(Zu)Flucht – Lutz Seiler "Kruso"

„Niemand kann dir das Sehen verbieten, niemand kann dir die Sehnsucht verbieten, schon gar nicht bei Sonnenuntergang.“

Ed macht sich aus dem Staub. Er verschwindet aus dem eigenen Alltag, verlässt nach dem Unfalltod seiner Freundin in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ die Stadt, sein Studium, das bekannte Umfeld und landet mit auf der Insel Hiddensee. Ein mythischer Glanz umgibt das kleine Eiland nahe Rügen – als schönste Perle in der Ostsee und umschwärmt von Touristen, als Ort der Inspiration für große Denker wie Gerhard Hauptmann, als letzte Bastion vor dem Westen. Die Insel ist Grenzgebiet und wird streng überwacht.

Ed findet sich wieder in einer Gruppe Gestrandeter. Aufgenommen von der Mannschaft des Klausners, einer Gaststätte, die hoch über der Steilküste Hiddensees thront. Hier wird der 24-jährige Germanistik-Student aus Halle/Saale Teil der Belegschaft: erst Zwiebelschäler, später Abwäscher. An seiner Seite: Alexander Krusowitsch, kurz Kruso genannt, Sohn eines russischen Generals.

Nicht nur dieser Name erinnert an den Klassiker „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe. In dem gleichnamigen Roman, der zugleich der erste des für seine Lyrik und unter anderem den Erzählband „Die Zeitwaage“ bekannten Autors Lutz Seiler ist, finden sich mehrere Anspielungen auf das berühmte Werk des Engländers. Doch auch allgemein spielt die Literatur eine besondere Rolle: Sie stellt ein Bindeglied innerhalb der Klausner-Besatzung dar. Viele der auf der Insel tätigen Saisonkräfte, Eskaas genannt, sind Literaten, Philosophen, Intellektuelle, die sich vom Land abgewendet hatten, weil dieses keine Verwendung für sie findet. Zu den Treffen werden Stücke vorgelesen; fremde oder eigene. Ed und Kruso teilen die Begeisterung für die Gedichte Georg Trakls. Zusammen ergeben sie ein besonderes Paar – aus Robinson und Freitag, aus Mentor und Schüler,  die schließlich in diesem Kammerspiel auf engstem Raum zu Blutsbrüdern werden, durch einen persönlichen Verlust aneinandergekettet.


Kruso ist der Herr der Insel. Er verteilt die „Schiffbrüchigen“, die vom Land geflohen sind, an ausgewählte, über die Insel verstreute Orte, um sie vor dem Zugriff der Grenzarmee zu bewahren, die Patrouille läuft und die vermeintlichen Landstreicher aufgreift.  Die kurze Entfernung zum Westen, der nur einige Kilometer Meeresweg entfernt ist, mit den Kreidefelsen der dänischen Insel Møn  aus nahezu greifbarer Nähe schimmert, scheint allzu verlockend. Auch Krusos Schwester war dieser Verlockung erlegen. Sie ließ den kleinen Bruder zurück, um schwimmend die Freiheit zu erreichen und nie mehr lebend zurückzukehren. Aufgrund dieser traumatischen Erfahrung schart Kruso seine Jünger um sich. Seine besondere Lektion an die Gestrandeten: Sie sollen die Freiheit nicht durch Flucht erleben, sondern sie in den für sie möglichen Bedingungen erfahren.

Doch die Zeit läuft gegen Kruso. Viola, das alte und stets auf den Deutschlandfunk eingestellte Radio in der Küche des Klausners, berichtet von Flüchtenden über die Grenzen Osteuropas. Das Land namens DDR steht an einem Wendepunkt. Wie die See an der Küste nagt und zerrt, wird der sozialistische Staat von der politischen Gegenwart überrollt. Auch die Mannschaft des Klausners löst sich auf; einer nach dem anderen verschwindet. Schließlich drehen sich die Verhältnisse, wird Ed zum Robinson, allerdings ohne Freitag, denn Kruso erkrankt schwer und wird von der russischen Armee gerettet.

Nicht nur diesem letzten Jahr der DDR widmet sich Seiler in seinem Roman-Debüt. Alles dreht sich um das große Thema Flucht. Nicht nur im ganz realen Sinne als Weggang aus der bekannten Umgebung oder aus dem Heimatland. Flucht kann auch die aus der Realität durch Worte sein. Und vieles in diesem Roman erinnert an Märchen: der tote Fuchs, mit dem Ed plaudert, die Rettungsaktion mit dem russischen Panzerkreuzer, der plötzlich vor der Insel ankert. Doch was sich hinter den poetischen Beschreibungen von Land und Leuten, den ungewöhnlichen Bildern und Vergleichen verbirgt, ist keine Idylle, sondern oftmals bittere Realität. Im Epilog des Buches erzählt Ed reportagehaft von seinen Recherche-Fahrten nach Dänemark, um einen Wunsch Krusos zu erfüllen. Er spürt die Toten auf, die in der Weite des Meeres ihr Leben verloren haben. Es ist eine geisterhafte Stimmung, die sich durch diesen letzten Teil des Buches zieht und dem Roman eine ungeheure Spannung verleiht, die in den Kapiteln zuvor ab und an untergegangen zu sein scheint. Oft tritt da die Handlung auf der Stelle, sieht man wie bei einer Fahrt auf einem Karussell das immer gleiche Geschehen.

Dennoch prägt sich „Kruso“ unweigerlich ein – auf vielerlei Weise. Mit zwei besonderen Helden, einer wunderschönen Sprache und einer Geschichte, die nicht nur die Frage nach der Bedeutung der Freiheit aufwirft und sich einem wenig beachteten Geschehen widmet, sondern den besonderen Weg geht und sich aus autobiografischen Hintergründen in große Literatur verwandelt. In seiner Danksagung erwähnt Seiler – im Übrigen einst selbst Germanistik-Student in Halle – nicht nur seine „Klausner“-Kollegen, sondern auch die Helfer bei seiner Recherche nach den im Meer Verschwundenen.

Der Roman „Kruso“ von Lutz Seiler erschien im Suhrkamp Verlag.
484 Seiten, 22,95 Euro