Das Jahrhundert der Wölfe – Robert Littell "Das Stalin-Epigramm"

„Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr, 
Wir reden, dass uns auf zehn Schritte keiner hört, (…).“

Die Jahre des Erfolgs und des Ruhms gehören der Vergangenheit an. Sein Name wird nur noch geflüstert, das Wissen um seine Dichtkunst negiert. Einst war er ein gefeierter Poet, nun ist er ein Verfolgter. Seine systemkritischen Werke bringen Ossip Mandelstam an den Rand der Gesellschaft und in das Visier der Geheimpolizei. Stalins Schatten hat das Land überzogen. Es herrschen Angst und Hunger. Die Verhaftungen und Zwangsdeportationen sowie die Nöte der Bauern angesichts der Zwangskollektivierungen treibt den Dichter um. Mit seiner Waffe, dem Wort, will er ein Zeichen setzen. Und scheitert – wie viele, ob Kritiker oder Mitläufer des Systems.

Nach einer Reihe erfolgreicher Spionageromane widmet sich der Amerikaner Robert Littell – im Übrigen Vater des Autors Jonathan Littell („Die Wohlgesinnten“) – einem der düstersten Kapitel der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts: der Diktatur unter Josef Stalin. Eine Begegnung mit Mandelstams Witwe, der Übersetzerin Nadeschda, Ende der 70er Jahren gab die Inspiration zum Roman, der, wie der Titel es verrät, das bekannte stalinkritische Gedicht Mandelstams  in den Mittelpunkt stellt, dessen Entstehung und Wirkung. Mandelstam schrieb dieses Werk im November 1934, nachdem er auf einer Reise nach Armenien Zeuge der Auswirkungen des Stalinterrors wurde. Eine Reihe seiner engsten Freunde, darunter der Literaturnobelpreisträger und Autor des Klassikers „Doktor Schiwago“, Boris Pasternak, warnten Mandelstam, das Gedicht jemals in irgendeiner Form an die Öffentlichkeit zu bringen. Letztlich benötigte es nur einen Hinweis an die Geheimpolizei, um Mandelstam verhaften zu lassen:  Die Zeit der Verfolgung begann, die ihn letztlich nach einem Aufenthalt im Moskauer Gefängnis Lubljanka in die Verbannung und später ins sibirische Lager führen soll, wo er schließlich auch im Dezember 1938 verstarb.

Littell teilt das Erzählen der damaligen Geschehnisse auf mehrere Stimme auf, neben Mandelstams Witwe und dessen Freunde kommt unter anderem auch ein einstiger Gewichtheber zu Wort, der, früher umjubelt, ebenfalls zu mehrjähriger Lagerhaft aus an den Haaren herbeigezogenen Gründen heraus verurteilt wird. Eine der bestürzenden Szenen ist jene, als der Transport von Gefangenen beschrieben wird. In Viehwaggons wurden Frauen, Männer und sogar Kinder nach Sibirien gebracht.

All dieses Leid, die Gewalt und Verfolgung setzt Littell gegen die Kraft des Wortes, die auch die Diktatur fürchtete. Es erschüttert ungemein zu lesen, wie kritische Stimmen, egal aus welcher gesellschaftlichen Schicht, systematisch und in großer Zahl mundtot gemacht wurden, ins Lager geschickt oder getötet wurden, selbst Stalin-Anhänger – so beispielsweise jener Mann, der Mandelstam im Gefängnis verhörte – schließlich umgebracht wurden. Wie Littell die letzten Jahre Mandelstams, die Rolle der Intellektuellen, der Kreis um Mandelstam und Pasternak sowie die schrecklichen Jahrzehnte der Diktatur literarisch verarbeitet, ist auf alle Fälle spannend, nervenaufreibend und vortrefflich verfasst, wie er allerdings dann doch in eher niedrige Sphären absinkt, beispielsweise immer wieder Mandelstams Manneskraft dem Leser vorführen will, ist eher weniger erbaulich und trübt den Anspruch, den ein Roman mit diesen ernsten Themen haben sollte.

Der Roman „Das Stalin Epigramm“ von Robert Littell erschien im Arche Verlag, in der Versetzung aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence.
400 Seiten, 22 Euro