Über Leidenschaft – Stefan Zweig „Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung“

„Jeder Schatten ist im letzten doch auch Kind des Lichts, und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wahrhaft gelebt.“ 

Dieser Besprechung und Vorstellung des Buches schicke ich eine Warnung voraus: Dieser Band verlangt viel Zeit und Aufmerksamkeit. Allerdings nicht weil er so umfangreich ist, der Inhalt schwer verständlich erscheint. Vielmehr weil er es schlichtweg verdient und jeder Bücherfreund seine große Freude daran haben wird. Der Band enthält zwei Novellen von Stefan Zweig (1881 – 1942): „Die unsichtbare Sammlung“ aus dem Jahr 1927 sowie „Buchmendel“ von 1929. Was das Buch indes zu einem wahren Schatz über die Sprache Zweigs und der beiden teils wundersamen, berührenden Geschichten hinaus werden lässt, sind die Illustrationen von Florian L. Arnold und Joachim Brandenberg sowie die künstlerische und liebevolle Gestaltung des Werkes.

„Die unsichtbare Sammlung“ erzählt von einem Forst- und Ökonomierat sowie Sammler, der in einer sächsischen Kleinstadt lebt. Ein Kunst-Antiquar aus Berlin sucht den bereits betagten alten Mann auf. Auf ihn war der Händler aufmerksam geworden, als er alte Geschäftsbücher auf der Suche nach einstige Kunden mit wertvollen Stücken durchstöbert hatte. Denn der Kunsthandel macht schwere Zeiten durch, vor allem die Inflation und die Gier der Neureichen nach Kunst fordern heraus. Der Antiquar, der seine Begegnung später dem Erzähler während der Zugfahrt von Dresden nach Berlin berichtet, sucht den alten Sammler, der bereits erblindet war, auf. Doch dessen Frau und Tochter haben die reichhaltige Sammlung mit wertvollen Stücken angesichts der finanziellen Notlage der Familie auf eher pragmatische Art und Weise genutzt, wo von der Sammler allerdings nichts weiß und in dem Irrglauben lebt, weiterhin kunstvolle Werke in den Händen zu halten.

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„Buchmendel“ ist mit dem Namen des Helden überschrieben, den Bekannte oder auch Kunden verwenden. Jakob Mendel ist Jude, vor vielen Jahren aus dem Osten nach Wien gekommen, wo er tagtäglich im Wiener Kaffeehaus Gluck anzutreffen ist. Seine Leidenschaft: Bücher. Seine einzigartige Fähigkeit: ein nahezu fotografisches Gedächtnis, das unzählige antiquarische Daten von Büchern förmlich aufsaugt. Wo welches womöglich rares Buch zu erwerben ist, das weiß Buchmendel. Buchsammler und -händler aus ganz Europa zählen zu seinen Stammkunden. Der namenlose Erzähler blickt auf das Wirken Buchmendels zurück, als er 20 Jahre später jenes Kaffeehaus erneut aufsucht, ihn nicht findet und sich an die erste Begegnung mit dem Bücherliebhaber erinnert. Die Toilettenfrau des Lokals erzählt schließlich von dessen traurigen Schicksal.

Obwohl auf den ersten Blick zwei völlig verschiedene Geschichten haben beide Novellen Gemeinsamkeiten: Sie erzählen von zwei Menschen mit einer ganz besonderen Leidenschaft für Kunstwerke, ob es im Fall der „Unsichtbaren Sammlung“ nun um bildende Kunst geht oder in „Buchmendel“ um bibliophile Prachtwerke handelt. Sie mögen für das Gros der Menschen als merkwürdige Käuze erscheinen, für andere haben sie eine besondere Bedeutung. An einer Stelle in „Buchmendel“ heißt es dazu: „Jetzt erst, älter geworden, verstand ich, wieviel mit jedem solchen Menschen verschwindet  – weil alles Einmalige von Tag zu Tag kostbarer wird in unserer rettungslos einförmiger werdenden Welt.“ Worte, die ohne Zweifel auch in unserer heutigen Zeit eine wichtige Aussage treffen. Und Zweig wäre nicht Zweig, wenn in seinen Werken nicht auch aktuelle Bezüge und eine kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen zu finden wären. Ein Merkmal, das ebenfalls beide Novellen verbindet. Die Inflation, die Not der Bevölkerung sowie im Fall von Buchmendel die Gefahr einer Leidenschaft für Bücher über Grenzen hinweg werden mehrfach thematisiert. Das düstere Schicksal Buchmendels kann allerdings auch als eine schreckliche Prophezeiung gelesen werden. 1929 veröffentlicht, konnte Zweig noch nicht wissen, welches entsetzliche Ausmaß die Judenfeindlichkeit wenige Jahre später haben wird.

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Schenkt der Band eine Wiederbegegnung mit der zeitlosen Sprachschönheit Zweigs, gibt er zugleich die besondere Erfahrung, wie moderne Illustrationen die Texte begleiten und auf den Leser wirken können. Florian L. Arnolds mit Tusche und Collage geschaffene Zeichnungen zu „Die unsichtbare Sammlung“ erscheinen skurril und grotesk, könnten auf den ersten Blick eher fantastische Geschichten illustrieren als einen Text Zweigs. Allerdings nimmt der heute in Ulm und Leipzig lebende Illustrator und Autor ein Thema der Novelle auf: In seinen Zeichnungen spiegelt sich die historische Technik des Kupferstiches wider, die im Text selbst Erwähnung findet. Joachim Brandenberg ist hingegen in der Welt der Comics und Kurzfilme zu Hause und wurde bereits mehrfach mit Preisen gewürdigt. Eine Vorliebe, die auch in den Zeichnungen zu „Buchmendel“ deutlich wird. Mit einer Zeichnung, auf der ein bärtiger Mann zu sehen ist, der in einem Buch liest, während sich die Schrift in seiner großen Brille spiegelt, hat Brandenberg wohl ein Bild mit erstaunlicher Symbolkraft geschaffen. Die besondere Auswahl der Schriftarten und -größen, des Papiers, von Bindung und Schnitt – an der Oberkante rot eingefärbt – runden diese Neuauflage als ein Gesamtkunstwerk ab, das man wieder und wieder in die Hand nehmen mag und das sich so einen besonderen Platz im Gedächtnis bewahren wird.

Im gleichen Jahr erschienen wie der Film „Vor der Morgenröte“ über die letzten Lebensjahre Zweigs im brasilianischen Exil geht auch dieser Band auf die Bedeutung des Schriftstellers als Europas große literarische Stimme und den tragischen Selbstmord ein. Er enthält eine Liste erschienener Werke, die letzten Zeilen Zweigs vom 22. Februar 1942 sowie ein Nachtrag von Florian L. Arnold.  Kann „Buchmendel & Die unsichbare Sammlung“ nicht Auftakt für eine Reihe sein? Es wäre ein kostbares Geschenk für Zweig-Fans wie auch Bibliophile aller Couleur.  


Stefan Zweig: „Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung“, erschienen im Topalian & Milani Verlag, mit Illustrationen von Florian L. Arnold und Joachim Brandenberg; 152 Seiten, 23 Euro

Foto: pixabay