Liebe mit Grenzen – Christoph Hein „Verwirrnis“

„Er musste schweigen, musste verschweigen, was keiner wissen durfte.“

So innerlich eingegraben, verkantet, nahezu festgesaugt haben sich bei mir in der letzten Zeit nur wenige Bücher. Christoph Heins neuer Roman „Verwirrnis“ hat dies geschafft. Dass so eine besondere, besonders auch traurige Geschichte zugleich so viel Begeisterung entfachen kann, lässt mich indes auch etwas ratlos zurück. Woran liegt es, dass wir die tragischen Romane oftmals mehr schätzen, als die unaufgeregteren mit dem Happy End? Ohne den Ausgang vorwegnehmen, ihn nur anzudeuten:  Etwas Hoffnung bleibt,  von der der Held der Geschichte nur eine, aber dafür umso bedeutende Entscheidung entfernt ist. 

Mehr als „nur“ eine Freundschaft

Friedeward Ringeling heißt der Held des Romans, ein ungewöhnlicher Name, ein ungewöhnlicher Protagonist, der schon zu Beginn als ein „Original“ bezeichnet wird, der sich adrett kleidet und zu Hause vom Vater, ein gottesfürchtiger und jähzorniger Mann und Lehrer, fürchterlich verdroschen wird. Während seine beiden Geschwister Hartwig und Magdalena bereits in jungen Jahren das Weite suchen, in die Ferne beziehungsweise eine frühe Ehe flüchten, bleibt Friedeward zurück. Selbst dann noch, als sein Vater das Geheimnis des Jungen aufdeckt: Er erwischt Friedeward und dessen besten Freund Wolfgang, Sohn des Kantors, leicht bekleidet. Zwischen beiden Jugendlichen hat sich mehr als eine Freundschaft entwickelt, eine auch körperliche Anziehungskraft war entstanden aus Zuneigung, dem Gefühl der Seelenverwandtschaft heraus. Beide verstehen sich auf Anhieb, beide lieben Kunst und Kultur. Friedeward die Literatur, Wolfgang die Musik. Sie nennen sich liebevoll Friedl und Wölfchen. Als ihr heimliches Verhältnis trotz Schutzvorkehrungen – so geht Wolfgang eine Beziehung mit einer jungen Frau ein – auffliegt, trennen sich ihre Wege. Es wird nicht das einzige Mal bleiben.

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Denn nicht nur die Menschen mit ihrer Abneigung gegen diese gleichgeschlechtliche Liebe, vor allem der Vater, der seinem Sohn das Schuldgefühl mit der Riemenpeitsche regelrecht einbläut, setzen zwischen beiden Partnern Grenzen. Ob im ländlichen Eichsfeld, wo beide aufwachsen, an der Ostsee oder in der Großstadt Berlin. Die Politik der DDR tut das übrige.  Bereits während des Studiums trennen sich beider Wege: Wolfgang verlässt Leipzig, wo Friedeward Germanistik studiert, und geht nach Berlin, um weiter Kirchenmusik zu lernen. Der Bau der Mauer setzt der Beziehung ein jähes Ende. Friedeward bleibt in der DDR zurück, wo er nicht nur die spätere Theater-Regisseurin Jaqueline, die mit einer Frau zusammenlebt, heiratet, sondern an der Universität Leipzig eine Karriere als Germanist einschlägt – als Schützling eines bekannten wie realen Wissenschaftlers. Seine Identität wird an einer Stelle mit dem Namen „Hans“ verraten: Hans Mayer, der legendäre Literaturwissenschaftler, Autor und Kritiker (1907 – 2001). Selbst nachfolgende Studentengenerationen kamen an diesem Namen nicht vorbei, sei es durch die Lektüre seiner Bücher, sei es durch Erzählungen von Dozenten, die wie im meinem Fall beispielsweise sehr anschaulich über dessen beliebten Vorlesungen im Hörsaal 40 berichteten. Selbst später große Schriftsteller wie Christa Wolf und Uwe Johnson haben seinen Ausführungen einst gelauscht.

Historische Eckpunkte

Mayer ist dabei eine von zahlreichen Facetten des Romans, die deutsch-deutsche Geschichte widerspiegeln. Hein spannt den zeitlichen Bogen weit. Der Leser erfährt zu Beginn von den Kriegserfahrungen und -leiden, die Friedewards Vater in zwei großen Kriegen erleben musste.  Es finden sich unter anderem als geschichtliche Ereignisse die Weltfestspiele der Jugend in Berlin und der Gang Mayers in den Westen, dem eine Umstrukturierung am Germanistischen Institut folgt, einige Köpfe rollen, weil sie vermeintlich nicht der politischen Linie gefolgt waren. Friedeward wird vor einer Reise nach Wien von der Staatssicherheit in Beschlag genommen, die von seiner „Besonderheit“ weiß. Eine Begegnung, die schließlich wirklich tragische Folgen erst nach der Wende mit sich führen wird.

„Er war bekümmert, dass sich „sein Wölfchen“ nicht bei ihm gemeldet hatte – denn Wolfgang Zernick war lebenslang sein einziger wirklicher Freund geblieben, keine spätere Bekanntschaft hatte je wieder diese Innigkeit mit sich gebracht, diesen beglückenden Gleichklang, diese Leichtigkeit im Beisammensein.“

Hein, der auch nicht mit Kritik spart an Reformen in der Universität und in diesem Zusammenhang fatalen Entscheidungen vor und kurz nach der Wende, erzählt diese wechselvolle Lebensgeschichte des literaturvernarrten Jungen und späteren erfolgreichen Germanisten in einer kargen, einfachen Sprache. Er braucht keine poetischen Metaphern, keine originellen Vergleiche. Er erzählt mit einfachen und klaren Worten. Trotzdem entstehen eine Intensität sowie Szenen, die unvergesslich bleiben: die furchtbaren Gewaltexzesse des Vaters, von dem sich sein Sohn nie wird erholen können, der Beginn dieser Liebe zwischen Friedeward und Wolfgang als scharfer Kontrast zu den Schmerzen und dem Hass des Vaters, die Abschiede, die den einen oder anderen Leser sicherlich auch zu Tränen rühren wird.

„Verwirrnis“ erzählt eine Lebensgeschichte, die in einer anderen Zeit wohl anders verlaufen wäre, die allerdings in jenen Jahren und Jahrzehnten, in jenem Land auf andere, teils ungewollte Bahnen und in ein Dasein zwischen Schweigen, Scheinwelt und Zwängen gelenkt wurde. Kein Mensch bleibt unbeeinflusst von Politik und Gesellschaft. Auch dieser neue Roman von Hein, der mich manchmal an das ebenfalls meisterhafte Werk „Stoner“ des Amerikaners John Williams erinnert hat, tritt dafür den Beweis an. Auch dessen Held ist eine literarische Figur, die im Gedächtnis bleibt. Friedewards Persönlichkeit und Schicksal lassen keinen unberührt.

Weitere Besprechungen sind zu finden auf den Blogs „literaturleuchtet“, „Peter liest“ und „Ruth liest“.


Christoph Hein: „Verwirrnis“, erschienen im Suhrkamp Verlag; 303 Seiten, 22 Euro

Foto: pixabay

6 Gedanken zu „Liebe mit Grenzen – Christoph Hein „Verwirrnis““

  1. Der Roman wartet schon einige Zeit auf mich, und ich habe nun schon mehrere begeisterte Stimmen gehört bzw. gelesen, so auch wieder hier. Ich freue mich schon auf das Buch, es scheint ein besonderes zu sein… Viele Grüße!

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