Zwillinge – Sasha Marianna Salzmann „Außer sich“

„(…) aber Hoffnung ist ja nichts, was da ist, um erfüllt zu werden, (…).“

Was macht eine Person zu der, der sie ist? Die Familie und Sprache, Erfahrungen und Erlebnisse, gesellschaftliche wie soziale Normen, eigene oder fremde Ansprüche? Ist es nicht so, dass wir uns in stets und ständig wandeln, äußerlich wie innerlich, Häute abstreifen wie eine Schlange, überkommene Vorstellungen über Bord werfen. So wird aus Alissa Ali, aus der jungen Frau ein Mann, die Stimme wird tiefer, die Bartstoppeln sprießen. Die Heldin in dem Romandebüt der Berlinerin Sasha Marianna Salzmann „Außer sich“ befindet sich auf einer zweifachen Suche: auf der nach ihrem Zwillingsbruder Anton und nach sich selbst.

Durch die Zeiten

Gern der Reihe nach: Wenn das so einfach wäre. Denn die Hausautorin am Maxim-Gorki-Theater Berlin windet sich geschickt durch die Zeiten des 20. Jahrhunderts und die Geschichte einer russisch-jüdischen Familie, die viel erzählen kann, weil sie viel erlebt hat, viel erleben musste. Von den Wirren der Revolution und der Grausamkeit der Stalin-Zeit, der Judenverfolgung und des Zweiten Weltkrieges bis hin zur Auswanderung eines großen Teils der Familie nach Deutschland in den späten 1980er-Jahren, als Anton und Alissa noch klein waren. Und auch dann ist längst noch nicht Schluss mit der turbulenten wie tragischen Familiengeschichte. Angekommen in einem Asylheim in der westdeutschen Provinz, braucht es einige Zeit, bis die Familie auf eigenen Beinen steht. Doch der Neubeginn im fremden Land bringt alles andere als Glück und Zuversicht: die Kinder werden in der Schule gedemütigt, die Eltern lassen sich scheiden, Eltern und Kinder entfremden sich. Eines Tages verschwindet Anton spurlos. Wenig später erreicht Alissa und ihre Mutter eine Ansichtskarte aus Istanbul ohne Text und Absender. Alissa macht sich in der Stadt mit den zwei Gesichtern am Bosporus auf die Suche nach ihrem Zwillingsbruder.

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Sie stromert durch die pulsierende Metropole, die die Anspannung, einen politischen Wandel, nicht mehr verbergen kann, und trifft verwegene Gestalten: allen voran die Tänzerin Katharina, die sich mit Hilfe von Testosteron, das es nahezu an jeder Straßenecke zu kaufen gibt, zu einem Mann, Katho, verwandelt, wie es später auch Ali tun wird. Einen Helfer findet Antons Schwester auch in Cemal, dem Onkel ihres Freundes und WG-Mitbewohners Elyas.

Erschreckende Ereignisse

Sind Geschichte wie Politik von Unruhe und Gewalt, verbergen sich auch im Leben der Familie erschreckende Ereignisse, die von Missbrauch und Judenhass bis hin zu häuslicher Gewalt und Suizid reichen. Der Titel des Buchs verweist nicht nur auf eine Szene, in der Alissa in Gedanken aus sich heraustritt und das Geschehen von oben betrachtet, um sich später von ihrer früheren Rolle als Mädchen, die sie nie richtig ausgefüllt hat, verabschiedet. „Außer sich“ bezeichnet bekanntlich auch einen Zustand der inneren Erregung und der Wut.

„Alis Erinnerungen legten sich aufeinander wie Folien und verrutschten. Sie ergänzten und widersprachen sich, ergaben neue Bilder, aber sie konnte sie nicht lesen, auch Kopfschütteln brachte nichts.“

Wie Salzmann diese Themen und Zeiten und ihre Geschöpfe in einer verblüffenden Leichtigkeit zusammenbringt, fordert höchsten Respekt. Dass sie die wechselvolle Historie des 20. Jahrhunderts und die Ereignisse in der Türkei der jüngsten Vergangenheit mit dem gesellschaftlich brisanten Thema Transgender und Identitätssuche verbindet, ist zweifellos mutig. Und auch die Sprache zeigt sich vielschichtig und komplex, mit eindrücklichen und detailreichen Bildern und Metaphern. Wortwiederholungen und Aufzählungen erwecken den Eindruck eines hastigen und atemlosen Erzählens und lassen gemeinsam mit dem Wechsel der verschiedensten, oft tragischen Biografien und Zeiten einen Sog entstehen, obwohl nicht alle Fragen des Lesers beantwortet werden. Man will mehr und schnell von der Familie wissen, zugleich von den Erlebnissen Alis in Istanbul erfahren. Sie/er wird als geduldige ZuhörerIn später die Geschichten förmlich auffangen, vor allem die ihrer Eltern Valja und Kostja sowie die der Urgroßeltern mütterlicherseits Alexander und Etinka, die als Mediziner berühmt, allerdings als Juden unerwünscht waren.

Autobiografische Züge

Sasha Marianna Salzmann hat es mit ihrem Romandebüt auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft, und ihr bleibt zu wünschen, dass sie die Ehrung erhält. Wegen der sprachlichen und erzählerischen Qualität ihres Werkes, wegen ihres Mutes, ein Thema anzusprechen, das selbst in modernen Gesellschaften ein Tabu, verpönt und verrufen ist. Aber auch weil letztlich nicht unbedingt ersichtlich wird, dass sie mit „Außer sich“ auch ein Buch mit autobiografischen Zügen verfasst hat. 1985 in Wolgograd geboren, emigrierte ihre Familie Mitte der 1990er-Jahre aus der Sowjetunion nach Deutschland. Sie kennt also das Leben zwischen zwei Kulturen und hat darüber einen Roman geschrieben, in dem sich zugleich viele Leser wiederfinden werden, in deren Familien es nicht nur eine Heimat gibt.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Poesierausch“.


Sasha Marianna Salzmann: „Außer sich“, erschienen im Suhrkamp Verlag; 366 Seiten, 22 Euro

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