Grauen – Edna O’Brien „Die kleinen roten Stühle“

„Sie sahen die Ruinen ausgebrannter Häuser, eine verwüstete Landschaft, verängstigte Familien auf dem Marsch (…).“

Er ist kein Heiler, er ist vielmehr das Grauen und das Böse in Person. Als Vladimir Dragan an einem Winterabend den kleinen Ort Cloonoila an der irischen Westküste erreicht, ahnt keiner der Einwohner, welchen Fremden sie für die kommenden Wochen und Monaten bei sich willkommen heißen. Sein Charisma, seine Eloquenz und auch sein Aussehen blenden sie. Keiner fragt nach seiner Vergangenheit. Die Frauen wickelt er um den Finger. Fidelma, einst Inhaberin eines Textilgeschäftes und Frau des Textilhändlers Jack, beginnt eine Affäre mit ihm. Ein Verhältnis, das sie später teuer zu stehen kommt: Denn Vladimir ist einer der meist gesuchten Kriegsverbrecher, der während der Belagerung Sarajewos sein Unwesen getrieben hat. Die Irin Edna O‘ Brien erzählt in ihrem meisterhaften Roman „Die kleinen roten Stühle“ auf beklemmende Art und Weise von Lug und Betrug sowie den entsetzlichen Folgen der Gewalt des Menschen gegenüber seinesgleichen.  

Drastischer Stimmungswechsel

Auch ich als Leser fühlte mich, zugegeben, auf den ersten Seiten etwas eingelullt, hätte ich nicht zuvor den Klappentext gelesen und darin das noch immer aktuelle wie brisante geschichtliche Thema des Balkankrieges entdeckt, dessen Aufarbeitung noch immer Kraft und Mühen kostet. Denn da ist die idyllische wie grandiose Landschaft, dieser ruhige und beschauliche Ort, Menschen, die ihrem Beruf nachgehen und ihren Alltag meistern. Zudem lässt O’Brien auch an und ab einen leicht humorvollen Ton anklingen. Doch die Stimmung kippt, ein großer Kontrast entsteht, spätestens als Fidelmas Mann Jack einen anonymen Hinweis auf die Affäre seiner Angetrauten erhält, der Küchenhelfer Mujo „Vuk“ für „Wolf“, wie Dragan noch genannt wurde, erkennt und den Erinnerungen des Kriegsverbrechers an die Belagerung Sarajewos Raum gegeben werden.

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Dragan wird schließlich verhaftet. Auf die Bestie von Bosnien ist ein millionenschweres Kopfgeld ausgesetzt. Wenig später erfährt Fidelma furchtbare Gewalt am eigenen Leben, bei der sie ihr ungeborenes Kind verliert. Diese Szene zählt neben den Berichten über die damaligen grausamen Geschehnisse während des Bürgerkrieges, der schließlich zum Zerfall Jugoslawiens führte und Hunderttausenden Menschen das Leben nahm, zu den dramatischsten wie drastischsten, die nur sehr schwer zu ertragen sind.

Geschichten von Flucht und Vertreibung

Fidelma flieht nach London, wo sie untertaucht, ein neues Leben beginnt. Hier macht sie die Bekanntschaft von zahlreichen Migranten, die von dem Krieg in ihren Heimatländern vertrieben worden sind. Gleichzeitig erlebt auch sie Ausgrenzung und Missgunst, aber oft auch Hilfsbereitschaft, die hoffen lässt. Und auch hier wird sie konfrontiert mit dem Krieg in Osteuropa, der Grausamkeit, für die es keine Grenzen gab, sowie dem Leid der Zivilbevölkerung. Doch gerade mit dem Blick auf die zahlreichen Geflüchteten aus aller Herren Länder, die in London sich ein neues Leben aufgebaut haben, wird auch deutlich, dass neben den kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Balkan es weitere gibt. Sind schon diese damaligen Geschehnisse nur schwer zu begreifen, macht das ganze Ausmaß der Kämpfe weltweit besonders fassungslos und betroffen.

„Sehr viel später würden Leute von seltsamen Geschehnissen an diesem Winterabend berichten; von Hunden, die verrückt bellten, so als donnerte es, und vom Schlag der Nachtigall, deren Trillern und Flöten so weit im Westen eigentlich nie zu hören war.“

Der Titel des Romans verweist auf ein besonderes Gedenken im April des Jahres 2012, von dem zu Beginn der Handlung berichtet wird. 20 Jahre nach dem Beginn der Belagerung Sarajewos stellte man genau 11 541 rote Stühle entlang der Hauptstraße auf. Jeder Stuhl repräsentierte einen Einwohner, der während der mehrjährigen Belagerung gestorben war, 643 kleine rote Stühle symbolisierten Kinder, die durch Heckenschützen oder Artilleriefeuer getötet wurden. Und wie so viele Kriege in der Vergangenheit ziehen sich auch die Folgen jener Ereignisse auf dem Balkan in die Gegenwart, ja sogar bis in die Zukunft. Erst im November wurde der Armeechef der bosnischen Serben, Ratko Mladić, vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Es mutet recht sonderbar an, wenn gerade davon auch in dem Roman erzählt wird: Wie Dragan der Prozess gemacht wird, im Beisein Fidelmas, die als Besucherin die Gerichtsverhandlung verfolgt. Auch Mladić war im Übrigen untergetaucht, galt als charismatisch. 

 „Die kleinen roten Stühle“ bereitet eine tiefgründige und unvergessliche Lektüre, die vor allem davon berichtet, dass Gewalt wohl nie ein Ende findet und unter deren Folgen die Menschen ein Leben lang leiden müssen. Weil sie innerlich wie äußerlich gezeichnet sind, sie ihre Heimat verloren haben. Als Leser fühlt man nicht nur Trauer und Entsetzen. Auch Hilflosigkeit ist zu spüren. Passend zu einem einleitenden Zitat zu Beginn des Romans aus der Feder des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolaño: „Der Einzelne kommt gegen die Geschichte nicht an.“

Weitere Besprechungen auf den Blogs „54books“ und „literaturleuchtet“ sowie auf der Seite von Dieter Wunderlich.


Edna O’Brien: „Die kleinen roten Stühle“, erschienen im Steidl Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Kathrin Razum und Nikolaus Stingl; 344 Seiten, 24 Euro

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