Das Ziel ist der Weg – Rachel Joyce "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry"

„Er maß die Entfernung nicht mehr in Kilometern, sondern in Erinnerungen.“ 

Mit einem Brief in der Hand lässt er den ersten Postkasten hinter sich, schließlich auch den zweiten und dritten, das Postamt sowie seine Ehefrau Maureen. Aus einem Kurz-vor-die-Tür-treten wird eine mehrwöchige Pilgerreise vom tiefen Süden Englands nach Norden an die schottische Grenze, vom Ärmelkanal an die Nordsee, vom Haus in Kingsbridge bis zum Hospiz in Berwick. Dabei wollte der frisch pensionierte Harold Fry nur sein Antwortschreiben versenden, nachdem seine einstige Kollegin Quennie ihm mitgeteilt hat, dass sie, unheilbar an Krebs erkrankt, in einem Hospiz die letzten Tage und Wochen ihres Lebens erwartet.

Zugegeben: Pilgern ist trotz seiner religiösen Tradition derzeit eine Modeerscheinung, egal auf welchen Wegen. Aber der Roman „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ von Rachel Joyce mit seinem langen Namen erzählt eine wunderbare weil aufmunternde und zugleich tieftraurige Geschichte.

Doch setzen wir erst einmal einen Fuß vor den anderen an der Seite von Harold: Der zieht los, wie er gerade das Haus verlassen hat. An den Füßen nur ein Paar Segelschuhe, ohne Handy, ohne Karten, ohne Kompass. Nach den ersten Kilometern will er schon umdrehen, als eine junge Frau in einer Tankstelle ihm ihre Geschichte erzählt und ihm Mut zuspricht. Viele solcher Begegnungen sollen auf dieser per-pedes-Tour über eine Strecke von 1.000 Kilometer folgen. Harold trifft eine Ärztin aus der Slowakei, die nun als Putzfrau arbeitet und ihm seine schmerzenden und von Blasen übersäten Füße verarztet, er spricht mit einem Onkologen, einer Frau, die sich das Leben nehmen wollte, einem berühmten Schauspieler. Mit der Zeit findet Harold Gefallen am Laufen, sieht die Schönheit der Welt in ihrem alltäglichen Wachsen und Sein, den stetigen Ablauf von Tag und Nacht. Und er vermisst mehr und mehr auch Maureen, obwohl sich beide nicht mehr allzu viel zu sagen haben – nach 45 Ehejahren. Unterwegs schreibt er Karten an seine Frau und Queenie, die er inständig bittet, durchzuhalten.  Zwischen all den Beobachtungen der Landschaft und den Gedanken an seine Familie, vor allem auch an seinen Sohn David, mischen sich Erinnerungen: die erste Begegnung mit seiner Frau, das Aufwachsen seines Sohnes, seine Arbeit und die Freundschaft zu Queenie, die gemeinsam mit Harold in einer Brauerei arbeitete, aber vor 20 Jahren nach einer ungerechtfertigten Kündigung den Ort verlassen musste. Seitdem haben sich beide weder gesprochen noch gesehen. Schließlich wird Harold zu einem Star, als die Medien Wind von seiner verrückten Aktion bekommen. Auf der Reise schließen sich weitere Pilger mit eher zweifelhaften Ambitionen an, die Harold meist ein Klotz am Bein bedeuten.

Wir lassen ihn weitergehen, denn an dieser Stelle soll das Ende nicht erzählt werden. Auch nicht die vielen Überraschungen, die auf den Leser warten und das bezaubernde Buch immer in einem anderen Licht erscheinen lässt. Nur so viel sei als Vorwarnung verraten: Der Roman lässt einen nicht los, er rüttelt am Nervenkostüm und treibt das Gefühlskarussell stetig an. Zugleich verzaubert er nicht nur mit dieser einzigartigen Geschichte. Joyce Sprache ist sehr poetisch und herzerfrischend, mit viel Liebe für Details, Stimmungen und ihren Helden.  Am Ende hat man genauso oft gelacht wie geschluchzt. Ja, Taschentücher sollten parat liegen. Dieser Roman spricht vieles an, erzählt von Liebe, Freundschaft und Entscheidungen im Leben, vom Reiz des Schenkens sowie den kleinen und großen Entdeckungen einer Pilgerreise. Doch nach und nach rücken auch die kritischen Themen in den Fokus: der Tod, der sowohl Schmerz als auch Erlösung bedeuten kann, Betrug, falsche Vorwürfe und die Gefahr, die im Unausgesprochenen liegt.

Wer womöglich „Die Eleganz des Igels“ von Murial Barbery liebt, wird auch jenes Buch in seine Bestenliste aufnehmen. Apropos Bestenliste: Rachel Joyce, erfolgreiche Verfasserin von Hörspielen für die BBC, stand mit ihrem Debütroman auf der Longlist des renommierten Booker-Prizes.

Der Roman „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ erschien im Krüger Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Maria Andreas und ist bereits als Taschenbuch erhältlich.
384 Seiten, 18,99 Euro