ihrem eigenen Kopf weiter und wissen, dass solch ein unermesslicher Verlust und die vorhergehenden Erlebnisse des Jungen in einer zerrütteten Familie niemals ungeschehen gemacht werden können.

Der Roman „Finsteres Glück“ von Lukas Hartmann erschien im Diogenes-Verlag; 320 Seiten, 10,60 Euro