Bewegte Zeiten – Ein auch literarischer Rückblick auf 25 Jahre Deutsche Einheit

Alles begann mit den Nachrichten. Meine Eltern baten mich unisono und mit etwas Strenge in der Stimme, doch endlich mal still zu sein. Ich war zwölf Jahre und plapperte. Wie es halt Mädchen in diesem Alter tun. Im Fernsehen lief die „Aktuelle Kamera“, die Nachrichtensendung der DDR. Auf der Mattscheibe: Szenen, die noch heute für Gänsehaut und ein Kribbeln im Bauch sorgen. In Berlin fällt die Mauer, der „antifaschistische Schutzwall“, wie er auch genannt wurde. Es war der erste Schritt zur Wiedervereinigung Deutschlands, deren 25-jähriges Jubiläum heute feierlich landauf und landab begangen wird. 


Was empfinde ich heute? Vor allem eine sehr große Dankbarkeit. Aber es ist auch ein eigenartiges Gefühl, wenn ein geschichtliches Ereignis die Biografie verändert. Mein Lebensweg wäre ohne Frage ganz anders verlaufen. Da bin ich mir ganz sicher. Viele der schönsten Erlebnisse, Erfahrungen und Lebensjahre hätte es nicht gegeben: Ob ich das Abitur hätte machen können, ist fraglich. Ganz sicher hätte ich nicht als Au-Pair nach Norwegen reisen können. Und die Karl-Marx-Universität, wie die Leipziger Alma Mater einst genannt wurde, hätte ich sicherlich, wenn überhaupt, nur aus der Ferne gesehen.

Und ganz zu schweigen von all der Literatur, die nach 1989/1990 zugänglich wurde. Eine Vielzahl von Autoren waren in der DDR nicht mit ihren Werken vertreten. Selbst große Namen wie Kafka und Mann waren verpönt.  Manche Werke aus DDR-Verlagen galten als sogenannte „Bückware“, Bücher, die nur durch gute Kontakte zu den Verkäufern herausgegeben wurden und sich nicht in der Auslage befanden. Einige Bücher gingen nach dem Druck direkt in Richtung UDSSR. Mein Vater brachte mir von einer Reise nach Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, Ludwig Bechsteins Märchenbuch, mit Holzschnitten illustriert, mit, das ich noch immer in Ehren halte. Erschienen war der Band 1984 im Gustav Kiepenheuer Verlag, erstanden wurde er für drei Rubel und elf Kopeken. Ein Stempel beweist es.

Ohne Mauer gibt es nahezu keine Grenzen in der Lektüre-Auswahl. Mit den Büchern ging ich in den vergangenen Jahren viel auf Reisen: nach Amerika, Afrika, Australien. Vor allem auch in die eisige Welt der Arktis und Antarktis. Bücher zu diesem Thema faszinieren mich, ob Romane oder Reiseberichte, bis heute. Mit den Jahren las ich mich vor allem auch ein in die norwegische Literatur. Das Land lässt mich nicht los. Und ich lass es nicht los. Die derzeitige Diskussion um die Werke von Karl Ove Knausgård finde ich faszinierend, auch wenn ich die teils hämischen Kritiken, die aktuell regelmäßig geäußert werden, nicht wirklich nachvollziehen kann und werde.

Doch trotz all der Jahre – die Literatur aus der DDR und über die DDR blieb und bleibt Bestandteil meiner Lektüre. Zwischen den mit Preisen geehrten Werken wie „Der Turm“ von Uwe Tellkamp oder aktuell Lutz Seilers „Kruso“ fanden sich andere, weit weniger von der Kritik beachtete Titel, die mich mehr begeistert haben: so „Die Insel“ von Matthias Wegehaupt, der, auch autobiografisch gefärbt, von einem Künstler-Leben in der DDR erzählt und seine Geschichte auf einer Ostsee-Insel ansiedelt. Auch in der DDR verunglimpfte und vergessene Gegenwartsautoren erhielten nach der Wende die verdiente Aufmerksamkeit: so Werner Bräunig  (1934-1976) und sein Roman „Rummelplatz“, der 30 Jahren nach dem Tod des Autors wiederentdeckt wurde. Bräunig, zerbrochen, von der Stasi verfolgt und am Alkohol aufgerieben, starb früh. Anderen gelang die Übersiedlung in den Westen; so auch dem Lyriker Reiner Kunze, der im April 1977, wenige Tage vor meiner Geburt, die DDR verließ. Ein Band mit seinen Gedichten, im Fischer-Verlag in einem kleinen, aber wunderbar handlichen Format erschienen, zählt zu meinen jüngsten Errungenschaften im Bereich Lyrik. Interessant sind nun die Sichtweisen von Autoren, die weder aus der DDR noch aus Deutschland stammen. Bezüge zu den Vorwende-Jahren gibt es im neuesten Werk von Jonathan Franzen mit dem Titel „Unschuld“ und bei Jonathan Lethems Roman „Der Garten der Dissidenten“; zwei Bücher, auf die ich mich sehr freue.

Was ich mir für die kommenden 25 Jahre wünsche? Natürlich interessante und sehr gut geschriebene Romane über die DDR und die Wende. Diese bewegte Zeit wird Autoren auch weiterhin beschäftigen. Ich hoffe, dass sich Ost und West weiter annähern – dafür braucht es Respekt und Verständnis auf beiden Seiten, gerade von jenen Generationen, die ein geteiltes Deutschland miterlebt haben. Und Respekt und Verständnis, vor allem Menschlichkeit werden gerade jetzt mehr denn je benötigt. Dieses Land wird sich weiterhin wandeln.