Ungeboren – Ian McEwan „Nussschale“

„Identität wird zu meinem kostbaren, einzig wahren Besitz.“ 

Im Jahr 1998 veröffentlichte die britische Band „Massive Attack“ ihren Song „Teardrop“. In dem dazugehörigen Video ist ein ungeborenes Kind zu sehen, das seine Lippen bewegt, als ob es mitsinge.  Ein Fötus als Sänger, als Erzähler? Warum nicht, sagte sich wohl auch der britische Schriftsteller Ian McEwan. In seinem neuesten Werk lässt er ein ungeborenes Kind die besondere Geschichte seiner Eltern und seines Onkels schildern – und die ist nicht mehr nicht weniger als eine Reminiszenz auf William Shakespeares wohl berühmtestes Meisterwerk „Hamlet“.

Die Parallelen zwischen Roman und Tragödie sind nicht schwer zu finden. Vor allem die ähnlichen Namen fallen auf: aus Claudius wird Claude, als Gertrude Trudy. Und einen Mord gibt es auch. Trudys Noch-Ehemann, John, ein eher erfolgloser Dichter und Verleger, soll klammheimlich ins Jenseits befördert werden. Claude, Johns Bruder, und Trudy, die eine Affäre führen, haben einen Plan und bereits eine unsichtbare Mordwaffe. Mit Gift im Smoothie soll John sterben und alles nach einem Selbstmord aussehen. Beobachtet, besser belauscht, wird dieses Treiben vom gemeinsamen Kind von Trudy und John, das aus dem Mutterleib das bizarre Geschehen verfolgt und unfreiwillig auch Zeuge des allzu gierigen Sex-Lebens des Liebespaares wird.

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Ein Racheakt, wie in Shakespeares Werk, ist indes kaum möglich. Der Kleine ist ja nicht einmal auf der Welt, geschweige denn, dass er Kräfte hat, einen erwachsenen Mann zur Strecke zu bringen. Vielmehr erweist sich der Sohn als sehr aufmerksamer Beobachter und Denker, der manchmal auch ein wenig allzu weise erscheint. Man könnte meinen, die Entwicklung des Individuums nimmt hier einen umgedrehten Verlauf, der ein wenig an den Film „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ erinnert, dessen Vorlage eine gleichnamige Erzählung des amerikanischen Schriftstellers F. Scott Fitzgerald bildet. Darin wird die Geschichte eines Kindes erzählt, das in den ersten Lebensjahren einem Greis ähnelt, und mit der Zeit immer jünger erscheint. Ohne allzu viel zu verraten: Das Mordkomplott ist erfolgreich, John ist tot, die Polizei ermittelt und bringt allerdings Trudy und Claude, einen reichen Bauunternehmer, in gefährliche Bedrängnis, denn einiges scheint in den Aussagen des heimlichen Liebespaares und in denen der Dichterin Elodie, mit der John Trudy eifersüchtig machen wollte, nicht wirklich übereinzustimmen. Ein fehlgeschlagener Verkauf des heruntergekommenen Hauses oder ein verhindertes Erbe sind da noch die kleinsten Sorgen.

„O Gott, ich könnte in eine Nußschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermeßlichen Gebiete halten, wenn nur meine bösen Träume nicht wären.“ (Hamlet, 2. Akt, 2. Szene)

Statt einer Rache an seinem Onkel, der den Vater ins Grab bringt, fordert das Kind sein Recht auf ein Leben ein und stellt Fragen an die Zukunft, kommentiert die Weltlage, aktuelle Entwicklungen, ob es sich dabei um Europa oder die Flüchtlingskrise handelt. Hier erweist sich McEwan erneut als kritischer Kopf mit klugem Geist, der seine Literatur auch dazu verwendet, in gesellschaftliche wie politische Diskussionen einzugreifen. Neben jener Verbindung zwischen dem modernen Heute und der Geschichte der historischen Vorlage erscheint ein weiterer Wesenszug der Handlung nahezu einzigartig. Der Engländer beschreibt eindrucksvoll die besondere Intimität, die in der engen Verbindung zwischen Mutter und Kind wurzelt. Das Ungeborene ist ein Gefangener im Mutterleib, der allerdings auch das sowohl körperliche Befinden als auch die feinen Empfindungen seiner Mutter wahrnehmen kann. Die Körperlichkeit beider spielt eine wichtige Rolle in diesem Drama, das trotz eines gewissen schelmischen, humorvollen Zuges eine spezielle Tragik aufweist. Schließlich ist das Kind nicht nur eingeschlossen, von dem Körper seiner Mutter umgeben und damit handlungsunfähig. Dessen Zukunft steht auf dem Spiel: der Vater ist tot und der mögliche Stief-Vater und Onkel wenig an der Existenz des Kindes interessiert, das in Kürze auf die Welt kommen soll.

„Kein Kind, erst recht kein Fötus, hat je die Kunst des Smalltalks gemeistert, würde es auch nie wollen. Smalltalks ist was für Erwachsene, ein Pakt mit Falschheit und Langeweile. In diesem Falle vor allem mit Ersterem.“

Dabei lässt „Nussschale“ auch in rein gestalterischer Art und Weise an eine historische Tragödie denken; der Zeitrahmen ist eng gefasst, die Zahl der Personen ist recht überschaubar, die Handlung spielt an einem Ort; in Johns Haus, das nach der Trennung von Trudy allein bewohnt wird. Wie McEwan diese Tradition mit einer frischen, spannend erzählten Geschichte verbindet, fasziniert ungemein. Gänzlich ein Geniestreich ist hingegen jene einzigartige Perspektive, die dem Leser nahezu die Rolle eines Babysitters aufdrängt, schließlich ist man als eine Art Zuhörer und Vertrauensperson im weiteren Verlauf  des Geschehens durchaus am Wohl des Kindes interessiert. Eine Fortsetzung wäre nicht weniger eigen und verblüffend. 


Ian McEwan: „Nussschale“, erschien im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Bernhard Robben; 288 Seiten, 22 Euro

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