Jan Kjærstad – „Berge“

„Norwegen braucht Glückskekse, wenn das Erdölzeitalter dem Ende zugeht.“

Für dieses Buch schrumpft mein Vorrat an bunten Post-its erheblich. Zahlreiche gelbe und rote Fähnchen zieren nunmehr diesen Band mit dem dunklen Umschlag. Die Farben sollen bitte nicht politisch verstanden werden. Obwohl der neue Roman mit dem kurzen Titel „Berge“ des norwegischen Schriftstellers Jan Kjærstad vor allem ein politischer ist und mit dem er nach zuletzt „Das Norman-Areal“ wieder eindrucksvoll seine Klasse beweist.

Fünf brutale Morde in Waldhütte

„Berge“ handelt – selbst wenn es sie bekanntlich reichlich in Norwegen gibt – nicht von Bergen. Das sollte zu Beginn schon einmal bemerkt werden. Berge ist vielmehr der Name einer hoch angesehenen norwegischen Politiker-Familie. Im Mittelpunkt steht deren jüngster Spross. Nicolai Berge wird des fünffachen Mordes beschuldigt. In einer Hütte im Wald Nordmarka nahe Oslo wird der Sozialdemokrat Arve Storefjeld, seine Lebensgefährtin, seine Tochter, deren Freund sowie dessen kleine Tochter brutal im Schlaf getötet. Das Land versinkt in Schockstarre, Polizei und Öffentlichkeit gehen vorerst von einem terroristischen Anschlag aus. Denn Storefjeld und seine Tochter Gry waren die Gesichter der Arbeiterpartei (Arbeiterpartiet, AP). Gry war bereits in den Vorstellungen vieler für das Amt der Ministerpräsidentin vorgesehen. Doch ein Schmuckstück in der Wohnung Berges, der einst mehrere Jahre mit Gry liiert war, führt die Ermittler auf eine andere Spur. Doch ist der Verdächtige, der literarische Texte veröffentlicht hat, aber in politischen Kreisen als Verlierer gilt, wirklich der Killer? Ich mache mir da so meine ganz eigenen Gedanken.

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Das Geschehen vom Mord über die Ermittlungen bis hin zur Gerichtsverhandlung wird aus drei Perspektiven erzählt. Im Mittelpunkt stehen die ehrgeizige wie namhafte Journalistin Ine Wang, der Amtsrichter Peter Malm und eben Nicolai Berge. Das Spannende daran: Der Leser erhält die Möglichkeit, die Figuren aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Neben persönlichen Stärken kommen auch charakterliche Schwächen ans Licht. So sind alle drei Erzähler bekannt beziehungsweise haben eine gewisse gesellschaftliche Stellung. Doch alle drei sind nicht frei von Zweifeln: Wang, weil sie in die Jahre gekommen ist, nach der Scheidung von ihrem Mann in einer öden Reihenhaussiedlung wohnt. Malm kann es noch immer nicht glauben, dass er es, so unbegabt wie er ist, das Amt eines Richters bekleidet. Berge kämpft noch immer mit der Trennung von Gry und seinen Gefühlen für sie. Doch selbst der glorreiche Storefjeld und seine bekannte Tochter sind nicht frei von charakterlichen Fehlern. Der Roman erzählt viel über Schein und Wirklichkeit, über eigene Erwartungen und die der anderen, von der Unverrückbarkeit von Idole sowie der Abhängigkeit eines Landes von charismatischen Gestalten.

Zahlreiche literarische Verweise

Zwischen den drei Erzählern baut Kjærstad geschickt interessante Verbindungen und Brücken – über den Mord hinaus. Berge und Wang, die über Storefjeld ein Buch geschrieben hat, fühlen sich zueinander hingezogen. Malm kennt die Berichte der Reporterin und nimmt Berge während der Verhandlung genau in Augenschein. Ein verbindendes Element ist auch das Schreiben und die Literatur, genauer gesagt der Roman „Bleak House“ von Charles Dickens. Allgemein finden sich in diesem Roman wie auch schon im eingangs erwähnten Buch „Das Norman-Areal“ wieder eine ganze Reihe literarischer Verweise. Wer noch nicht genug von der Literatur Norwegens nach der Frankfurter Buchmesse hat, wird hier fündig werden. Doch darüber hinaus gelingt es Kjærstad, ein grandioses gesellschaftliches Panorama aufzuspannen, das philosophische Gedanken zu Politik und Wirtschaft sowie zur Verantwortung des Journalismus und der Rolle der Kultur enthält. Mehrfach nimmt er sein Heimatland kritisch aufs Korn, das selbstzufrieden ist dank des nahezu unermesslichen Erdöl-Reichtums, das hofft, sich aus den weltweiten Negativ-Schlagzeilen herauszuhalten…

„Falls ich mich dazu versteigen darf, eine Vision anzubringen, wiewohl ich vorsichtig wäre, es eine Vision zu nennen, würde diese von einer Gesellschaft handeln, einer Welt, in der Gerechtigkeit mehr bedeutet als Macht.“

…bis jedoch dieser blutige Mehrfach-Mord geschieht. Ein fiktives und folgenreiches Geschehen, das in dem Roman jedoch mehrfach auf ein großes furchtbares, jedoch reales Verbrechen verweist: auf die Anschläge in Oslo und das Massaker auf der Insel Utøya am 22. Juli 2011 durch den Rechtsextremen Anders Behring Breivik. 77 Menschen wurden damals getötet, darunter eine Vielzahl an Jugendlichen des traditionellen Sommercamps der AP. Breivik wurde zu 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt, es ist das höchste jemals verhängte Strafmaß in Norwegen. So werden im Roman während des AP-Ferienlagers auf Utøya Berge und Gry ein Paar. Und es ist wohl auch kein Zufall – im Übrigen ein interessantes Thema, das Kjærstad mehrmals aufgreift -, dass der Gerichtssaal, in der die Verhandlung gegen Berge stattfindet, die Nummer 227 trägt.

Mit dem 1953 in Oslo geborenen Kjærstad machte ich literarisch schon vor einigen Jahren Bekanntschaft: Ich las mit Begeisterung dessen Trilogie über den TV-Star Jonas Wergeland aus den Bänden „Der Verführer“, „Der Eroberer“ und „Der Entdecker“ (alle List Verlag). Nun frage ich mich, warum er hierzulande noch nicht den Bekanntheitsgrad eines Karl Ove Knausgård oder eines Tomas Espedal erreicht hat. Einmal mehr hat er nach „Das Norman-Areal“ einen spannenden Pageturner geschrieben, der zugleich eine eindrucksvolle Komplexität und Tiefe und Klugheit aufweist. Denn obwohl die Handlung in Norwegen angelegt ist, sind zahlreiche darin enthaltene Gedanken universell. Für unsere Zeit, für unsere globale Gesellschaft.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „literaturleuchtet“, „Ruth liest“ und „Neues Lesen Skandinavien“


Jan Kjærstad: „Berge“, erschienen im Septime Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel; 504 Seiten, 26 Euro

Bild von XandriusNET auf Pixabay

4 Gedanken zu „Jan Kjærstad – „Berge““

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