Ich und der Philosoph – Gisela von Wysocki „Wiesengrund“

„Ich habe für mich nur diesen einen ausfindig gemacht, einen weder weit entfernten noch still vor sich hin funkelnden Stern.“

Theodor W. Adorno (1903 – 1969) zählt zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam mit seinem Kollegen wie Freund Max Horkheimer (1895 – 1973) begründete er die sogenannte Frankfurter Schule. Adornos Familienname ist wohl vielen bekannt, die Bedeutung des W. indes nicht allen geläufig. „Wiesengrund“ heißt auch der Titel des neuen Romans von Gisela von Wysocki, die sich nach ihrem wunderbaren Debüt „Wir machen Musik“ nun der Astronomie und der Philosophie widmet und daraus eine ganz wundersame Mischung entstehen lässt, in der die Musik indes auch nicht fehlen darf. 

Dabei ist der literarische Blick auf den Wissenschaftler und Denker ein ganz spezieller. Die junge Studentin Hanna Werbezirk erzählt in der Ich-Perspektive von ihrer Begegnung mit Adorno an der Universität Frankfurt, zu der es sie hingezogen hat. Die Wurzeln ihrer Faszination für den charismatischen Wissenschaftler liegen jedoch schon in der Jugend. Heimlich hörte sie zur nächtlicher Stunde und unter der Bettdecke versteckt Radio-Sendungen, in denen Adorno über die Musik sprach. Später erwarb sie einen Band mit seinen Schriften zur Neuen Musik. Der Wunsch oder vielmehr ein gewisser Sog war entstanden, der sie nach Frankfurt/Main führte, um dort Philosophie zu studieren. Zur Enttäuschung ihres Vaters, eines angesehenen Astronomen, der in seiner Tochter eher einen Helfer für die eigenen Forschungen sah. Auch ein Assistent ihres Vaters, aus Frankfurt stammend, feuert ihre Begeisterung für die Main-Stadt an.

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Als Studentin lernt sie also den Menschen hinter der Stimme kennen. Aus Ferne wird Nähe. Es sind nicht nur das Charisma und das Renommee des Philosophen, mit denen sich Hanna besonders beschäftigt. Es geht vielmehr auch um jene Verwandlung einer Radiostimme zu einer leibhaftigen Gestalt, auf die die junge Studentin aus Österreich zu Vorlesungen, den Sprechzeiten, im Fahrstuhl und auch im Café zu einem Becher Heißer Schokolade trifft. Man kommt ins Gespräch. Auch Adorno selbst scheint sich für die Salzburgerin zu interessieren. Selbst ein Zoo-Laden suchen Professor und Studentin gemeinsam auf, um die Chamäleons zu beobachten. Sie nennt ihn mal Faszinierer, mal Zauberer oder Stern. Auch auf diese Weise, auf jene sprachliche Ebene, kommen sich die beiden Themenbereiche Astronomie und Philosophie näher. Ihre Vorliebe für Personen oder Erscheinungen, die ein gewisser, unbeschreibbarer Glanz umgibt, zeichnet die Ich-Erzählerin, die ihrem Vater nicht verzeihen konnte, dass er ihrem Glauben an die Ewigkeit der Sterne mit seinen wissenschaftlichen Theorien und Erklärungen den Nährboden entzog, aus.

„Nicht jung, nicht alt sind wir, und als Wiesengrunds Augen in dem Auf und Ab mich auf einmal streift, nicht das Auge, sondern ein ihm gedankenlos, unbesonnen innewohnendes Leben, hat dieser Moment sich wie ein umherirrender Komet aus dem unerschütterlichen Weiterlaufen der Zeit herausgelöst und dafür gesorgt, dass ich mich federleicht fühle, in einem Zustand, der etwas Lautloses hat. Die Wirklichkeit legt eine Atempause ein.“

Die Autorin webt in ihre Geschichte rund um den großen Denker und die wissbegierige Studentin eine politische Ebene hinein: Es ist die Zeit der Studentenproteste, die ein gemeinschaftliches, auf den Gedanken des Sozialismus basiertes Zeichen gegen das Vergessen der Elterngeneration und gegen erstarrte gesellschaftliche Strukturen setzen wollten. Das Thema der Vergangenheit wird nicht nur an der einstigen Emigration Adornos, sondern auch in der Person von Erwin Rahlsberger, ein Kommilitone Hannas, Asthmatiker und Verehrer der Philosophie Johann Gottlieb Fichte, deutlich, der während des Krieges der Euthanasie der Nazis entkommen war.

„Wiesengrund“ will kein Buch sein, das sich mit der Gedankenwelt und den Werken Adornos in all ihren Facetten auseinandersetzt. Vielmehr beschreibt es den allzu menschlichen, emotionalen Blick, der das Interesse auf den Menschen Adorno – auch in seiner speziellen Erscheinungsweise mit Hut und Bauch – lenkt. Es ist mal ein Sichtfenster auf die damaligen Jahre, mal ein Entwicklungsroman, den die junge Heldin geht ihren eigenen Weg, weiß sich auch gegenüber den Ansprüchen und Forderungen ihres Vaters zu behaupten. Blickt man im Übrigen in die Biografie der Autorin ist deren besondere Zuwendung zu jenen Themen wohl schnell erklärt: Von Wysocki, 1940 in Berlin geboren, studierte nicht nur Musikwissenschaft, sondern auch Philosophie, eben bei Adorno. Sie vergisst dabei nicht die kleinen  Geschichten, den Alltag, die Personen am Rande, wie beispielsweise die Bewohner der WG, in der Hanna lebt. In einigen Szenen ist ein gewisses Augenzwinkern zu bemerken, in anderen dagegen eine gewisse Skurrilität. Vielen haftet eine ganz eigene zeitliche Wahrnehmung an: Man hat den Eindruck, die Gedankenflut und die Detailfülle lassen vieles in Zeitlupe erscheinen – und das in einer Sprache, die dem bedeutsamen Inhalt eine besondere Leichtigkeit verleiht, die den Leser in ihren Bann zieht.


Gisela von Wysocki: „Wiesengrund“, erschienen im Suhrkamp Verlag; 264 Seiten, 22 Euro