Der Vielleser – Jan Kjærstad „Das Norman-Areal“

„Das Lesen öffnete mich, das Lesen öffnete die Welt etwas weiter.“

Lange ist es her, dass eine so simple Fernsehshow wie „Was bin ich?“ die TV-Zuschauer an die Bildschirme zu holen vermochte und sie dabei auch noch prächtig unterhalten hat. Müsste John Richard Norman seinen Beruf in nur einer Geste erklären, sehe sie ungefähr so aus: leicht nach vorn gebeugter Oberkörper, die Hände halten einen Gegenstand, die gesamte Gestalt macht den Eindruck von Versunkenheit. Norman ist der Held in dem neuesten Roman des norwegischen Autors Jan Kjærstad und einer der bekanntesten Verlagslektoren. „Das Norman-Areal“ erzählt von der Leidenschaft für das Lesen und die Bücher, die Faszination, die sie auslösen, sowie einer Liebe, die ein tragisches Ende findet.  

Fluchtort Insel

Dabei ist es zu Beginn eher die Begierde nach Lesestoff, die zunächst bei Norman Schiffbruch erleidet. Von einen Tag auf den nächsten verspürt er heftige Übelkeit, sobald er ein Buch, ein Manuskript in die Hand nimmt und mit dem Leseakt beginnt. Er lässt sich daraufhin beurlauben und auf eine Insel nieder, wo er fortan zurückgezogen lebt. Die Frage, wie viele Bücher er auf eine einsame Insel mitnehmen würde, hätte man ihn wohl nicht stellen dürfen. Nichts und niemand kann ihn dazu bringen, seine Flucht zu beenden und seine Tätigkeit bei einem großen Verlag wieder aufzunehmen. Auf Stjernoy begegnet er Ingrid. Beide werden ein Paar, beide sind vermögend und sehen in dem anderen die große Liebe. Doch nach einigen Wochen der körperlichen Leidenschaft und der seelischen Verbundenheit bekommt die enge Beziehung Risse. Ein Grund: Norman findet wieder die Lust am Lesen, verschlingt eine Reihe Manuskripte, Einsendungen eines Literaturwettbewerbs, was Ingrid nicht sehr imponiert.

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Auf den ersten Blick erscheint diese Übelkeit infolge des Lesens humorvoll, vielleicht erkennt der eine oder andere diese spezielle auch körperliche Reaktion als ein Zeichen von Erschöpfung und Widerwillen an. Schließlich finden sich auch immer wieder ironische Töne, die den Literaturbetrieb zum Ziel haben, mit der die Eitelkeit der Branche und all ihre Akteure sowie die Suche nach dem Bestseller, der immer dieselbe Geschichte erzählt, aber letztlich Geld bringt, auf die Schippe genommen wird. Doch Kjærstads neuester Streich ist vor allem eins: ein großartiges Buch über das Besondere am Lesen, das wohl nur wirklich überaus eifrige Leser verstehen, eine Leidenschaft, die der Norweger so wunderbar in Worte fassen kann; und zugegeben: in eine etwas verrückte Richtung führt. Denn Norman wird nach einem Verkehrsunfall und einige Jahre später nach einem Akt der Gewalt (Auslöser und Umstände sollen an dieser Stelle nicht verraten werden) von dem Neurologen Dr. Lumholtz untersucht. Er findet heraus, dass in dem Gehirn des Verlagslektors und Viellesers nicht alles so ist, wie es üblicherweise der Fall sein sollte. Der Titel des Buches, sowohl im Original („Normans område“) als auch in seiner deutschen Übersetzung, verweist darauf.

„Gute Literatur bestätigte die Wirklichkeit nicht, sie erzeugte selbst Wirklichkeit.“

Obwohl das Buch einen ungeheuren Sog entwickelt, ist es keinesfalls von einfacher Struktur. Nicht nur gibt es inhaltliche Anspielungen, die erst im Laufe der Handlung erklärt werden, zudem springt der Ich-Erzähler, sprich Norman, zwischen den Zeiten. Auf diese Weise entsteht auch ein Entwicklungsroman: Erzählt wird, wie der Lektor zu jenem werden konnte, der er ist. Aufgewachsen in einer der schönsten Straßen Oslos zwischen Schokoladenfabrik und Segeltuch-Betrieb als Sohn eines Taxifahrers und einer Buchhalterin kommt er sehr früh in Kontakt mit Büchern. Das Bild seines lesenden Vaters, den er eines Tages in der Bibliothek überraschend antrifft, prägt ihn. Sein Band „Lebenserinnerungen“, ein Leselogbuch, ist sein wertvollster Schatz. Darin schreibt er mit sehr viel Disziplin handschriftlich all jene Bücher ein, die er gelesen hat, welchen Inhalt und welchen Stil sie haben. Seine Lektüre bringt er als Erzähler auch dem Leser nah: „Das Norman-Areal“ ist voller Hinweise auf Autoren und ihre Werke – große Namen und hierzulande weniger bekannte. Auch deutsche Schriftsteller wie Günter Grass, Heinrich Böll und Christa Wolf sind zu finden. Später wird er mit einem Verlagskollegen ein Literatur-Forum in Netz aufbauen, um an weniger bekannte, aber neu zu entdeckende Bücher aufmerksam zu machen. Die Jagd nach aktuellen Bestsellern, für die er einst so berühmt war und auf der er gute und erfolgreiche Literatur fand wie ein „Trüffelschwein“, interessiert ihn schließlich nicht mehr.

Lesen – „mehr Welt“

Der Titel „Lebenserinnerungen“ des fiktiven Bandes des Lektors kommt nicht von ungefähr. Letztlich ist das große Thema des Romans des Norwegers das Verhältnis zwischen Lesen und Leben und ihren gegenseitigen Einfluss sowie zwischen den Viellesern und jenen, die diesen übermäßigen Lesegenuss nicht verstehen wollen und sogar regelmäßig abfällig zu kritisieren wissen – wie Normans Mutter, wie eben auch Ingrid. Wer wie der Protagonist genauso sein Leben gestaltet, eben mit einer Unmenge an Büchern und viel Lesezeit, wird sich ganz sicher wiederfinden. Er wird auch eine Art Bestätigung erhalten. Denn Lesen ist eben nicht die Flucht aus der Welt. Ganz im Gegenteil: Sie erschafft „mehr Welt“, wie es an einer Stelle heißt. Für mich ist „Das Norman-Areal“ das Buch, das die Liebe zu Büchern mit Leidenschaft und auch Weisheit erklärt. Obwohl Kjærstad, Jahrgang 1953, in seinem Land zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren zählt, ist er hierzulande wohl nur jenen bekannt, die sich allgemein für die Gegenwartsliteratur des Nordens interessieren. Seit einigen Jahren verlegt der österreichische Septime Verlag die deutschen Ausgaben. Es wäre schön, wenn der Norweger dank seines neuesten Werkes mehr Leser finden würde. Denn dieses handelt ja schlichtweg von ihnen und ihrer Liebe für Büchern.


Jan Kjærstad: „Das Norman-Areal“, erschienen im Septime Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel; 456 Seiten, 24 Euro

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