Tage danach – Heinz Helle „Eigentlich müssten wir tanzen“

„Ich stelle mir vor, wenn nach uns jemand die Welt wieder aufbaut, wird es eine schweigsame Welt.“

Am Anfang ist die Kälte: Fünf Männer stehen im Kreis dicht aneinander. Sie frieren und wärmen sich. Am Anfang gibt es auch eine unkontrollierte Gewalt: Fünf Männer vergehen sich nacheinander an einer wehrlosen Frau, die im Gebüsch liegt. Man schreibt den Monat April. Eine Katastrophe ist geschehen. Die bekannte Welt existiert nicht mehr. Dörfer sind verwüstet, die Menschen tot. Am Anfang einer neuen Zeit nach dem Ende streifen fünf Männer durch das Land. Ziellos, hungrig, frierend. 

Es herrscht Endzeitstimmung in Heinz Helles neuem Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“. Fünf Männer, Fürste, Golde, Gruber, Drygalski und der Ich-Erzähler, haben ein gemeinsames Wochenende auf einer abgelegenen Berghütte in den Alpen verbracht. Als die Schulfreunde ins Tal zurückkehren wollen, müssen sie erkennen, dass es keine Zivilisation mehr gibt. Die Straße sind menschenleer. Supermärkte verwüstet oder ausgeplündert. In einer Großraumdiskothek, die sie betreten, stoßen sie auf unzählige tote Menschen.  Um zu überleben, streift die Gruppe umher – auf der Suche nach Nahrung und Schutz. Sie trinken geschmolzenen Schnee, essen bereits tote Tiere, später Tannennadeln, Wurzeln und Rinde.

Mit der Zeit wird die Gruppe kleiner. Einer bricht sich den Fuß und bleibt zurück, ein anderer verletzt sich schwer an der Glasscheibe und wird schließlich mit dem Hammer erschlagen. Zwei weitere sterben auf grausame Weise. Am Ende bleibt der Ich-Erzähler, ein einstiger Pilot, zurück. Er wird zu einem Chronisten der Ereignisse und zugleich Erinnerer der Vergangenheit. Denn Erinnerungen scheinen vom Mensch-Sein als Einziges übriggeblieben zu sein. Die zwischenmenschliche Kommunikation hat sich auf ein Minimum reduziert. Moral, Gesetz und ethische Prinzipien existieren nicht mehr. Gewalt ist Teil des nur auf körperliche Instinkte und Nöte ausgerichteten Überlebenskampfes; Gewalt, die sich gegen eine Frau, gegen die Freunde und später auch gegen einen fremden Überlebenden richtet, der in der Berghütte Schutz gesucht hatte.  Der Ich-Erzähler blickt zurück: In Gedanken holt er die Vergangenheit zurück, nachdem die Gegenwart in Schutt und Asche liegt. Er erinnert sich an seine Schulfreunde, an seinen Traumberuf, an die Fahrt zur Berghütte und das erste gemeinsame Essen.

„Wir tragen Modelle unseres Lebens in unseren Taschen, und auch wenn wir in dieses Leben nie mehr zurückkehren können, beruhigt es uns, eine Erinnerung daran zu haben, die wir anfassen können und herausholen und betrachten. Die Displays sind schwarz.“

Die oft detailreichen Szenen zehren sehr an den Nerven. Die Auswirkungen der Katastrophe werden in entsetzlichen Bildern und Szenen und in einer klaren deutlichen Sprache ohne Vergleiche und Metaphern in den Kopf des Leser gebracht, ja nahezu hineingestanzt. Helles Stil lässt keine Ablenkung zu, vielmehr wird eine nahezu atemlose Spannung geschaffen. Oft werden Wörter wiederholt. Mich hat dies an ein besonderes filmisches Mittel erinnert: das Heranzoomen einer Szene, eines Menschen. Bei Helle geschieht das in einer Art gefühlten Zeitlupe. Eine gewisse Langsamkeit ruht in verschiedenen Szenen, so als ob die Zeit mit dem Untergang der Zivilisation stehengeblieben ist.


Die mögliche Ursache der Katastrophe lässt Helle indes nahezu im Dunkeln. An einer Stelle ist von Raketen die Rede. Auch in Marlen Haushofers bekanntestem Werk „Die Wand“, an das ich bei der Lektüre denken musste, wird der Grund, warum die Protagonistin von einem Tag auf den anderen zu einem Insel-Dasein auf einem Hof in den Bergen gezwungen wird, nicht erwähnt. Und auch in diesem Roman stört ein Eindringling die „Idylle“. Nachdem die Männer erkannt haben, dass es durch den Marsch in das Tal kein Entrinnen aus der ausweglosen Situation gibt, kehren sie zurück zur Hütte.

Dystopien faszinieren mich sehr. Wird doch in jenen Romanen dem Leser vor Augen geführt, wie Menschen auf eine Katastrophe riesigen Ausmaßes reagieren und ihr Leben neu ordnen und gestalten. In „Eigentlich müssten wir tanzen“ findet sich im Gegensatz zu anderen Beispielen dieses Genres nicht den Hauch einer Zuversicht. Denn Menschlichkeit, eine Fähigkeit, die helfen könnte, gemeinsam die schwierige Lage zu durchstehen, gibt es in Helles düsterem und beklemmenden Werk nicht. Das ist an verschiedenen Stellen zu sehen: Der verletzte Mitstreiter wird zurückgelassen, ein verwundeter Freund getötet. Selbst ein weiterer Überlebender wird ausgeschaltet, der die Gruppe womöglich helfen könnte. Mit dieser hoffnungslosen Sicht könnte man nahezu den Gedanken hegen, dass es für einen Menschen in einer ähnlichen Situation besser gewesen wäre, ein Opfer als ein Überlebender zu sein.

Heinz Helle, der mit seinem Roman „Der beruhigende Klang von explodierenden Kerosin“ vor einem Jahr sein Debüt als Autor feierte, schaffte es mit seinem neuesten Werk auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Eine verdiente Würdigung, den „Eigentlich müssten wir tanzen“ ist ein großartiges Buch, das auch zeigt, dass wir Menschen unglaublich nah am Abgrund stehen und der Fall ohne Ankündigung kommen wird.

Besprechungen gibt es bei den beiden Buchpreisbloggern Uwe Kalkowski  „Kaffeehaussitzer“ und Jochen Kienbaum „lustauflesen.de“.

Der Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“ von Heinz Helle erschien im Suhrkamp Verlag; 173 Seiten, 19,95 Euro

Foto: Klaus Glund/pixelio.de