Unvorhergesehen – Arnaud Dudek „Strand am Nordpol“

„Um nicht unterzugehen, muss man sich an bedeutungslose Dinge klammern.“

Was wäre doch das Leben geradlinig und wohl auch recht fad ohne die unvorhergesehenen Zufälle und Begegnungen. Viele Freundschaften gäbe es nicht, Beziehungen oder sogar Ehen vermutlich ebenso weniger. Auch im Fall von Jean-Claude Stillmann und Françoise Vitelli scheint jemand, eine unbekannte Macht an den richtigen Strippen gezogen zu haben. Sie treffen sich und werden Freunde – trotz der Unterschiede. Auslöser ist eine Kamera, die Jean-Claude verliert und Françoise findet. Und schon nimmt die Geschichte in „Strand am Nordpol“ des Franzosen Arnaud Dudek ihren Verlauf.

Ungleich sind sie, ohne Frage: Der Mittdreißiger Jean-Claude steckt in einer Lebens- und Sinnkrise. Der Job ist weg, die Frau Fanny mit der gemeinsamen Tochter Lily ebenso. Die Eltern geben ihm ein Zuhause. Françoise ist hingegen Witwe und zudem ein gutes Stück älter. Bei einem Glas Porto kommen sie ins Gespräch. Und beide haben viel zu erzählen, denn beide haben schmerzliche Verluste erlitten. Während bei dem Mann die Scheidung die Familie zerriss, er zudem als Kleinkind die Mutter früh verlor, war es bei der Frau der Tod ihres Mannes Alfredo, der so einiges auf dem Kerbholz hatte und der wiederum vom plötzlichen Ableben seines Bruders Paolo aus der Bahn geworfen wird. Nachdem die Kamera wieder ihrem Besitzer übergeben wird, bittet die Witwe den arbeitslosen Fabrikarbeiter sie in die Welt der Digitalfotografie und die Geheimnisses PC einzuweihen. Ihre regelmäßigen Begegnungen, zu denen auch Zeit bleibt für einigen Schabernack wie das Surfen auf Dating-Seiten, binden sie aneinander.

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Wer glaubt, „Strand am Nordpol“ ist ein Roman, der den Taschentuch-Vorrat schmelzen lässt, der irrt.  Das schmale Werk des Franzosen ist wunderbar leichtfüßig, lebendig und vor allem menschlich, erzählt es doch auf eigenwillige Art und Weise, die an einen verzweigten Fluss erinnert, von zufälligen Begegnungen, von Tod und Abschied und versammelt wie ein bunter Strauß verschiedener Blumen unterschiedliche Lebensgeschichten. Nicht nur die Storys von Françoise und Jean-Claude werden erzählt, auch die der Morenos, Freunde der Vitellis. Schließlich lenkt der Erzähler die Aufmerksamkeit des Lesers zudem auf Fanny und Jean-Claudes Freund Pierre, zwischen denen sich eine mögliche Beziehung anbahnt.

Dem Erzähler, im Übrigen ein Plauderer mit sehr viel Charme und Sinn sowohl für das Alltäglich als auch das Besonders, kommt in diesem Roman im Übrigen eine ganz eigene Rolle zu, kann er doch kurzerhand seine Geschichte einfach mal neu schreiben. Was er im Fall von Françoise schließlich auch macht. Nie verliert er den Überblick, erinnern seine Zeitsprünge und Ortswechsel an einem Film mit Überblendtechnik, in dem Szenerien zusammenfließen.  Die Geschichte könnte die perfekte Vorlage für eine französische Tragikomödie bilden, in der Lebensfreude und Melancholie so nah beieinander liegen.

„Aus dem Tod macht man eine große Geschichte. Wir fürchten die Art und Weise, wie er uns herausreißen, uns zermalmen, uns wie eine Zitrone auspressen wird. (…) und er kommt, nimmt uns mit, ganz ohne Symptome ohne Anzeichen, ohne dass man auch nur einmal auf der Liste der gefährdeten Personen gestanden hat.“

„Strand am Nordpol“ – der Titel erscheint mehrmals im Text und verweist als eindrucksvolles Bild auf Gegensätze und Kontraste – ist Dudeks erstes Buch, das von Verlegerin Bettina Deininger ins Deutsche übersetzt wurde. Der Franzose, 1979 in Nancy geboren, war für seinen Roman „Rester sage“ (2012) für den renommierten Prix Goncourt nominiert. Im Anhang des Buches, in den sogenannten Folgezeilen, kommt Dudek selbst zu Wort. Darin erzählt er vom Schreiben, von den „Geschichten voller Menschen“, die ihm einfallen, und von der Vielfalt jener Geschichten, in denen er „etwas Tragisches, Amüsantes, Festes, Zerbrechliches einfließen“ lässt. Für „Strand am Nordpol“ hätte man sich einige Dutzend Seiten mehr gewünscht. Denn Abschiede von lieb gewonnenen Menschen, und seien sie nur fiktive Helden eines Buchs, sind bekanntlich schmerzhaft. Deshalb wäre die Freude groß, würden weitere Werke des französischen Autors ins Deutsche übersetzt werden.

Weitere Besprechungen des Buches sind auf den Blogs pinkfisch.netleseschatz und LiteraturZeit zu finden.


Arnaud Dudek: „Strand am Nordpol“, erschienen im austernbank verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Bettina Deininger; 130 Seiten, 16,90 Euro

Foto: pixabay