„Manchmal hält man sich für unvollkommen und ist doch nur jung.“
Mit der Regelstudienzeit hält es Marcello nicht so sehr. Zehn Jahre brauchte er zum Master. Er genießt eher das Leben, hängt mit Freunden ab – und wohnt noch immer im Hotel Mama. Er verdient sich etwas Kohle beim Kellern. Gäbe es Wettbewerbe im Prokrastinieren, er würde in der ersten Liga mitspielen. Doch dann bekommt er unverhofft und ohne eigenes Zutun die Chance seines Lebens: die Möglichkeit, weiterzukommen. Er erhält ein mehrjähriges Stipendium für eine Doktorandenstelle. Sein Professor an der Uni Pisa schlägt ihn vor, über den Schriftsteller und Linksterroristen Tito Sella zu schreiben.
Verschollen geglaubte Autobiografie
Mit seinem Roman „Die Pause ist vorbei“ – zum Titel später mehr – führt Dario Ferrari in die Welt der Studenten, Bibliotheken und Hörsäle. Kleiner Tipp: Man sollte an dieser Stelle den Namen Tito Sella nicht googlen oder auf Wikipedia suchen, auch wenn von der Suchmaschine im Roman die Rede ist. Die Suche geht ins Leere. Sella ist fiktiv. Ihn hat es nie gegeben, wenngleich Italien in den 60er- und 70er-Jahre eine blutige Zeit des linksextremen Terrors durch Anschläge, Entführungen und Überfälle durch die Roten Brigaden erlebte. Nach der verzweifelten und letztlich erfolglosen Suche nach dem verschollen geglaubten autobiografischen Text Sellas mit dem Titel „Phantasima“ während eines Paris-Aufenthaltes, schreibt Marcello die Geschichte von Sella schließlich selbst. Eingebettet in den Bericht Marcellos als Ich-Erzähler bekommt der Roman damit eine spannende historische Tiefe und führt in eben jene explosive Zeit.

Mit seinen neuen Studien wandelt sich Marcello zusehends, dessen Vater die Familie verlassen hat und eine Bar betreibt. Er hängt sich in seine Recherchen rein, verlässt sogar seine Heimatstadt Viareggio, obwohl er zuvor keine Lust hatte, ins große und trubelige Paris zu gehen, wo Sellas Archiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Er galt mit vier Gleichgesinnten als Mitbegründer der kommunistischen Brigade Ravochol, benannt nach einem französischen Anarchisten, die für Schlagzeilen sorgte und deren Akte der Gewalt zunehmend brutaler wurden. In Paris lernt Marcello Tea, die in linken Kreisen verkehrt, kennen. Sie knüpft nicht nur den Kontakt zu einem Mitglied der Brigade. Beide kommen sich näher. Marcello verliert seine Freundin Letizia, eine Medizin-Studentin aus gutem Hause, nicht nur aus den Augen, sondern auch aus dem Sinn.
Ein Campusroman aus Italien
Das Genre des Campusromans ist bekanntlich eher im angelsächsischen Raum beheimatet, dort sehr verbreitet und beliebt. Nun holt Ferrari die Leser nach Italien, im Übrigen dorthin, wo der promovierte Philosoph, Übersetzer und Lehrer geboren und aufgewachsen ist. In seinem Roman nimmt er den akademischen Betrieb mit seinen mehr oder weniger geheimen Gesetzen und Hierarchien, dem Dünkel und seinen Seilschaften mit teils beißendem Spott gehörig aufs Korn. Herrlich, wie er die Fallstricke und Fettnäpfchen bei der Organisation eines internationalen Symposiums beschreibt.
Ein tragisches Ereignis, der Verlust eines Freundes – so viel sei an dieser Stelle verraten – sorgt bei Marcello für einen Schock und lässt in dieser unterhaltsamen wie klugen Satire indes auch etwas Melancholie durchscheinen. Die Auseinandersetzung mit den politischen Ideen und Überzeugungen der Mitglieder der Brigade und letztlich ihren Handlungen stimmt hingegen recht nachdenklich.
„Erst habe ich seine Romane durchgearbeitet, dann habe ich sein Leben aufgezeichnet. Jetzt ist der Moment gekommen, zu ihm zu werden.“
Der deutsche Titel des Romans geht auf einen Ausspruch Barabbas, eines Mitglieds der Terror-Gruppe, zurück, der einen zunehmend gewalttätigen Kurs einforderte, „da sie nicht länger nur Revolutionäre spielen dürften“, wie es an einer Stelle heißt.
Dario Ferrari, 1982 geboren, gelang mit seinem zweiten Roman „Die Pause ist vorbei“ in seiner Heimat ein großer Erfolg. 100.000 Leser fand sein Buch, das, in verschiedenen Sprachen übersetzt, in mehreren Ländern erscheint. Ferrari, dessen mittlerweile dritter Roman in Italien erschienen ist, gewann verschiedene Literaturpreise.
„Bei Borges heißt es – und Sella unterstreicht das -, jedes Schicksal, wie weitläufig und verschlungen es auch sein mag, besteht in Wirklichkeit aus einem einzigen Augenblick; dem Augenblick, in dem der Mensch für immer weiß, wer er ist.“
Mit „Die Pause ist vorbei“ ist dem Italiener ein gedankenreiches, faszinierendes und spannendes Porträt eines Langzeitstudenten und zweier spannender Zeiträume gelungen. Unerwartete Wendungen, zahlreiche Anspielungen auf Literatur und Politik, die teils allerdings nur Kenner der italienischen Literatur erkennen werden, und ein überraschender Schluss – Marcello kommt hinter die wahre Identität seines Professors Sacrosanti – lassen so manche, etwas sperrige Passage vergessen. Ist die Doktorandenzeit für Marcello eine große Lehrzeit, an der er wachsen wird, so bereitet dieser Roman auch dem Leser so manche Lektion und lässt sinnieren über Literatur und das Leben.
Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Buch-Haltung“.
Dario Ferrrari: „Die Pause ist vorbei“, erschienen im Verlag Klaus Wagenbach, in der Übersetzung aus dem Italienischen von Christiane Pöhlmann; 352 Seiten, 26 Euro
Foto von Lorenzo Sardelli auf Unsplash

