Wie die Jahre ziehen – Robert Seethaler "Ein ganzes Leben"

„Der Mensch ist oft allein in dieser Welt.“

Woher er kommt, das weiß er nicht mehr. Auch sein richtiges Geburtsdatum ist nicht bekannt. Als Kleinkind wird Andreas Egger vom Bauer Kranzstocker aufgenommen (und ziemlich oft mit der Haselnuss-Gerte verdroschen). Seine Mutter stirbt an der Schwindsucht, sein eigenes Leben nimmt seinen Lauf inmitten der einzigartigen Bergwelt der Alpen. Und die wird er im Laufe seiner sieben Lebensjahrzehnte nur einmal verlassen – um in den Krieg zu ziehen. Erst einige Jahre später kehrt er zurück nach Krieg und Kriegsgefangenschaft. Aber er lebt, viele andere nicht.

„Ein ganzes Leben“ heißt der neue Roman des Österreichers Robert Seethaler, und wenn man sein Werk zum ersten Mal in Augenschein nimmt, glaubt man kaum, dass in diesem schmalen Band mit knapp 160 Seiten wirklich ein ganzes Leben Platz findet. Aber es ist so. Und nicht nur das. Wer das Buch einmal in den Händen hält, wird es so schnell nicht loslassen, das Leben und die Welt von Egger nicht verlassen wollen. Förmlich wie unter Hypnose stehend wird der Leser in die Geschichte hineingezogen. Und die ist schnell erzählt. Egger wächst beim Bauern Kranzstocker auf, arbeitet schwer für Kost und Logis. Die Verhältnisse auf dem Hof sind bescheiden. Bei einer dieser Züchtigungen durch den Stock wird der Junge schwer verletzt und sein rechtes Bein so schwer beschädigt, so dass er fortan humpeln muss. Die Jahre ziehen vorbei. Egger wird zum Seilbahnarbeiter, sieht, wie sich seine Heimat für den Fortschritt verändert. Er baut sich ein Zuhause mit Garten. Mit 33 lernt er seine große Liebe Marie kennen, die wenig später durch eine Lawine ums Leben kommt.  Als der Zweite Weltkrieg beginnt, will er an die Front. Doch er wird ausgemustert, erst drei Jahre später wird er einberufen, in den Kaukasus geschickt. Sechs Jahre seines Lebens ist er Kriegsgefangener. Als er wieder zurückkehrt, hat sich das Land verändert, der Tourismus ist eingezogen. Autos fahren, es gibt Fernseher. Mit einem solchen Gerät verfolgt er die Mondlandung. Die Stille der Berge, die er so geliebt hat, ist nahezu verschwunden.

Egger zieht sich zurück in die Einsamkeit, wird Bergführer. Als er sich zur Ruhe setzt, wird er zum trotteligen Einsiedler, auf den die Dorfgemeinschaft herabblickt. Was sie nicht erkennen – seine besondere Lebensweisheit, die immer wieder durch diese Geschichte leuchtet und viel Wärme ausstrahlt. Auch wenn er selbst nicht die Welt gesehen hat, mehr allein ist als unter Menschen, weiß er, was ein gutes Leben ausmacht: Er fühlt Zufriedenheit trotz bescheidener Lebensverhältnisse und harter Arbeit, hat die Liebe erfahren und gespürt, staunt selbst über Bekanntes, wie die Natur und die Berg-Giganten, den Mond und die Sonne.


Seethaler, 1966 in Wien geboren und bekannt geworden mit seinem Roman „Der Trafikant“, lässt trotz seiner so nüchternen und schnörkellosen Sprache erstaunliche Bilder im Kopf des Lesers entstehen. Obwohl sein Held auch die tragischen Seiten des Lebens und den Tod mehrmals erlebt hat, weht an einigen Stellen ein Hauch von Humor sanft durch die Erzählung. Auch mythische Anspielungen, wie der Tod in Form der kalten Frau, finden sich darin. Der Fokus des Erzählers liegt dabei voll auf besondere Ereignisse im Leben Eggers, ohne jedoch die großen Fragen des Daseins in den Hintergrund zu rücken. Vielmehr sind es diese allumfassenden Zusammenhänge, die gemeinsam mit dem Blick auf ein einfaches Leben, zutiefst berühren und eine gehörige und unvergessliche Lektion in Demut und Bescheidenheit erteilen. Am Ende bleibt man erstaunt und ergriffen zurück. Große Literatur braucht keinen Umfang, sondern vor allem einen außergewöhnlichen Inhalt.

Der Roman „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler erschien im Hanser Verlag Hamburg.
160 Seiten, 17,90 Euro