Spuren – Anne von Canal „White Out“

„Die Vergangenheit ist nicht abgeschlossen, sie ist noch in Bewegung.“

Von einem Eisberg sind nur ein Fünftel bis ein Achtel zu sehen, der überwiegende Teil des Kolosses liegt unter der Wasseroberfläche. Er ist ein beliebtes symbolisches Bild und kann wohl auch bemüht werden, wenn es um Dinge geht, die wir unterschätzen. Unterschätzt werden oft die Wirkungen von Erinnerungen. Sie sind das große Thema in dem neuen Roman von Anne von Canal mit dem Titel „White Out“, und dieser führt ins ewige Eis: in die Antarktis.

Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart verschwimmt

Whiteout beschreibt ein ganz spezielles Phänomen, das vor allem im Hochgebirge und Polarregionen entstehen kann. Dabei verschwindet bei Schnee und gedämpftem Licht der Horizont aus dem Sichtfeld des Betrachters. Hanna, Heldin und Ich-Erzählerin, erlebt ein solches Whiteout. Zugleich verschwimmen in dem Roman Vergangenheit und Gegenwart, wie die Grenze zwischen Himmel und Erde während dieser Erscheinung verwischt. Hanna ist Glaziologin. Ein Projekt führt sie in die Antarktis, wo sie mit ihrem Team Bohrkerne zur Erforschung des Weltklimas aus dem ewigen Eis bergen soll. Sie befinden sich in einer nahezu lebensfeindlichen und kargen Landschaft, Tausende Kilometer von der Zivilisation entfernt. Trotz dieser unwirtlichen Abgeschiedenheit erhält Hanna eines Tages überraschend eine E-Mail, eine entsetzliche Nachricht mit den wenigen Worten „Lieber Amundsen, Scott ist tot. Melde dich, Wilson“.

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Diese auf den ersten Blick recht merkwürdigen Zeilen schockieren sie. Sie ist fortan nicht mehr 100-prozentig bei ihrer Arbeit, bei ihrem Team. Zwischen der Teamleiterin und ihren Mitstreitern Thomas, Zappa, Ole und Fränzi kommt es zu Spannungen, fliegen oftmals  die Fetzen. Obwohl Vertrauen, Verantwortung und Konzentration in der Polarregion überlebenswichtig sind. Doch diese Nachricht ist eine wichtige Botschaft aus der Vergangenheit. Hanna wird zurückgeworfen in ihre Kindheit und Jugend, wo sie,  Amundsen genannt, gemeinsam mit ihrem Bruder Jan und ihrer besten Freundin Friederike, kurz Fido, als Scott ein untrennbares Trio bildete, obwohl sie als dicke Freunde unterschiedlicher nicht sein konnten. Zusammen hörten sie die Hörspiele über den Wettlauf zum Südpol, fuhren sie gemeinsam an den Atlantik, sponnen sie Zukunftspläne: das Studium in Hamburg, ein Leben als Entdecker und Wissenschaftler. Doch es sollte alles nicht so kommen. Fido bricht von einen Tag auf den nächsten den Kontakt zu den Geschwistern ab – ohne eine einzige Erklärung, bis heute.

„Alles, an das wir uns erinnern, ist erfunden. Und trotzdem wahr.“

Und auch die Autorin, die mit dem Roman „Der Grund“ 2014 ihr Debüt gefeiert hat, verwehrt dem Leser Erklärungen und gibt auf dringende Fragen keine Antworten. Vieles bleibt offen, unkommentiert. Umso mehr beschäftigt das Geschehen den Leser, findet der sich sogleich mit den ersten Szenen in der Handlung. So wie die Bohrung im ewigen Eis die wissenschaftliche Aufgabe Hannas in der Jetzt-Zeit ist, führen sie ihre Erinnerungen tief in die Vergangenheit zurück. Besondere Szenen tauchen da auf, die jede für sich in einer besonderen Stimmung erscheinen: die angespannte und unterkühlte Atmosphäre im Elternhaus Fidos, die das Kind eines Pfarrers ist, das Gefühl der Freiheit während der Tage in Arcachon, das der Verbundenheit, als die Hörspiel-Platte in Endlosschleife lief und die Freundschaft des Trios ihren Anfang nahm. „Ein Schatten und eine Seele. Es war so einfach“, heißt es an einer Stelle so wunderbar treffend.  Doch diese Harmonie erfährt immer wieder Brüche, sind die Erinnerungen meist verbunden mit Schmerzen. Weil die Freundschaft ein Ende fand, die gemeinsame Zukunft nur ein unerfüllter Traum blieb. All das rührt die Heldin noch immer. Sie spricht ihre einstige Seelenverwandte mit „Du“ an, da sie ihr weiterhin sehr nah ist.

Abschied und Trauer

„White Out“ ist ein sehr poetisches und bilderreiches Buch, das nicht nur von der Wirkung von Erinnerungen, seien sie noch so tief im Gedächtnis, im Herz desjenigen vergraben, erzählt. Es geht in von Canals neuestem Werk auch immer wieder um Abschied und Trauer. Tod und Vergänglichkeit sind Jan und Hanna schon als Kinder begegnet. Der Vater verstirbt früh, gemeinsam wollten sie einst einen Schwan aus einem zugefrorenen See bergen, was ihnen jedoch nicht gelang. Dass Hanna und ihr Team die Spannungen hinter sich bringen können, sie zudem auch einen Hauch Liebe erfährt, hat etwas ungemein Tröstendes.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „leseschatz“, „literaturleuchtet“ und „Leckere Kekse“.


Anne von Canal: „White Out“, erschienen im mare Verlag, 192 Seiten, 20 Euro

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