Rückschau – Tomas Espedal „Wider die Kunst“

„Alle Tagebuchaufzeichnungen sind Unabhängigkeitserklärungen.“

Den Namen Karl Ove Knausgård brauche ich an dieser Stelle wohl nicht zu erklären. Der Norweger ist nahezu zu einer literarischen Marke geworden und hat mit seiner sechsteiligen „Min kamp“-Reihe bereits in vielen Ländern, so auch hierzulande, sehr viel Aufsehen erregt, das literarische Lager allgemein in Sympathisanten und Kritiker gespalten. Der Name seines Freundes und Schriftstellerkollegen Tomas Espedal fällt in diesem Zusammenhang eher vereinzelt. Dabei hat er ebenfalls eine große Aufmerksamkeit verdient – nicht nur, weil er in seiner skandinavischen Heimat in den vergangenen Jahren ebenso hochrangige Preise erhalten hat. 

EspedalDenn Espedals Bände „Wider die Natur“ und „Wider die Kunst“ sowie Knausgårds Werke sind von der Schreibhaltung der beiden Autoren sehr ähnlich. Beide Schriftsteller erzählen in ihren autobiografisch geprägten Büchern von ihrem eigenen Leben, dem Alltag und dem Schreiben, der Vergangenheit und der Gegenwart. In dem erstgenannten Band, in deutscher Übersetzung 2014 erschienen, erzählt Espedal über die Liebe, die gescheiterten Beziehungen und den Schmerz, den er empfindet und der ihn schlichtweg zerrüttet. Den Tod seiner Ex-Frau Agnete und seiner Mutter, über den er im nachfolgenden Band berichtet, klingt hier bereits an. In „Wider die Kunst“, mit dem Titel „Die Notizbücher“ unterschrieben,  steht die Zeit der Trauer im Vordergrund, zusammen mit Erinnerungen an die Kindheit und Jugend sowie Geschichten aus dem Leben seiner Großeltern und Eltern. In seinen Reflexionen versucht der Autor, Gemeinsamkeiten zwischen den Generationen zu finden. Da ist die Sehnsucht nach der Stille, die Liebe zu den Büchern, das eher bescheidene Dasein mit geringem Einkommen und der Wunsch nach Freiheit, dem der oftmals fehlende Mut, das Leben zu verändern, indes widerspricht. Wie sein Vater, der während des Krieges aus der Stadt auf das Land nach Nordnorwegen geschickt wird, erlebt der Autor ebenfalls diese Erfahrung, eine Zeit losgelöst von der Heimat und den Eltern zu verbringen.

Der Leser pendelt zwischen den Zeiten. Espedal berichtet nicht chronologisch. Während die Erinnerung an die Vergangenheit angesiedelt ist, sind die Beschreibungen über das Leben in einem Haus auf der abgelegenen Insel Askøy nahe Bergen gemeinsam mit der Tochter im Teenager-Alter Amalie in der Gegenwart verortet. Espedal versucht, die Mutter zu ersetzen, wird zum Hausmann, der sich aufopferungsvoll um den Haushalt kümmert, kocht, die Wäsche wäscht. Im Schreiben verarbeitet er seine Gefühle, den Schmerz ob der Verluste, die Einsamkeit. Schreiben sei eine Art Selbstverletzung heißt es an einer Stelle. Zugleich ist es eine Lebensnotwendigkeit und Selbstfindung. Schon in jungen Jahren weiß Espedal, dass er Schriftsteller werden will. Er liest, er schreibt, er entdeckt vor allem die Lyrik für sich. Selbstkritisch geht er mit den ersten Texten um, denn er weiß um Rang und Wert der Werke bekannter und berühmter Autoren.

„Ich weiß nicht genau, wann das Alter eintritt, wann es einschlägt; zu einem bestimmten Zeitpunkt verlieren wir die Fähigkeit, unser Alter zu bestimmen, werden mit den Jahren immer jünger, oder aber wir hängen fest in mehreren Altern, sind neunzehn und dreißig und siebenundfünzig zugleich, zur selben Zeit, es gibt nicht mehr ein Alter, sondern mehrere; ein unspürbarer Übergang von der Wahrheit zur Dichtung, wir dichten unser Alter und unsere Namen, wer wir sind und wer wir sein wollen.“

Wenn man Knausgård einen autobiografischen Erzähler nennen kann, ist Espedal vielmehr der Poet, der in die Tiefe geht. Seine Prosa zeigt an vielen Stellen einen lyrischen Charakter. Zwischen längeren Beschreibungen und Reflexionen finden sich Gedankenfetzen und Passagen, die mit ihren Wortwiederholungen an Beschwörungen erinnern. Die Zeit ist ein großes Thema dieses Bandes, ihr Vergehen, die Verletzlichkeit jeden Lebens. Neben dem Innenleben wird den Beobachtungen der Umgebung, vor allem der Natur, ein breiter Raum gegeben. Es hat etwas zutiefst Meditatives und Beruhigendes diese stillen Szenen zu lesen, die der reichen Tradition skandinavischer Literatur entstammen.      

 Espedal, 1961 in Bergen geboren, hat für „Wider die Kunst“ den renommierten Gyldendalprisen, für „Wider die Natur“ den ebenfalls hochrangigen Brageprisen erhalten. Ehrungen, die vermutlich in Deutschland nur wenige kennen. Um so mehr braucht es nun die überzeugten Leser, um ihn bekannter zu machen. Es wäre ein Gewinn für Espedal, die norwegische Literatur im Allgemeinen und den Leser, der in dessen Literatur nicht nur das Leben des Autors erkennt, sondern wohl auch ein Stück von sich selbst.

Weitere Besprechungen gibt es auf dem Blog „literaturleuchtet“ von Marina Büttner sowie „masuko 13“ von Jacqueline Masuck.

Der Band „Wider die Kunst“ von Tomas Espedal erschien im Verlag Matthes & Seitz, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel; 192 Seiten, 19,90 Euro