Über den großen Teich – Cynthia Ozick „Miss Nightingale in Paris“

„Ein Karneval, um sich die Zeit zu vertreiben. Ihr kommt hierher und wisst nicht einmal, warum.“

Die USA sind ein großes Land mit vielen Menschen, mit vielen interessanten Autoren. Und immer wieder schafft es auch hierzulande ein neuer und noch unbekannter Name, Aufmerksamkeit zu erlangen. So manche literarische Entdeckung hat es in den vergangenen Jahren gegeben. Persönlich stieß ich nun beim Stöbern in einer Buchhandlung auf den Roman „Miss Nightingale in Paris“ der Amerikanerin Cynthia Ozick

9783548287683_coverDas Buch der 1928 in New York geborenen Schriftstellerin ist ihr bisher jüngstes und war 2010 in ihrer Heimat erschienen. Ihr Debüt feierte sie mit dem Roman „Trust“ im Jahr 1966. Für ihr Werk, das zudem Essays und Erzählungen umfasst, wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet. Die „New York Times Book Review“ bezeichnete sie als eine der „besten und elegantesten Stilistinnen“.  Ein Urteil, das  sich auch in ihrem jüngsten Roman bestätigt. Erzählt wird darin von der Lehrerin Beatrice Nightingale. Von ihrem Bruder Marvin, einem sehr erfolgreichen Unternehmer, erhält sie den Auftrag, dessen Sohn Julian von Paris in die USA zurückzubringen, obwohl Bruder und Schwester seit mehreren Jahren keinerlei Kontakt pflegen. Sie lebt in New York, er in Kalifornien und nicht nur ein ganzer Kontinent trennt sie voneinander. Bea reist im Juli 1952 nach Frankreich. Doch ihr liegt nicht viel daran, ihren Neffen zu einer Rückkehr zu bewegen, der in der Metropole an der Seine sich als Autor ausprobiert und mit Lili nicht nur eine um einige Jahre ältere Frau, sondern auch eine rumänische Emigrantin geheiratet hat. Schließlich fliegt auch Julians Schwester Iris ohne das Wissen ihres Vaters über den großen Teich, um sich von den väterlichen Ketten loszureißen. Bea geht ein weiteres Mal auf den Wunsch ihres Bruders ein und reist ein zweites Mal in die französische Hauptstadt.

Auf den ersten Blick erscheint die Geschichte recht unaufgeregt und unspektakulär. Doch nach und nach wird der Leser Zeuge von zwischenmenschlichen Spannungen und Auseinandersetzungen. Vor allem die Briefe von Marvin, Bea, Iris und Marvins Frau Margarete, die in einer Nervenheilanstalt lebt, lassen eine Familie erkennen, in der es unter der Oberfläche heftig brodelt. Marvin will für seine beiden Kinder eine achtbare Karriere in den USA. Ein unsicheres „künstlerisches Lotterleben“ kann er sich nur schwer für Sohn und Tochter vorstellen. Der Grund seiner Haltung liegt in der eigenen Familienherkunft begründet: Jüdische Vorfahren waren als Auswanderer von Osteuropa nach Amerika gekommen. Beas und Marvins Eltern führten ein einfaches Leben als Ladeninhaber. Ein Erbe, das Marvin vergessen und hinter sich lassen will, vor allem auch durch die Heirat in eine angesehene amerikanische Familie. Sein Blick auf seine Schwester, die nach einer Scheidung zurückgezogen und in bescheidenen Verhältnissen lebt, ist herablassend und von cholerischen Anwandlungen geprägt. Doch Bea weiß sich zu behaupten, sie nimmt die Fäden selbst in die Hand und vermag es, geschickt in die Zukunft von Neffe und Nichte einzugreifen. Nicht alles, was in Paris geschieht, reicht sie als Nachricht an ihren Bruder weiter. Sie agiert geschickt mit Halbwahrheiten und Ausflüchten. Selbst Julians Heirat mit Lili, die ihre Familie im Krieg verloren hat, offenbart sie Marvin erst recht spät.

