„Alles im Kosmos ist miteinander verbunden.“
Sein Ruf als Universalgelehrter ist bis heute legendär, seine kosmopolitische Haltung vorbildhaft. Alexander von Humboldts (1769-1859) Name kennt wohl die ganze Welt, schon zu Lebzeiten genoss er großes Ansehen – erlangt durch seine Publikationen und mehrjährigen Forschungsreisen. Eine führte ihn Ende des 18. Jahrhunderts nach Südamerika. Ihr widmete sich Julia Wong, eine peruanische Schriftstellerin mit chinesischen Wurzeln, in ihrem Roman „Zur anderen Seite des Ozeans“, in der allerdings eine ganz andere Person die Hauptrolle übernimmt.
Zwei Gelehrte an Bord
Sie nennt sich Ang Chi, Angel Chuong und Antonio Campos. Angela ist zwölf, als sie, als Junge verkleidet und ausgestattet mit drei Namen, einen Platz auf der Korvette „Pizarro“ erhält. Kein Geringerer als Humboldt und sein Mistreiter und Vertrauter, der französische Mediziner und Botaniker Aimé Bonpland (1773-1858), wollen von La Coruna mit dem Schiff nach Südamerika aufbrechen, um vor Ort zu forschen. Angelas Vater hat sich frühzeitig aus dem Staub gemacht, die Mutter hält ihre Tochter für lästig, wird allerdings mit einem ungewöhnlichen Beitrag ihr erst den Weg für diese Reise ebnen, die das Mädchen mit indochinesischen Wurzeln für immer prägen wird.

Zwar wird sie ihre Familie und ihre spanische Heimat nie wiedersehen. Doch sie wird eine Erfahrung machen, die wohl zu jenen Zeiten nur die wenigsten Menschen erleben durften: den Ozean überqueren – wenngleich die Überfahrt strapaziös ist -, und einen anderen Kontinent sehen. Angela, der ihre Kochkünste zugute kommen, lernt Menschen anderer Herkunft, anderer Hautfarbe kennen, muss allerdings auch erfahren, wie die „Oberen“ andere demütigen, ausgrenzen und ausbeuten.
Doch sie lernt auch Humboldt kennen, der nicht nur wie kein Zweiter für Bildung und Wissen für alle steht, die Menschen gleichberechtigt ansieht und somit Sklaverei und Leibeigenschaft missbilligt. So webt Wong Tagebuch-Einträge des Forschers ein, in denen er seine Gedanken zu Europa, Krieg und Frieden, Wissenschaft und Religion formuliert hat.
So wagen es die Seefahrer, mich zu durchpflügen, ohne zu wissen, dass ich es bin, der entscheidet, wer lebt und wer in mir bleibt, wer mich überqueren darf, wessen Verbündeter und wessen Feind ich bin.“
Wongs Roman ist vieles in einem. Ein Reisebuch, ein historischer Roman, aber auch eine spannende und einfühlsame Coming-of-Age-Geschichte eines besonderen Mädchens, das nicht nur eine neue Welt für sich erkundet, sondern auch die ersten sexuellen Erfahrungen sammelt. Angelas und Humboldts Wege werden sich zwar trennen, doch sie wird ihn immer in Erinnerung behalten. Er wird – unter lebensgefährlichen Bedingungen – fast den Chimborazo besteigen; seine Reise nach Amerika gilt heute als eine der berühmtesten Expeditionen der Menschheitsgeschichte.

Aus dem Mädchen wird eine Frau, die in Lima ein neues Zuhause findet und im Haus eines Grafen arbeitet. In den letzten Kapiteln verhandelt Wong Themen wie den Kolonialismus und die Christianisierung sowie den Drang nach Gleichheit, Freiheit und Unabhängigkeit, eine Bewegung, die von Frankreich aus nun auch Lateinamerika erreicht hat.
„Dieses Tagebuch war ein vortrefflicher Dialog mit dem, was das Auge gesehen hatte. Tag für Tag galt es, auf jedem neu beschriebenen Blatt Papier die einzigartigen himmlischen Bilder aus der Anonymität zu befreien.“
Wong (1965-2024) zählt zu den bekanntesten Schriftstellerinnen ihres Landes, sie hinterließ ein vielfältiges Schaffen, schrieb Romane, aber auch Kurzgeschichten und Gedichte. „Zur anderen Seite des Ozeans“ ist das erste und bisher einzige Werk, das nunmehr ins Deutsche übersetzt worden ist. Mit dem schmalen Roman hat der kleine Verlag Edition Isele aus Eggingen eine Perle entdeckt, ein Buch, das so viele Facetten enthält, bereichert und angesichts einer besonderen Hauptfigur zudem berührt.
Des Ozeans poetische Stimme
Was den Roman über seinen vielschichtigen Inhalt hinaus so faszinierend macht, ist Wongs Sprache und die zahlreichen Stimmen, die das Buch auszeichnen. Die eher sachliche, wenn auch persönliche Humboldts, genauso wie die poetische des Ozeans, der ebenfalls zu Wort kommt. Auch Angelas Mutter wird zur Erzählerin. „Zur anderen Seite des Ozeans“ ist ein wundervolles Buch über Herkunft und Bildung, das aber auch vor Augen führt, dass das Reisen und das Wandern der Menschen über Land und zu Wasser das Gestern und Heute prägen.
Julia Wong: „Zur anderen Seite des Ozeans“, erschienen in der Edition Isele, in der Übersetzung aus dem Spanischen von Ineke Phaf-Rheinberger unter Mitarbeit von Barbara Mesquita; 200 Seiten, 17,80 Euro
Foto von Alain Bonnardeaux auf Unsplash


das klingt nach einem guten Roman. Werde ich mir merken!
Grüße, Elvira
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Der kommt auf meine Liste.
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