Drei Lebenspfade – Alex Capus "Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer"

„Sie ist eine erfahrene Reisende und weiß, dass man einander normalerweise nur einmal begegnet, weil jede vernünftige Reise in möglichst gerader Linie vom Ausgangspunkt zum Ziel führt und zwei Geraden sich nach den Gesetzen der Geometrie nicht zweimal kreuzen.“ 

Die drei Leben rauschen aneinander vorbei, an jenem Novembertag im Jahr 1924 im Bahnhof Zürich. Was sie sich wohl zu erzählen hätten, wenn sie sich Jahre später an einem anderen Ort getroffen hätten? Sicherlich eine ganze Menge, denn Laura d’Oriano, Emile Gilliéron und Felix Bloch haben Geschichte geschrieben und in den Lauf der Geschichte eingegriffen, obwohl ihre Namen heute nur wenigen bekannt sein werden. Alex Capus hat ihre Geschichten aufgeschrieben, die Geschichte der Spionin, des Fälschers und des Bombenbauers, die im Weltenlauf womöglich einmal nah gekommen sind.

Die Handlung des neuen Romans des 1961 in der Normandie geborenen Schweizer Autors setzt an jenem Novembertag im Züricher Bahnhof ein. Das Mädchen Laura ist im Orientexpress auf dem  Weg nach Frankreich, der junge Felix schaut den Zügen hinterher, tief versunken in seinen Überlegungen, welches Studium er beginnen soll. Der Kunstmaler Emile sitzt in einem Zug, seine Reise geht nach Deutschland. Während der Künstler sich bereits auf der Höhe seiner Laufbahn befindet und nach der Arbeit an der Seite seines gleichnamigen und bekannten Vaters Emile Gilliéron für den bekannten Troja-Entdecker Heinrich Schliemann nun den englischen Archäologen Arthur Evans bei seinen Grabungen auf Kreta und seiner Suche nach der minoischen Kultur begleitet, muss Felix eine wichtige Entscheidung treffen. Laura träumt hingegen noch von einer Karriere als Sängerin. Der Schweizer wird schließlich zu einem der bekanntesten Atomphysiker, Laura treibt es hingegen nach Gelegenheitsjobs in Kneipen, Bars und Geschäften sowie einer gescheiterten Ehe in die Arme des französischen Geheimdienstes.

Um diese drei Biografien literarisch zu verarbeiten, hat Capus aufwendige Recherchen betrieben. Mit viel Herz und Einfühlungsvermögen lässt er den Erzähler über die Lebensstationen seiner Helden berichten, ohne indes ihre Handlungen und Entscheidungen zu bewerten. Ob nun Bloch seine jüdische Familie in den gefährlichsten und dunkelsten Jahren in Europa zurücklässt, ob Laura ihre beiden Töchter und ihren Mann klammheimlich verlässt, Emile mit den archäologischen Funden und dank seines Talentes und seiner Geschäftstüchtigkeit kräftig abkassiert. Alle drei Lebensläufe stehen jedoch nicht nur für sich, sie bilden zudem ein Abbild jener Zeit. Obwohl an manchen Stellen ein augenzwinkernder Ton herrscht – in den Beschreibungen des Krieges, seiner Gewalt und Vernichtungskraft übernimmt eine Melancholie und leise Niedergeschlagenheit das Zepter. Vor allem Felix Bloch und Laura d’Oriano haben zwar in den Lauf der Geschichte eingegriffen, sie als Spionin, er als Miterbauer der ersten Atombombe, letztlich sind sie wie jeder Einzelne nur ein von der Geschichte getriebener Mensch. Denn alle drei scheitern: die Spionin wird zum Tode verurteilt, der Physiker, der später den Nobelpreis erhalten wird, hat seine Moral verraten, der Kunstmaler verliert sein Prestige.

Wie Capus die drei Lebensläufe miteinanderverbindet, ist einzigartig. Auch wenn es in den vergangenen Jahren immer wieder bemerkenswerte Romane gegeben hat, die verschiedene Biografien in einer Handlung zusammenführen, auch über Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg – so zum Beispiel „Die Stunden von Michael Cunningham“ oder „Der Wolkenatlas“ von David Mitchell – Capus Werk bleibt ebenfalls im Gedächtnis des Lesers, als Roman, der berührt, fesselt und Wissen vermittelt. Rundum er ist ein Schmöker, der einen so schnell nicht loslässt – vom Lesen und Nachsinnen – und so unendlichen Lesegenuss beschert.  

Der Roman „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ von Alex Capus erschien im Hanser-Verlag.
288 Seiten, 19,99 Euro