Comic als Erinnerung – Emily St. John Mandel „Das Licht der letzten Tage“

„Erst wollen wir nur gesehen werden, aber sobald wir gesehen werden, reicht uns das nicht mehr. Danach wollen wir, dass man sich an uns erinnert.“ 

Es braucht nur wenige Tage, bis die Erde nahezu entvölkert ist. Die Georgische Grippe rafft einen Großteil der Menschheit hinweg. Zurückbleiben nur wenige Überlebende, die durch das Land streifen. Wie die Gruppe „Die fahrende Symphonie“, Schauspieler und Musiker, die Shakespeare und klassische Werke aufführen. Zu ihnen zählt Kirsten, die als Kind bei einer Inszenierung von Shakespeares „König Lear“ an der Seite des bekannten Mimen Arthur Leander auf der Bühne gestanden hatte. Sein Tod während einer Aufführung ereignete sich am Beginn der Epidemie. Noch Jahre danach erinnert sich die junge Frau an das faszinierende wie furchtbare Erlebnis, als Leander im Scheinwerferlicht zusammenbricht. In all dieser Zeit zählt ein Comic zu ihrem wertvollsten Besitz; eine Geschichte eines Wissenschaftlers, der mit einer erdähnlichen Raumstation durch das All fliegt. Den Comic hatte ihr Leander einst geschenkt. 

Geschichten über die Apokalypse gibt es bekanntlich so einige. Gerade in den vergangenen Jahren ist deren Zahl weiter spürbar angewachsen. Doch dem Roman „Das Licht der letzten Tage“ der amerikanischen Autorin Emily St. John Mandel möchte ich das Prädikat „besonders“ geben. Aber nicht weil sie eine Grippe-Epidemie als Auslöser des Zusammenbruchs der uns bekannten modernen Welt in ihrem Buch thematisiert. Schließlich ist die Gefahr, die von Erregern ausgeht, eine bereits heute keineswegs unterschätzte, wie Nachrichten aus afrikanischen Ebola-Regionen oder Dokumente der Geschichte aus den Zeiten der Pest und der Spanischen Grippe belegen. Vielmehr beweist Mandel, gebürtig aus Kanada stammend und heute in New York lebend, Mut zu einer besonderen Konstruktion ihres ersten Romans.  Sie baut aus mehreren Geschichten eine große zusammen – und das auf eine Art und Weise, die überaus intelligent und originell ist.

Erzählt wird nicht nur von den Tagen, Monaten und Jahren, nachdem die Georgische Grippe weltweit grassierte und die moderne Zivilisation mit dem Wegfall von Strom und Treibstoff auf einen mittelalterlichen Stand zurückgeworfen wird. Berichtet wird auch vom Leben und Sterben des Schauspielers Arthur Leander, der, aufgewachsen auf einer kleinen Insel vor der kanadischen Küste, in Toronto sein Glück als Schauspieler sucht und nach einigen kleinen unbedeutenden Rollen den Aufstieg schafft und Ruhm erntet. Als Leinwand-Star ist er nicht mehr vor den Enthüllungsjournalisten und Paparazzi sicher. Drei Ehen scheitern, auch jene mit Elizabeth, mit der er einen Sohn hat. Sie ist die zweite Frau an seiner Seite, nach Miranda, die ebenfalls wie Arthur von Delano Island stammt, als Sekretärin für eine Reederei arbeitet und nebenbei an einem Comic arbeitet. Und ihr schließt sich der Kreis: Denn ihr mehrteiliges Werk rund um den Physiker Dr. Eleven, der auf einer durch das All fliegenden Raumstation arbeitet, verbindet beide Geschichten, den Blick in die Vergangenheit und die Jahre vor der Grippe mit der Zeit nach dem tödlichen Virus. Diese kluge und vielschichtige Erzählstruktur hat mich ein wenig an den Stil von David Mitchell erinnert, der nicht nur in seinem bekanntesten Roman „Der Wolkenatlas“, sondern auch in „Number 9 Dream“ verschiedene Geschichten und Personen in ein großes Ganzen bettet.


Der Comic dient jedoch nicht nur als verbindendes Element. Es ist ein Erinnerungsstück aus der Vergangenheit, das wie ein Schatz aufbewahrt wird – auch Leanders Sohn Tyler, der später als gefürchteter weil gewalttätiger Prophet und Sekten-Guru durch das Land streift, hat diesen Comic als Geschenk seines Vaters in Ehren gehalten. Zudem ist der Comic Ausdruck, welche Rolle die Kultur in post-apokalyptischen Zeiten übernehmen könnte. Während die Technik keinen Nutzen hat, pflegen die Menschen vor allem die Kultur: Das sind nicht nur die Konzerte und Bühnenstücke, die „Die fahrende Symphonie“ in den einzelnen Siedlungen aufführt. Das sind auch die Bemühungen  eines französischen Werbetexters, der in Amerika während der Grippe gestrandet war, eine Zeitung herausgibt und Bücher sammelt. Aus diesen Anstrengungen erwächst eine etwas hoffnungsfrohere Stimmung – im Gegensatz zu anderen Dystopien. Obwohl natürlich auch hier der massenhafte Tod und die Gewalt unter den Menschen infolge der herrschenden Anarchie für grauenhafte Szenen und eine spürbare Düsternis und Beklemmung sorgt.

„Wenn die Hölle die anderen Menschen sind, was ist dann die Welt, in der fast überhaupt keine Menschen mehr leben?“

Am Ende kommt alles in einem Flughafen nahe des Lake Michigan zusammen: Severn City Airport ist zu einer kleinen Stadt geworden, wo die Menschen in den Hallen, Gates, Flugzeugen und auf den Landebahnen ihr Leben bestreiten. Hier hat Clark, ein Freund des Schauspielers Leander, ein Zivilisationsmuseum eingerichtet, das Dinge aus der modernen Vergangenheit aufbewahrt. Zu Kreditkarten, Handys und Notebooks gesellt sich schließlich auch der Comic über  Dr. Eleven, der als Reihe mit dem Band „Das Licht der letzten Tage“ einst seinen Anfang nahm. Licht – das ist es auch, das neben den verschiedenen Erscheinungsformen der Kultur und die Aufgabe der Erinnerung das ganze Buch als Thema durchströmt und innerhalb einzelner Szenen für eine spezielle Atmosphäre sorgt.

Mit „Das Licht der letzten Tage“ war Mandel nominiert für den National Book Award sowie den PEN/Falkner Award for Fiction. Doch nicht nur dies sollte Anreiz sein, dieses Buch zu lesen. Denn das klug komponierte und vielschichtige Erzählwunder mit einzigartigen Geschichten und Personen sollte allein für sich stehen und seine Wirkung entfalten.

Der Roman „Das Licht der letzten Tage“ von Emily St. John Mandel erschien im Piper-Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Wiebke Kuhn; 416 Seiten, 14,99 Euro

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