Trotzkopf – Jacqueline Kelly „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen“

„Wie flüchtig sind die Wünsche und Anstrengungen der Menschen! Wie kurz ist seine Zeit! Wie dürftig werden mithin seine Erzeugnisse denen gegenüber sein, die die Natur anhäuft!“ Charles Darwin „Über die Entstehung der Arten“

Für manche Leseerfahrungen braucht es etwas Glück. Das Glück oder auch der Zufall, ein besonderes Buch zu entdecken. Dieses hat sich vor mir zwischen anderen Jugendbüchern in einem Regal einer meiner Lieblingsbuchhandlungen regelrecht versteckt. Hellgrün ist bekanntlich keine Farbe, die einem ins Auge springt. Und auf dem Cover sind auch keine Drachen, Zauberer oder Vampire zu sehen. Vielmehr zeigt es ein Gewimmel aus Pflanzen und Tieren, wie Schmetterlinge und Vögel. Doch „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen“ von Jacqueline Kelly hat es trotzdem auf den Stapel gekaufter Bücher geschafft. Welch ein Glück!

Denn das Werk der gebürtigen Neuseeländerin und heute in Texas lebenden Ärztin, Rechtsanwältin und Autorin hat mir eine wunderbare Lesezeit beschert und mich mit seiner Geschichte eines intelligenten und neugierigen Kindes, das kaum Grenzen kennt, an den ebenfalls bezaubernden Roman „Die Karte meiner Träume“ von Reif Larsen erinnert. Statt eines Jungen schreibt Kelly jedoch die Geschichte eines Mädchens. Calpurnia ist elf, fast zwölf Jahre alt und wächst ähnlich wie T.S. Spivet, der Held aus „Die Karte meiner Träume“, auf einer Farm auf – als einziges Mädchen von insgesamt sieben Kindern. Man schreibt das Jahr 1899, die Erinnerungen an den Bürgerkrieg zwischen dem Norden und dem Süden (1861 – 1865) sind noch frisch. Während Cal ihres Standes gemäß und als künftige Hausfrau eigentlich das Stricken, Sticken und Kochen lernen soll, streift sie an der Seite ihres Großvaters durch die Natur, entdeckt Pflanzen und beobachtet Tiere und füllt ihr Notizbuch. Die heimische Natur in Texas scheint ihr als Wunder. Heimlich träumt Cal davon, die noch nie das Meer und Schnee gesehen hat, eines Tages Naturwissenschaftlerin zu werden. Doch ihre Ambitionen werden von ihren recht strengen Eltern nicht gern gesehen. Mehr schlecht als recht und unter Zwang übt sich das Mädchen  im Kochen und in den Handarbeiten.

Zu ihrem Großvater, der seine zahlreichen Enkel kaum auseinanderhalten kann und trotz seiner einstigen wirtschaftlichen Erfolge als Eigenbrötler verschrien ist, hat sie eine enge Beziehung aufgebaut. Sie darf in seine heiligen Räume, die Bibliothek und das Laboratorium, eintreten. Er lehrt ihr, was wichtig ist im wissenschaftlichen Umgang mit der Natur und macht sie mit den Büchern von Charles Darwin und Charles Dickens vertraut. Bei ihren Touren entdecken sie eines Tages eine unentdeckte Wicken-Art. Doch bis das Smithsonian Institut in Washington – es taucht im Übrigen ebenfalls in „Die Karten meiner Träume“ auf – diese Art für neu erklärt, vergehen einige Wochen und Monate. In dieser Zeit ist Cals Lieblingsbruder Harry auf Brautschau, verlieben sich drei ihrer Brüder in ihre Schulfreundin Lula und muss Travis, einer der jüngsten Brüder, erfahren, dass Truthähne, selbst wenn sie einen Namen erhalten und gestreichelt werden, zu Thanksgiving in den Backöfen wandern können. Doch auch abseits der Familie Tate stehen große Ereignisse bevor: Das Telefon zieht auch in Texas ein. Auf einer Landwirtschaftsschau wird ein Auto vorgestellt. Das neue Jahrhundert wirft seine Schatten voraus.

„Wie traurig, der Letzte seiner Art zu sein, ganz allein sein Signal ins Dunkel zu senden, ins Nichts. Aber ich, ich war doch nicht allein, oder? Heute Abend hatte ich erfahren, dass es andere wie mich gab, irgendwo da draußen.“

Diese Geschichte eines besonderes Mädchens und ihrer großen Familie übt einen besonderen Zauber aus. Melancholische Szenen wechseln sich mit einem wunderbaren Wortwitz und Humor ab, ohne die großen Themen zu vergessen. Mehrmals findet der Bürgerkrieg –  Cals Großvater war Soldat – und seine dramatischen Auswirkungen Eingang. Doch das Leben des Mädchens wird vielmehr von den vorherrschenden gesellschaftlichen Konventionen und einer sehr konservativen Frauenrolle geprägt. Zusammen bilden sie schlichtweg Fesseln für ein intelligentes Mädchen, das einen anderen Weg verfolgen will, als es die standesgemäße Vorstellungen vorschreiben. Cal tut sich damit schwer, ihre künftige Rolle zu finden. Immer wieder bricht sie aus, versucht, ihrer Leidenschaft des Entdeckens zu folgen.

„Calpurnias evolutionäre Entdeckungen“ ist vor allem ein Buch über das Thema Entwicklung – die Entwicklung der Natur, die Entwicklung des Menschen. Jedes Kapitel steht ein Zitat aus dem legendären Werk „Über die Entstehung der Arten“ von Charles Darwin vor. Allgemein schweben der Schöpfer der Evolutionstheorie und sein Schaffen über dieser Geschichte. Wie der Mensch fortschreitet, zeigt Kelly an den technischen Errungenschaften des Telefons und des Autos, das jeweils Eingang in das Leben der Menschen findet. Und nicht zu vergessen: Cal selbst, die man als Leser unweigerlich ins Herz schließt. Auch sie entwickelt sich weiter, fühlt schließlich, was sie später werden will und formuliert am Ende des Jahres 1899 anstatt eines geforderten Vorsatzes, den ihre Mutter traditionell von allen Familienmitgliedern in ein großes Buch schreibt, mehrere Wünsche. Sie möchte gern Schnee und das Meer sehen, den Pariser Eiffelturm und den Grand Canyon sowie das Nordlicht und ein Känguru. Ein Wunsch geht bereits in der Nacht zum 1. Januar 1900 in Erfüllung. Ein Hoffnungsschimmer, das Cal mit ihrer Neugierde und Klugheit ihren Weg gehen wird.

Das Jugendbuch „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen“ erschien im dtv-Taschenbuch-Verlag in der Reihe „Das junge Buch“ und ist für Leser ab zwölf Jahren geeignet. Die Übersetzung aus dem Englischen übernahm Birgitt Kollmann;

416 Seiten, 8,95 Euro