Goran Vojnović „Unter dem Feigenbaum“

„Und am meisten enttäuschen uns Menschen, von denen wir am meisten erwarten.“

Zugegeben: In meiner Lesebiografie gibt es einige weiße Flecken. Wenn man leidenschaftlich für Autoren und die Literatur einiger Länder brennt, werden andere schlichtweg vergessen oder überhaupt nicht wahrgenommen. Seitdem ich diesen Blog schreibe und damit auch vermehrt Mitteilungen der verschiedensten kleinen oder großen Verlage erhalte, lerne ich vor allem eins: zu entdecken – und stoße dabei auf literarische Perlen, die mir beim Stöbern in Buchhandlungen wohl nicht aufgefallen wären. Der neue Roman des slowenischen Autors Goran Vojnović „Unter dem Feigenbaum“ hätte ich ignoriert, weil Osteuropa, speziell der Balkan eben noch immer zu jenen weißen Flecken zählt und weil sicherlich nicht jede Buchhandlung diesen Titel führt. Doch wie im Fall des grandiosen Romans „Belladonna“ der Kroatin Daša Drndić wäre es ein großer Fehler, hätte ich nun dieses Buch nicht gelesen.

Familie im Fokus

Dabei gibt gerade die Literatur  Einblicke in die Seelen, Identitäten und Wunden jener verschiedenen Länder des Balkans. All das, was sie ausmachen, was sie mitgemacht haben. Literatur dient als Archiv, als Chronik, wenn vieles schon in Vergessenheit geraten, nicht mehr im Bewusstsein verankert ist. Nicht einmal mehr als 1000 Kilometer entfernt, nahezu vor der Haustür Deutschlands, tobte in den 1990er-Jahren ein entsetzlicher Krieg, 50 Jahre nach dem zweiten großen dieser Welt. Vojnović erzählt in seinem Roman von dieser wechselvollen Geschichte und Zerrüttung dieser europäischen Region und rückt dabei eine Familie und damit mehrere Generationen in den Mittelpunkt.

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Nach dem Tod seines Großvaters Aleksandar kommt Jadran, der Ich-Erzähler in weiten Teilen des Romans, nach Jahren wieder in das Haus seiner Großeltern. Es war vom Großvater selbst abseits der Stadt Buje für die Familie errichtet worden, als dieser Mitte der 1950er-Jahre Slowenien verlassen hatte und nach Istrien gekommen war. Im Garten steht ein großer Feigenbaum, einzige Konstante und Beständigkeit im Leben der Familie, die von politischen und gesellschaftlichen Ereignissen sowie den verschiedenen Identitäten geprägt wird. So ist Jadrans Vater Safet Bosnier, der 1992 kurz vor den Beginn des Krieges Hals über Kopf seine Frau Vesna und seinen kleinen Sohn verlassen hat und in seine Heimat zurückkehrt war. Neben einem kurzen Wiedersehen, als Jadran gerade mal 16-jährig sich allein in den Bus nach Bosnien setzte, um seinen Vater wiederzusehen, gab es keine weiteren Kontakte zwischen Vater und dem Rest der Familie. Bis eben Aleksandar verstirbt, durch eine Todesanzeige in einer slowenischen Zeitung Safet von dessen Ableben erfährt und er nach Zagreb kommt.

Von Verschwinden und Verlust

Allgemein ist das Verschwinden des Einen und damit der Verlust des Anderen, vielleicht auch durch dessen Schuld, ein großes Thema, über das der Slowene in seinem neuesten Werk schreibt. Bereits Aleksandar hatte einst seine Familie verlassen, um in der Zeit des Sozialismus nach Ägypten zu gehen. Jadrans Frau Anja hat die Angewohnheit, mehrmals zu verschwinden, um wenig später wie aus dem Nichts wieder aufzutauchen. Selbst die Demenz von Jadrans Großmutter Jana fühlt sich vor allem für ihren Mann Aleksandar, der seine Frau aufopferungsvoll pflegt, wie ein Verschwinden an, ein allmähliches Verschwinden aus der realen Welt in eine andere, für einen gesunden Menschen unerreichbaren Welt.

„Unmöglich ist es, die Mechanismen des Vergessens zu entwirren, denn es arbeitet ohne Regel und Reihe, es sucht sich seine Opfer zufällig aus, als würde es mit geschlossenen Augen eine Lottokugel aus einem großen Topf ziehen. Für das Vergessen sind alle Erinnerungen gleich viel wert, und während es manche unangetastet lässt, zersetzt es andere unnachsichtig.“

Dabei hinterfragt Vojnović die Frage nach der Identität und der Zugehörigkeit zu einer Gruppe – nach und während der Zeit des sozialistischen Staates Jugoslawien, der als Nachfolgestaat des gleichnamigen Königreichs mehrere später selbstständige Republiken vereint hatte. Grenzen erscheinen indes nicht nur im geografischen Sinne, sondern existieren in Form von Vorurteilen sowie mit Blick auf die verschiedenen Generationen aufgrund von Ungesagtem, Leerstellen im Leben der Eltern und Großeltern, die ihren Nachfahren vieles vorenthalten. Gerade Jadran, der als Redakteur für eine Internetseite für Sportwetten schreibt und seine kleine, in Ljubljana lebende Familie mit dem Sohn Marko mehr schlecht als recht versorgen kann,  scheint darunter zu leiden. Er versucht, mehr vom Leben seiner Vorfahren zu erfahren. Doch viele Lücken bleiben.

Dem Slowenen gelingt es meisterhaft, mit viel Feingefühl und Sprachkraft die unterschiedlichen Beziehungen sowie Stimmungen während der Begegnungen der Familienmitglieder in all ihren Facetten zu beschreiben. Keine Seite kommt dabei ohne kluge und nachdenkenswerte Gedanken aus. Die letzten Seiten, ein tiefgründiger Dialog zwischen Anja und Jadran mit langen Abschnitten, enthält eine interessante Selbstreferenz, in der auf einen Roman, als roter Faden in einem Chaos, verwiesen wird.

2022 Gastland auf Frankfurter Buchmesse

„Unter dem Feigenbaum“ ist nach „Vaters Land“ (Folio Verlag) der nunmehr zweite Roman des Slowenen, der in deutscher Übertragung erscheint. Mit dem Roman „Cefurji raus!“ feierte er 2008 sein Debüt, das ihm viel Aufsehen, aber auch eine Anzeige des slowenischen Polizeipräsidenten eintrug. Nach dem Erscheinen des Buches kündigte der slowenische Innenminister zudem seinen Rücktritt an. Dabei stammt Vojnović, 1980 geboren, aus einem ganz anderen künstlerischen Metier: Er studierte Regie, arbeitet als Drehbuchautor und Regisseur. Für seinen Film „Good Lucky Nedim“ wurde er 2006 mit dem European Film Award geehrt. Auch für seine literarischen Werke erhielt er bereits mehrere Auszeichnungen. Mit seinem neuesten Roman gilt es, diese interessante Stimme der slowenischen Literatur hierzulande zu entdecken; noch bevor das Land auf dem Balkan im Jahr 2022 als Gastland der Frankfurter Buchmesse einen besonderen Auftritt erfährt und ins Rampenlicht rückt.


Goran Vojnović: „Unter dem Feigenbaum“, erschienen im Folio Verlag, in der Übersetzung aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof; 335 Seiten, 25 Euro

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