Edith Wharton „Die verborgene Leidenschaft der Lily Bart“

„Warum nennen wir denn unsere großartigen Ideen Illusionen und die banalen Wahrheit?“

Unzählige Sprüche und Redenwendungen drehen sich ums liebe Geld. Der Reichtum wird in vielen Liedern besungen – ich habe dabei gerade Abbas Klassiker „Money, Money, Money“ im Ohr -, und in vielen Büchern beschrieben. Es ist Statussymbol und zugleich Lebensziel; vermutlich für zahlreiche Menschen. Über das oftmals verhängnisvolle Streben nach Geld, Luxus und Reichtum hat die große amerikanische Autorin Edith Wharton (1862 – 1937) mit ihrem Roman „Die verborgene Leidenschaft der Lily Bart“ ein Buch geschrieben, das auch heute viel zu erzählen hat und zeitlos ist.

Auf den Namen der 1862 in New York geborenen Schriftstellerin wurde ich aufmerksam, als ich ihren, 1929 im Original erschienenen Roman „Ein altes Haus am Hudson River“ kaufte und las. Schildert die Pulitzerpreisträgerin darin den Traum des jungen Vance Weston, ein Schriftsteller zu werden, geht es auch in ihrem bereits 1905 veröffentlichten Werk um einen Traum: Die Heldin Lily Bart will zur Upperclass zählen, in Geld schwimmen, Reichtum, Luxus und Ansehen genießen, rundum ein nahezu sorgloses Leben führen. Zwar stammt die junge Frau bereits aus einer gut betuchten Familie, doch diese stürzt in den Ruin. Die Eltern sterben wenig später. Eine Tante kümmert sich fortan um Lily, auch in finanzieller Hinsicht. Doch sie hat weit mehr im Sinn, als sich nur von ihrer Familie und Freunden auszuhalten zu lassen. Sie will einen vermögenden Mann heiraten. Ihre Chancen stehen dafür nicht schlecht: Sie ist hübsch und reizend, gern gesehener Gast auf Partys und den Landhäusern der High Society. Vermögende Männer, wie der stinkreiche Rosedale, der sein Geld an der Börse verdient, werben um sie.

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Doch Lily wird eher Gast auf Hochzeiten als selbst die Braut zu sein. Obwohl ihr ein mögliches Leben in Armut Angst einflösst, hadert sie. Soll sie als Frau nur die Angetraute an der Seite eines Mannes ohne eigene Ambitionen führen oder ein selbstbestimmtes Leben haben. Sie scheint hin und her gerissen zu sein, ihre Angst lähmt sie zudem. Der smarte und gut aussehende Anwalt Selden warnt sie mehrfach, der Scheinwelt der Vermögenden nicht zu trauen. Zwischen beiden entsteht eine eigenartige Verbindung. Beide sind fasziniert voneinander, sie ziehen sich gegenseitig an und stoßen sich auch wieder voneinander ab. Während einer Reise nach Europa – Lily ist infolge einer glücklosen Bridge-Partie hilflos verschuldet – sinkt ihr Stern. Sie verliert ihren guten Ruf. Der Abstieg beginnt, der tragisch enden soll. Ein Ende, das den Leser berührt zurücklässt, obwohl womöglich nicht unbedingt eine Sympathie den Leser mit der Hauptfigur verbindet. Denn Lily scheint nicht unbedingt ein unschuldiges Mädchen vom Land zu sein, spielt sie doch durchaus berechnend die Regeln der „höheren Zehntausend“ mit, indem sie beispielsweise mit Rosedale schäkert ohne aufrichtige Gefühle für ihn zu haben. Nichts geht ihr über Reichtum und Einfluss. Die „niedere“ Schicht bedauert sie, sogar als sie sich für karitative Zweck einsetzt und auch von der Bedeutung dieser Unterstützung später erfährt.

„Es war eher seine soziale Distanz, seine unnachahmliche Art, das ganze Spektakel oder den Goldenen Käfig, in dem sie sich alle zur Bewunderung des Mobs zusammenpferchten, mit der ihm eigenen Objektivität von außen zu betrachten.“

Wharton, die selbst in vermögende Verhältnisse hineingeboren wurde und einen Bankier geheiratet hat, kennt diese Welt sehr genau. Mit satirischer Raffinesse zerlegt sie genüsslich diesen schillernden und oberflächlichen Kreis der Reichen und Schönen, in dem Freundschaften nur ein Mittel zum Zweck sind, um aufzusteigen, an Einfluss zu gewinnen. Bösartige Intrigen und Lügen werden genutzt, um missliebige Personen zu schaden und kurzerhand aus dem Weg zu räumen. Die Upperclass hat ihre ganz eigenen, vom Geld getragenen und von Männern behrrschten Gesetze. Um Anstand und Moral schert man sich nicht. Ist der erste Teil des Buches, etwas mehr als die Hälfte, von jenem beißenden Spott getragen, erscheint der zweite Teil mit einer gewissen Düsternis überzogen. Das Trauerspiel, welches das Lächeln vom Gesicht des Lesers wischt, nimmt seinen Lauf.

Was kann ein Roman, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts zu Papier gebracht wurde und im New York jener Zeit auch handelt, uns heute noch sagen?, möchte man fragen. Viel, möchte ich zu Whartons Roman, der mehrfach verfilmt und auf die Bühne gebracht wurde, behaupten. Denn es ist zu bezweifeln, dass sich jene Regeln und Gesetze verändert haben. Hinzu kommt, dass die Amerikanerin ein Frauenbild beschreibt, über das es bis heute nachzudenken gilt und das mit der #meetoo-Debatte über Männer und Macht aktueller denn je ist: die Frau als hübscher Anhang, als Vorzeigeobjekt, als Spielzeug. Der respektlose Blick geht immer nach unten.  Dank herausragenden Beschreibungen der Personen, detailreichen Schilderungen von Räumen und Landschaften sowie lebendigen und überaus klugen Dialogen bereitet der Roman eine wundervolle Lektüre, die keineswegs angestaubt wirkt. Vielmehr bereitet er sehr viel Vergnügen und lässt durchaus zugleich Nachdenklichkeit aufkommen. Obwohl der Titel auf den ersten Blick etwas kitschig wirkt, wird einem dessen tiefere Bedeutung wohl erst später bewusst.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Herzpotenzial“.


Edith Wharton: „Die verborgene Leidenschaft der Lily Bart“, erschienen im Verlag ebersbach & simon, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Heddi Feilhauer; 464 Seiten, 22 Euro

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