Der Fremde – Matthias Wegehaupt "Die Insel"

„Diese Bilder zerreißen keine Nebel. Nirgendwo leuchtet die erbarmungslose grelle Helligkeit einer Erkenntnis. Ungepflügtes Land, dachte er plötzlich. Land, das man nicht pflügt, bringt bald keine Frucht mehr. (…) Aber auf den Leinwänden kannst du pflügen, wenn du nicht ängstlich bist.“ 

Des Künstlers Heimat ist das Eiland. Unsmoler heißt er, sein Name von den Einwohnern der Insel verliehen. Sein ganzes Leben dreht sich nur um die Kunst, um  seine Bilder, die während oder nach langen Strandgängen entstehen. Unsmoler lebt abgeschieden vom Dorf in einer kleinen, bescheidenen Kate. Ruhe könnte er reichlich haben, wenn nicht da der Staat wäre, der in Form des Großen Vorsitzenden die urige und sicherlich auch etwas hinterwäldlerische Insel nach seinen Vorstellungen umkrempelt. Ein ganzes Land, die einstige DDR, findet sich auf diesem kleinen Stück Land inmitten der Ostsee wieder. Wie Uwe Tellkamp in seinem Roman „Der Turm“ die damaligen Geschehnisse im Leben eines Dresdner Viertels und einer Familie widerspiegelt, so setzt Matthias Wegehaupt die DDR eben auf jene Insel.

Und nicht alles ist fiktive Spielerei. Wegehaupt, 1938 in Berlin geboren, selbst Maler und Künstler und bis heute auf Usedom lebend, verwandelte die Notizen seines Tagesbuchs in das 2005 erschienene, dickbändige Werk. Aus gut 3000 Seiten wurden 1000 Seiten, in denen nahezu die ganze Geschichte des Landes erzählt wird. Der Roman setzt dabei kurz vor dem Mauerbau im Jahr 1961 ein und endet nach mehreren Zeitsprüngen kurz nach der Wende. Der Leser begleitet nicht nur Unsmoler und die Bewohner der Insel, sondern erfährt, wie der Staat in das  Leben eines jeden Einzelnen eingegriffen hat.  Dabei beginnt alles recht unscheinbar mit der Verwandlung des Eilandes in eine Ferieninsel, denn der Große Vorsitzende will mit positiven Zahlen bei der Parteiführung glänzen. Die Kirche als Institution wird genauso ins Abseits gedrängt wie die ursprünglich lebenden, meist eigenbrötlerischen Einwohner. Unsmoler muss im Gegensatz zu seinem Künstlernachbarn Herrn Akkurat und seine Frau auf Linientreue gebracht werden. Über allem Tun blickt zudem das wachsame Auge der Firma. Später prägen Grenzposten und Teilnehmer vormilitärischer Übungen das Land.

Unsmoler hat es da nicht einfach. Neben Aufträgen für den Kulturverband – plakative und volksaufmunternde Spruchwände –  arbeitet er an Werken, die so gar nicht in die geforderten Kunstdoktrien der Parteiführung passen. Er grenzt sich ab, auch zum Leidweisen seiner Frau, die später mit dem gemeinsamen Kind die Insel verlässt. Unsmoler wirkt von seinem persönlichen Anspruch als Künstler wie gehetzt, pendelt zwischen dem Eiland und der Großstadt, in denen Künstlerkollegen und ehemalige Kommilitonen meist mehr schlecht als recht leben. Als auch noch sein Hund erschossen wird und ein Künstlerkollege nach einer misslungenen Flucht stirbt, steht Unsmoler gänzlich im Abseits, auch wenn er mit einer „Blondine“ von der Firma ein Verhältnis beginnt. Als er ungeschoren aus einer Stasi-Vernehmung wieder auftaucht, glauben die Einwohner fälschlicherweise, er sei einen Pakt mit der Firma eingegangen. Kurz vor der politischen Wende erfährt Unsmoler nach einer verrückten Flucht nach Schweden, wo wirklich seine Heimat ist.

Neben den Zeitsprüngen und Rückblenden in die Kriegs- und Nachkriegszeit, als Unsmoler als Kind mit der Familie aus Ostpreußen geflohen auf der Insel eine neue Heimat findet, arbeitet Wegehaupt auch stilistisch zweigleisig. Beschreibungen über das Wirken der Parteigenossen haben einen ironischen, sogar sarkastischen Zug, die Kapitel und Absätze über Unsmoler, sein und das Verhältnis vom Staat zur Kunst zeigen sich hingegen ungemein poetisch und melancholisch. Hier liegt dieser große Reiz des Buches, das sich im Gegensatz zu Tellkamps „Turm“ nicht in schwerverträglichen Bandwurmsätzen verrennt. Kurze und prägnante Sätze, die sich ins Gedächtnis brennen, prägen dieses Schwergewicht von einem wortgewaltigen Buch. Trotz dieses Umfangs ist dem grandiosen Werk eines zu wünschen: Dass es genauso viele, wenn nicht sogar mehr Leser gewinnt als der „Turm“. Und noch ein Rat an die sogenannten „Lehrplan-Bevollmächtigten“: In Sachen DDR-Aufarbeitung ist „Die Insel“ unbedingt zu empfehlen.

Der Roman „Die Insel“  von Matthias Wegehaupt ist im Buchhandel als Ausgabe des List-Taschenbuch-Verlages erhältlich.
1024 Seiten, 12,95 Euro