Ein Jahrhundert – Holger Siemann „Das Weiszheithaus“

„Wir sollen für das Haus sorgen wie für ein lebendiges Wesen, dann wird das Vertrauen wachsen, dann werden wir eine Familie sein, Brüder und Schwestern (…).“

Ein Haus bietet nicht nur seinen Bewohnern ein Dach und ein Zuhause. Es könnte auch erzählen – vom Lauf der Zeit mit all ihren Geschehnissen, Veränderungen und Erscheinungen sowie von den Geschichten über das Leben und Schaffen der Menschen. Wenn es nicht schon sie es sind, die berichten. In seinem neuen wunderbaren Roman „Das Weiszheithaus“ setzt Holger Siemann ein Mietshaus in Berlin in den Mittelpunkt des Geschehens und lässt dessen Bewohner sprechen – von lichten wie von dunklen Zeiten. 

Archiv als wertvoller Fund

Die Handlung umfasst mehr als ein Jahrhundert, spannt sich vom 19. Jahrhundert bis in die jüngste Vergangenheit. Die Geschichte des Hauses beginnt mit dem Leben und Wirken von Gustav Weiszheit, der als junger Mann seine Familie im litauischen Schieß verlässt, um nach Berlin zu kommen. Hier lernt er seine spätere Frau Augusta kennen und lieben. Er übernimmt die erfolgreiche Werkstatt seines Schwiegervaters und baut das Haus, das künftig seinen Namen tragen wird und unter dessen Dach fortan vier weitere Generationen leben werden; darunter Sven Gabbert, der das mehrgeschossige Mietshaus in der Kopenhagener Straße im Stadtteil Prenzlauer Berg gelegen 2011 erbt. Im Dachgeschoss des Gebäudes stößt er eines Tages auf ein Archiv, das nicht nur aus den Schriften des Schriftstellers und seines Vorfahren Kurt Weiszheit besteht, sondern auch weitere Zeitdokumente, Briefe sowie Fotos der anderen Bewohner umfasst. Nach einem etwas skurrilen Unfall, der ihn in den Rollstuhl zwingt, hat der junge Mann viel Zeit, sich intensiver mit der Historie seiner Familie und des Hauses sowie dessen Bewohner zu beschäftigen, obwohl ihn seine Gefühle zu Laura und die notorische Geldnot trotz teils ergiebiger wie verrückter Beschäftigungen in der Vergangenheit sehr in Anspruch nehmen.

bty

Denn das Gebäude, mit einem Vorder- sowie einem Hinterhaus ausgestattet, beherbergt nicht nur die Familie seines Erbauers. Mieter ziehen ein, vor allem solche, die in den insgesamt 30 Wohnungen eine Zuflucht finden, weil sie in der Gesellschaft nur wenig Achtung erhalten oder gar verachtet werden. Zu Beginn sind es vor allem unverheiratete Frauen mit Kindern, später Flüchtlinge, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Ost-Gebieten kamen. In der Zeit der DDR lebten in dem stattlichen Haus unter anderem auch Künstler aus Chile, die nach dem Militärputsch von General Pinochet ihr Land verlassen haben. Haus und Buch vereinen zahlreiche Namen, die an dieser Stelle natürlich nicht alle aufgezählt werden können und für die man sich als Leser neben dem abgebildeten Stammbaum der Familie im Band eine kleine Übersicht anlegen sollte, um nicht ganz den Überblick über Familienmitglieder und die Bewohner und ihre Beziehungen zueinander zu verlieren.  Nur vier sollten und müssten genannt werden: eben der homosexuelle Schriftsteller Kurt Weiszheit und seine Mutter Elise, die nicht nur einen besonderen, in der Familie vererbten Geruchssinn besitzt, sondern deren Leben von der Liebe zu zwei Männern geprägt wird: zu dem Orthopäden Ernst Lachner, der zwar viele Kriegsversehrte behandelt, der sich allerdings in der NS-Zeit während der Euthanasie schuldig macht, sowie zu Ludwig Weiszheit, den sie bereits seit ihrer Kindheit zugeneigt ist. Er wächst wie sein Cousin Gustav in Schieß auf und unterstützt den Aufbau des russischen Kommunismus. Ludwig kommt mehrmals vor und später nach dem Krieg  dauerhaft aus der Sowjetunion nach Deutschland. In den ersten Jahren der DDR bekleidet er eine entscheidende Position, um später jedoch in Ungnade zu fallen.