„Sogar mit dem Licht schien etwas nicht zu stimmen, als wäre an diesem Morgen die Sonne in einem falschen Winkel aufgegangen, ein Schiff in der Gewalt eines unzuverlässigen Steuermanns. Dieses Licht war anders als das kalifornische Licht: Es fiel aus einem so viel kleineren, so viel älteren Himmel, einem uralten Himmel, an dem zerknitterten Wolken hingen.“

Wer darauf hofft, Paris in all seiner Pracht vorzufinden, wird leider enttäuscht sein. Vielmehr legt Ozick den Schwerpunkt auf das Innenleben der Figuren, die Motive ihres Handelns und das Verhältnis zwischen den Familienmitgliedern. Vor allem wird der Roman durch seine Kontraste geprägt. Der reiche erfolgreiche Marvin steht seiner Schwester gegenüber, die als Lehrerin kaum auf den Putz hauen kann. Allgemein wird das Thema Lebensentwürfe in den Mittelpunkt gerückt und dabei auch die Scheinwelten des reichen Bruders sowie Beas Ex-Mann Leo, dessen Karriere als ernsthafter Komponist ein Tief erlebt, gnadenlos offenbart. Das neue moderne Amerika und das Paris im historischen Europa bilden ein weiteres gegensätzliches Paar. Paris wird dabei als eine Stadt beschrieben, in der Emigranten, vorzugsweise aus Europa geflüchtet, und die eher künstlerisch ambitionierten Amerikaner, auf den Spuren von Ernest Hemingway und Gertrude Stein wandelnd, aufeinandertreffen. Dr. Montalbano, in dessen Praxis Julian und Lili kurze Zeit wohnen und Iris später auch arbeitet, zählt zu jenen Amerikanern, die in Frankreich Karriere gemacht haben – wenn auch in einem ganz anderen Bereich. Sein Erfolgsrezept: obskure medizinische Behandlungen, obwohl er nicht einmal Medizin studiert hat. 

 Ozicks Sprache ist überaus elegant und geschliffen, die Konstruktion des Romans sehr intelligent. Das Geschehen wird nicht chronologisch erzählt, sondern besteht vielmehr aus Rückblenden, die ein Hin- und Herspringen in der Zeit erfordern und einen eher episodenhaften Charakter haben. Wer feinsinnige und psychologisch-kluge Romane mag, wird mit „Miss Nightingale in Paris“ einen Lesegenuss erleben.  Ein Roman, der im Übrigen als Antwort auf Henry James‚ (1843 – 1916) „Die Gesandten“ verstanden wird. Der Klassiker, 1903 unter dem Originaltitel „The Ambassadors“ erschienen, beschreibt ebenfalls eine Geschichte von einem, der auszog, um Paris zu erobern, und von jenen, die ihm folgten.

Der Roman „Miss Nightingale in Paris“ von Cynthia Ozick erschien bereits als Taschenbuch, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Anna Leube und Dietrich Leube; 368 Seiten, 9,99 Euro

6 Comments

  1. Und wieder einmal wandert ein Buch auf meine Wunschliste … naja, vielleicht wird er auch gleich bestellt 😉 Vielen Dank für den Tipp – der passt großartig in mein Leseschema!! LG, Bri

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  2. Das klingt sehr interessant und ohne Deine Empfehlung wäre ich wahrscheinlich gar nicht auf diesen Roman aufmerksam geworden. Schön, dass hier regelmäßig Bücher besprochen werden, die man sonst nicht in jedem zweiten Blog findet.

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    1. vielen Dank für den Kommentar. Das freut mich, dass ich eine besondere Empfehlung geben konnte. Ich finde es sehr schade, wenn tolle Bücher in der Flut an Neuerscheinungen untergehen und wenig Beachtung finden, eben weil auch nur einige Titel im Rampenlicht stehen. Doch darin sehe ich auch die Stärke der Blogs – auch unbekanntere Bücher vorzustellen und das Interesse zu wecken. Viele Grüße

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