Das Kind – Svenja Leiber „Staub“

„Sich zu verlieren ist doch wirklicher einfacher, als sich wiederzufinden.“

Erinnerungen aus der Kindheit prägen, sie folgen einem, haften wie ein Magnet, wollen nicht weichen. Sie sind unsichtbares Gepäck, das wohl jeder von uns mit sich trägt. Manchmal packen wir es aus, manchmal lassen wir es am besten geschlossen. Denn das Gute und Helle kann nicht ohne das Schlechte, das Dunkle sein.  Jonas Blaum, einem deutschen Arzt, holen die Erinnerungen an einen Aufenthalt in Saudi-Arabien ein, wo er als Kind mit seinen Eltern und den beiden Geschwistern David und Semjon lebte. Schon sein Vater praktizierte als Mediziner, der 1984 in den Nahen Osten gerufen wurde. Nach einem fehlgeschlagenen Krankenhaus-Projekt strandete er in Riad und wurde zu einem Untertanen des Scheichs. Die Familie konnte das Land nicht verlassen und lebte in einem goldenen Käfig. 20 Jahre später zieht es Blaum, nun selbst erwachsen, nach Jordanien, wo seine Gedanken ihn stets und ständig in die Vergangenheit führen. 

Fremde Kultur

Und es sind schmerzvolle Erinnerungen, die den Helden in dem neuen Roman von Svenja Leiber mit dem mehrdeutigen Titel „Staub“ beschäftigen. Damals nahm die Tragödie um seine Schwester Semjon, die kein Mädchen sein will, ihren Lauf. In einer fremden Welt, die von klaren Regeln, meist strikten Verboten bestimmt ist. Die Frauen müssen Kopftuch tragen und dürfen keine Haut zeigen, im Bus werden beide Geschlechter streng voneinander getrennt. Wie wirkt erst diese Kultur auf ein Kind, das die Grenzen überschreitet, intuitiv aus dieser Welt der erstarrten Kategorien ausbricht? Wie nimmt diese Kultur dieses Kind auf? Nach einem furchtbaren Ereignis ist nichts mehr, wie es war, ist das jüngste Geschwisterkind, das in Gedanken Schafe um sich scharrt und in dem Bauarbeiter Imrom aus dem Jemen einen Freund findet, nicht mehr, wie es einst gewesen ist. Die Familie reist ab, ohne jedoch der Tragödie entrinnen zu können.

btr

Blaum wird folgend ein Zerrissener, auch ein Heimatloser, den ein schmerzvoller Verlust quält, der in seiner Sucht willenlos zu Medikamenten greift, von sowohl einem tiefen Weltschmerz  als auch von seinen intensiven Lektüreerfahrungen gezeichnet ist. Gescheiterte Beziehungen reihen sich in seinem noch jungen Leben aneinander: zu der älteren Frau, bei der er Schutz, Wärme und Geborgenheit sucht, zu Neva, die seine wirklich große Liebe war, sowie zu seiner Geliebten Susan, die er nach Jordanien bittet, um einem Jungen zu helfen. Alim leidet an einer seltenen Krankheit, mit der er schon als Kind wie ein Greis erscheint. Obwohl Blaum als Experte in Alterungsprozessen gilt, ist er in diesem speziellen Fall, der von einem Patienten seines Studienfreundes Bas an ihn herangetragen wurde, allerdings vollkommen ratlos.  Als Alim auch noch verschwindet, macht sich Blaum verzweifelt auf die Suche nach dem Kind.

Kontrast zwischen Schauplätzen

Nahm die 1975 geborene Autorin in ihrem eindrucksvollen Debüt „Das letzte Land“ den Leser mit in den Norden Deutschlands und in die Hälfte des 20. Jahrhunderts, bringt sie nun die Welt und die Kultur des Nahen Ostens näher. Größer kann ein Kontrast wohl nicht sein, der sich jedoch mit Blick in die Biografie Leibers durchaus erklären lässt, verbrachte sie doch selbst als Kind einige Zeit in Saudi-Arabien. Dieser Kontrast zwischen Europa und Asien, zwischen Okzident und Orient bildet neben der Familiengeschichte und der Gedankenwelt Blaums das den Roman bestimmende Thema. Berlin und Wenden, Riad und Amman, später auch Jerusalem, sogar das krisengeschüttelte und unsichere Westjordanland sind dessen Schauplätze.

„Seit dem Urknall ein einziges Driften. Keiner wird es aufhalten. Götter nicht, Menschen erst recht nicht.“

Die Autorin fügt in diese sehr emotionale Geschichte Fragen zum Glauben sowie große, in den Medien stets präsente und oft diskutierte Weltereignisse und ihre dramatischen Folgen in die Schicksale einzelner Protagonisten ein, wie die kriegerischen Auseinandersetzungen in Afghanistan und Syrien und damit Flucht und Vertreibung, ohne indes den eigentlichen Schwerpunkt, den Helden mit seinem Trauma, aus den Augen zu verlieren. Großartig auch, wie Leiber die beiden Zeitebenen, die Rückblenden in Blaums Leben sowie die jüngsten Ereignisse in Jordanien von dem Helden selbst erzählt, konzentriert nebeneinander führt; in einer kraftvollen wie auch bilderreichen Sprache, die den Roman zu einem besonderen werden lässt. Der Staub, der dem Roman seinen Namen gibt, ist der Staub der Trockenheit und der Wüste, der Staub, der entsteht, wenn Lehm zermahlen wird, der Staub als Endzustand eines vergangenen Lebens.

Vieles wird jedoch nur angedeutet, braucht es akribisches oder wiederholtes Lesen, um einzelne Szenen zu deuten. Und selbst da liegt es teilweise noch immer am Leser, die Leerstellen der komplexen Handlung zu füllen. Doch das ist kein Lapsus, sondern ein Stil, klug gedacht und den Leser fordernd. Manches Mal erinnerte ich mich bei der Lektüre an Sasha Marianna Salzmanns Roman „Außer sich“. Auch hier geht es um eine intensiv geführte Suche, Fragen nach der eigenen Identität in einem Prozess des Sichverlierens, führt die Handlung ebenfalls nach Asien. Und beide verbindet zudem, dass sie die verschiedensten Themen in einer eindrucksvollen Dichte zusammenbringen, wie es nur das eigentliche Leben vermag.


Svenja Leiber: „Staub“, erschienen im Suhrkamp Verlag; 243 Seiten, 22 Euro

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