In der Wüste – Mirko Bonné „Die Widerspenstigkeit“

„Na ja, wir Menschen schaffen Ordnung, damit wir einander wiederfinden können.“

Es wird noch immer oft und von vielen gelesen, ist verfilmt und auch auf die Bühne gebracht worden. Rund 140 Millionen Mal verkauft, in rund 180 Sprachen übersetzt, gilt das Kunstmärchen „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry als eines der erfolgreichsten Bücher weltweit. Mit dem Band „Die Widerspenstigkeit“ wandelt Mirko Bonné auf den Spuren des berühmten Franzosen und seines bekanntesten Werkes und stellt seinem männlichen Protagonisten einen besonderen tierischen Begleiter zur Seite.

Absturz zur Jahreswende 1935

Der namenlose Held trifft bei der Suche nach dem Wrack des Flugzeugs, mit dem Saint-Exupéry am 30. Dezember 1935 an der Seite seines Mechanikers André Prévot in der libyschen Wüste abgestürzt war, einen Wüstenfuchs, auch Fennek genannt. Das Tier, das bekanntlich eine Rolle in dem Klassiker spielt, ist ebenfalls auf einer besonderen Suche. In seiner Familie wird seit vielen Generationen die Geschichte vom „Kleinen Prinzen“ erzählt. Mit der Zeit freunden sich Mensch und Tier an, kann der Zweibeiner mit seiner Sorge um den Vierbeiner – er gibt ihm Wasser, Futter und Schutz – dessen Scheu und Widerspenstigkeit aufbrechen. Beide kommen miteinander sogar ins Gespräch – über jenes berühmte Buch, über die Eigenheiten des Menschen, die vor allem den Fuchs sehr beschäftigen.

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Der Band trägt den Untertitel „Ein Märchen“, und er hat sicherlich auch märchenhafte Bezüge, wie beispielsweise die bereits erwähnten Gespräche zwischen dem Mann und dem Fuchs. Doch das Buch Bonnés, der aktuell mit seinem Roman „Lichter als der Tag“ (Schöffling Verlag) auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht, ist weit mehr und vielschichtiger, weil er Vergangenheit mit der Gegenwart verwebt; mit durchaus realen Bezügen. Bonné verweist an mehreren Stellen auf Saint-Exupérys 1939 erschienene Buch „Terre des Hommes“ („Wind, Sand und Sterne“), indem dieser über den Absturz und die Tage bis zur glücklichen Rettung durch Beduinen erzählt. Der Franzose war auf einem Langstrecken-Flug von Paris nach Saigon unterwegs gewesen, als das Flugzeug vom Typ Caudron mit einer Düne zusammenstieß. Das Original-Manuskript mit dem Titel „Au centre du désert“ („Mitten in der Wüste“), das eine Grundlage für ein Kapitel des Buches bildete, wurde im Juni 2009 für 312.750 Euro versteigert.

Bürgerkrieg in Libyen

Es war nicht der erste und tragischerweise auch nicht der letzte Absturz: Saint-Exupéry überlebte einen Aufklärungsflug, zu dem er am 31. Juli 1944 gestartet war, nicht. Experten glauben zudem, dass die Erfahrungen in der libyschen Wüste in seinen Welterfolg „Der kleine Prinz“ (1943) eingeflossen sind. Darüber hinaus blickt Bonné auch auf die aktuelle Situation in dem nordafrikanischen Land, das vom Bürgerkrieg zerrissen wird und das der Held gemeinsam mit dem Fuchs fluchtartig verlassen muss – mit der Sorge, wie es seinem Fremdenführer Tareq, der ohne eine einzige Nachricht den Kontakt komplett abgebrochen hatte und nicht mehr zur Absturzstelle gekommen war, geht.  Die Widerspenstigkeit, die dem Band seinem Namen gibt, zeigt sich im Verlauf des Geschehens in vielerlei Formen und Schattierungen. Sogar unser Heimatplanet zeige seinen Widerstand, wie es in einem Zitat von Saint-Exupéry zu Beginn des Buches heißt.

„Das Wesen der Wüste sei weder Eintönigkeit noch Bedrohung, sondern fortwährende Wandlung, sagte Tareq. Darin liegt die grenzenlose Schönheit, aber auch ihre größte Gefahr. Sie sei Teil der wirklichen Welt, wie sie Teil der Täuschung und der Träume sei.“

Bonnés schmales Werk ist poetisch und klug, wie er sowohl die Schönheit als auch die Gefahren der Wüste beschreibt, imponiert. Eindrucksvolle Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Münchner Fotografin Katrin Hupe, die mit ihren Impressionen aus Algerien unter dem Titel „Poesie des Mülls“ die Spuren der Zivilisation aufzeigt, begleiten die Hommage an Saint-Exupéry und dessen Leben und Wirken als Pilot und Schriftsteller. Die liebevolle Ausstattung des Bandes, im Karl Rauch Verlag, der Heimat der deutschsprachigen Ausgabe des „Kleinen Prinzen“, erschienen, krönt die eindrucksvolle Symbiose aus Text und Fotografien und machen das Buch zu einem kleinen großen Schatz, der den heimischen Bücherschrank und die eigene Lektüre-Erfahrung sehr bereichert.


Mirko Bonné: „Die Widerspenstigkeit“, erschienen im Karl Rauch Verlag, mit Fotografien von Katrin Hupe; 128 Seiten, 18 Euro

Foto: pixabay