„Wenn der neunjährige Wolfgang vom Balkon der Grünwaldtwohnung zaghaft die Hand hob, winkten manche Posten mit kaum über die Brust gehobener Hand zurück. Andere griffen nach dem Telefon und strafften ihre Haltung, während sie in die Muschel sprachen. Wolfgang lernte sie nach dem Gang und der Haltung zu unterscheiden. Wo die meisten seiner Nachbarn nur die tödliche Gefahr sahen, hatte er Freunde, denen er heimlich Namen gab.“

Siemann versammelt in seinem Werk einen einzigartigen Chor der verschiedensten Stimmen, Personen, die von Geschehnissen berichten oder ihre Erinnerungen niedergeschrieben haben, die die Bühne des Lebens betreten, um diese mal früher, mal später wieder zu verlassen. Allen voran Kurt Weiszheit, der bereits Jahre vor der Recherche Sven Gabberts seine Familiengeschichte durchleuchtet und sie in seine Werke einfließen lässt; ob es nun das Leben seines Großvaters Gustav oder die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen während des Dritten Reiches und der DDR sind. Der Leser erfährt anhand der Lebenswege der Protagonisten aus den verschiedensten Schichten stammend deutsche Geschichte pur – beginnend von der rasanten Entwicklung Berlins, dem Ersten Weltkrieg und der Weimarer Republik über Aufstieg und Fall des Dritten Reiches und der verheerenden Zerstörung der Stadt bis hin zur Teilung und dem späteren Fall der Mauer, die in Reichweite des Hauses errichtet wurde.

Von zwei Diktaturen

Der Roman erzählt dabei auch, wie der Mensch Politik und Gesellschaft meist ausgeliefert ist. Vor allem in der Zeit der beiden Diktaturen wird dies allzu sehr deutlich, in denen es die unerbittlichen Täter und die stillen Mitläufer gibt, ebenso wie die unzähligen Opfer, die Furchtbares erleiden müssen. Widerstand zeigt sich in den noch so kleinsten Regungen von Mitmenschlichkeit. Sind die Szenen, die von Krieg,  Zerstörung, der Trümmerwüste Berlin, Verfolgung und dem unermesslichen Leid erzählen, düster und beklemmend und damit schockierend, erscheinen die Kapitel zur DDR oftmals mit einem ironischen Hauch versehen. Siemann hält wohl all jenen den Spiegel vor, die als hartnäckige und kaltherzige Funktionäre das nicht minder menschenverachtende System unterstützt und ihr Mäntelchen nach dem Wind gehangen haben. Interessant vor allem: wie Literatur in der DDR entstand, wie sie als Propaganda-Mittel genutzt wurde, wie kritische Werke durch den Apparat unterdrückt wurden. Immer wieder finden sich faszinierende Anmerkungen zur Rolle und Bedeutung von Literatur, zu den Schwierigkeiten des Schreibens. Auch von der Misswirtschaft wird berichtet, in der vor allem Beziehungen zählten, um über die Runden zu kommen. Dabei prägt die Zeit nicht nur die Menschen, sie nagt auch an dem Haus, das errichtet und in den ersten Jahren gepflegt, im Zweiten Weltkrieg von einer Bombe getroffen wird, in DDR zunehmend verfällt, weil das Geld fehlt, die Baustoffe Mangelware sind, der Denkmalschutz kaum einen interessiert hat.

Realität trifft Fiktion

Siemann, 1962 in Leipzig geboren und heute in Berlin sowie in der Uckermark lebend,  vermischt auf den mehr als 700 Seiten eindrucksvoll wahre Geschichte mit Fiktion, reale Personen mit den fiktiven Helden seines Werkes. Und der Leser sollte auf der Hut sein: Sind die im Buch abgebildeten Zeitdokumente und die zahlreichen Fußnoten, die Literaturverweise und Quellen am Ende des Bandes echt? Obwohl sich diese herausfordernde Frage stellt, so viele Stimmen in mal kurzen, mal längeren Passagen zu Wort kommen und zwischen den unterschiedlichen Zeiten hin und her gesprungen wird, entsteht ein Sog, den man sich kaum entziehen kann. Der Leser ist Bewohner des Hauses und damit Nachbar sowie Beobachter der Protagonisten, er reist durch die Jahrzehnte, er fühlt mit den Personen, er lacht und weint. All dies macht dieses so unglaublich an interessanten Figuren und spannenden Lebensgeschichten reiche, wortgewaltige und sinnliche Buch möglich, dessen Schöpfer man besondere Ehrungen und die Aufmerksamkeit einer großen Leserschaft für dieses vor allem menschliche Meisterwerk wünscht.

Eine weitere Besprechung gibt es auf „Sounds & Books“.


Holger Siemann: „Das Weiszheithaus“, erschienen im Dörlemann Verlag; 736 Seiten, 28 Euro

Foto: pixabay