Held Nelson – Nickolas Butler „Die Herzen der Männer“

„Die Helden haben sich immer von ihrem Herzen leiten lassen und die Feiglinge von ihrem Verstand.“

Es ist eine besondere Gemeinschaft mit besonderen Regeln: die Bewegung der Pfadfinder. Abseits vom gewohnten Zuhause und mitten in der wilden Natur kommen Kinder und Jugendliche zusammen, um praktische wie soziale Fähigkeiten zu erlernen. Für viele ist diese Gemeinschaft prägend für das weitere Leben. Der amerikanische Schriftstellerin Nickolas Butler, hierzulande bekannt geworden mit seinem Buch „Shotgun Lovesongs“, stellt diese in den Mittelpunkt seines neuen Romans „Die Herzen der Männer“ und erzählt von Jungen, die zu Männern werden und sich bewähren müssen, und von Frauen, die ihnen stets zur Seite stehen.

Außenseiter mit Mentor

Das Camp Chippewa in Wisconsin im mittleren Westen der USA ist Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Hier beginnt die Story, hier findet sie einen sehr emotionalen Abschluss. Nelson und sein Vater kommen für eine Woche in das Lager, das unter der Leitung des charismatischen Wilbur, einem Weltkriegsveteran, steht. Er nimmt Nelson unter seine Fittiche, der wenig Aufmerksamkeit und Zuneigung von seinem Vater erfährt, auch in der Gemeinschaft der Pfadfinder die ungeliebte Rolle des Außenseiters übernehmen muss. Denn Nelson ist anders weil Brillenträger sowie klüger, umsichtiger und lernbegieriger als seine Mitstreiter, die ihn ausgrenzen, obwohl er mit seinen zahlreichen Auszeichnungen Respekt verdient hätte. Nelson ist der Trompeter, der mit seinem Signal den Tag im Lager beginnen lässt, Nelson ist bei einem Wettstreit zweier Gruppen derjenige, der eine Wette einlösen und in die übelriechende Latrine hinabsteigen muss. Zehn Jahre später wird er weil klein und wendig schließlich im Vietnamkrieg zur sogenannten „Tunnelratte“. Er steigt hinab, um unter der Erde den Feind zu finden und zu töten.

btr

Wie sein Mentor Wilbur wird Nelson vom Krieg für sein Leben lang geprägt sein. Nie wird er selbst eine Familie gründen. Vielmehr tritt er in die großen Fußstapfen Wilburs und übernimmt die Leitung des Camps, um später ebenfalls ein Mentor für die Jungen der nächsten Generationen zu werden, darunter Trevor, Sohn seines einstigen und einzigen Freundes Jonathan. Der ist mit den Jahren zwar ein erfolgreicher Geschäftsmann und Chef eines Fuhrunternehmens geworden, aber nicht unbedingt ein Vorbild für seinen eigenen Sohn. Sehr dem Alkohol zugeneigt, pflegt er eine Affäre mit einer Frau, die ebenfalls verheiratet ist. Sein Sohn Trevor ist der nächste Mann in dieser Geschichte, der den Krieg erleben wird – als Elitesoldat im fernen Osten.

Von Loyalität und Prinzipientreue

Zwei Familien und drei Generationen eng verwoben, drei Männer, die Gewalt und den Tod ihrer Kameraden hautnah erleben: Neben dem Pfadfinder-Camp zeichnet dieser inhaltliche wie strukturelle Wesenszug den Roman besonders aus, dessen Handlung dicht gestrickt ist und einen Zeitrahmen – wenn der kurze Rückblick auf die  Kriegserlebnisse Wilburs beachtet werden – von mehr als 70 Jahre umfasst. Und mittendrin Nelson, ein unvergesslicher Held, der dem Leser sehr nahe kommt weil dessen Lebensgeschichte ergreifend geschildert wird, der für viele zum Idol wird: dank seiner Loyalität, Prinzipientreue und Menschlichkeit. Doch Butlers Roman enthält auch bemerkenswerte Frauenfiguren, die mehr sind als Hausfrau und Mutter, sondern prägende Gestalten: so Dorothy, die Mutter von Nelson, die ihren Sohn vor den Attacken des cholerischen Vaters beschützen will und auch dann ihm zur Seite steht, als er noch jung an Jahren seinen eigenen Weg geht, Schüler der Militärakademie wird, sowie Rachel, die Frau Trevors, die mit ihrem Sohn Thomas Nelsons Camp besucht, womit sich der Kreis auch schließt.

„Und geht es nicht genau darum? Um das Mysterium, das sich hinter jeder Gebirgskette verbirgt, in jedem Fremden, in jeder Lebensgeschichte.“

Obwohl der Klappentext des Buches vor allem auf die ungleiche Freundschaft zwischen Nelson und Jonathan hinweist, prägen ganz andere Beziehungen das Geschehen: Es sind vor allem die oftmals schwierigen und konfliktreichen Bindungen zwischen Kinder- und Elterngeneration, von denen erzählt wird. Was der Vater jeweils seinem Sohn nicht geben konnte, erhalten die Kinder beziehungsweise Jugendliche von Wilbur, später von Nelson, die beide Lehrer wie Vertraute sind.

Intelligente Struktur, Szenen wie ein Paukenschlag

Zugegeben: Ich benötigte etwas Zeit und einige Seiten, um mit diesem Roman wirklich „warm“ zu werden. Mich störten zu Beginn das Übermaß an Vergleichen, die ich manchmal etwas unpassend empfand („gewaltige Gletscher wie Dampfwalzen“), und ein sprachlich überbordender Stil, der es darauf anlegt, stets und ständig Bilder erzeugen zu wollen, ohne die Fantasie des Lesers zu berücksichtigen. Schließlich hat mich die Handlung dann doch gepackt: Vor allem wegen der Figur des Nelson, seines eindrucksvollen Charakters und seines Schicksals, der intelligenten Struktur mit Zeitsprüngen  und Rückblicken sowie Szenen, die zwar still wirken, aber tief berühren, oder ein anderes Mal daherkommen wie ein Paukenschlag. Interessant auch, wie Butler die Lage und Seele der amerikanischen Gesellschaft in der jeweiligen Zeit in seinem Roman schildert und das auch durchaus kritisch; wie gegen Ende mit Anspielungen auf den Hass auf alles Fremde und Andere sowie die Respektlosigkeit und Entwürdigung der Frau. Eine charakterlos männliche Haltung, die sowohl Dorothy als auch Rachel zu spüren bekommen.

„Die Herzen der Männer“ ist ein eindrucksvoller und nachdenklich stimmender Roman über die Frage, was einen guten Menschen, ob Mann oder Frau, auszeichnet sowie welche Bedeutung dabei Moral, Verantwortung, Loyalität und Herz haben und wie Verletzungen unterschiedlichster Art über Jahre hinweg sich einprägen in das Wesen eines Menschen.

Weitere Besprechungen auf den Blogs „LiteraturReich“, „Feiner reiner Buchstoff“ und „Frau Hemingway“.


Nickolas Butler: „Die Herzen der Männer“, erschienen bei Klett & Cotta, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Dorothee Merkel; 477 Seiten, 22 Euro

Foto: pixabay