Verurteilt – Hannah Kent „Das Seelenhaus“

„Zu wissen, was eine Person getan hat, und zu wissen, wer ein Mensch ist, sind zwei ganz verschiedene Dinge.“

Das Wort Urteil hat zwei verschiedene Bedeutungen. Es beschreibt sowohl die Entscheidung eines Gerichts als auch die Meinung, die ein Mensch von einem anderen hat. Mit beiden Varianten beschäftigt sich der Roman „Das Seelenhaus“ der australischen Autorin Hannah Kent. Ihr Debüt führt in das Island des 19. Jahrhunderts und in das Leben einer besonderen Frau. Verurteilt – Hannah Kent „Das Seelenhaus“ weiterlesen

Gewalten – D.W. Wilson „Als alles begann“

„Und es gab kein Bedürfnis, keine Sorge mehr – nicht in jenem Augenblick. Alles würde neu werden. Alle müden Wanderer würden ihr Ziel der Ruhe und Versöhnung erreichen. Das war immer die einzige Art, in der es enden würde.“

Es ist der letzte Wunsch seines Großvaters, der Alans Rückkehr in seine Heimatstadt Invermere bewirkt. Der Philosophie-Student lässt seine Doktorarbeit und seine Freundin Darby in der gemeinsamen Beziehungskrise zurück. Sein Großvater Cecil glaubt, nach einem Herzanfall vor dem baldigen Lebensende zu stehen.  Seine Bitte: Alan soll seinen Vater Jack, Cecils Sohn, ausfindig machen. Doch dies ist alles andere als eine leichte Aufgabe. Nicht nur machen schwere Waldbrände in den Rocky Mountains die Fahrt in den Westen zu einem mehr als beschwerlichen Trip. Zwischen Jack und Cecil herrscht seit knapp 28 Jahren Funkstille – genauer gesagt: seit Alan auf der Welt ist. Gewalten – D.W. Wilson „Als alles begann“ weiterlesen

Eiszeit – Lydia Tschukowskaja „Untertauchen“

„Poesie – das ist jenes geheimnisvolle Etwas, das bei der sorgfältigsten, der musikalischsten Übersetzung unübersetzbar bleibt. Wort und Rhythmus – das lässt sich übersetzen, aber wie übersetzt man die Spur im Schnee, die beseligende Wunde der Erinnerung?“

Wenn das Land zu einem Gefängnis, zu einem Ort der Gefahren wird, wohin flieht ein vom politischen System Verfolgter? Für die Autorin und Übersetzerin Nina Sergejewna bieten die Stille und die Sprache die Möglichkeit, schreckliche Geschehnisse für eine kurze Zeit zu vergessen und innerlich unterzutauchen. In einem Sanatorium nahe Moskau sucht sie in den Wintermonaten Ruhe und Einsamkeit. Nach und nach findet sie heraus, was mit ihrem Mann geschehen ist. Er soll nach seiner Verhaftung im Jahr 1937 in einem Lager gestorben sein. Vor mehr als zehn Jahren. Nähere Informationen zu seinem Verbleib hat sie nie erhalten. Eiszeit – Lydia Tschukowskaja „Untertauchen“ weiterlesen

Die Macht der Bücher – Almudena Grandes „Der Feind meines Vaters“

„Die Wahrheit ist das, was passiert ist und uns gefällt, aber auch das, was passiert ist und uns so abscheulich vorkommt, dass wir alles darum geben würden, es ungeschehen zu machen.“

Nichts ist, wie es scheint. Das merkt Antonio Perez, von allen nur Nino oder wegen seiner Körpergröße auch Knirps genannt, schnell. Er ist zehn und lebt mit seinen Eltern und den beiden Schwestern Dulce und Pepe in der Kaserne des kleinen andalusischen Dorfes Fuensante de Martos. Ninos Vater ist Beamter in der Guardia Civil, der paramilitärischen Polizei, deren Aufgabe es ist, gegen politisch Andersdenkende vorzugehen. Denn man schreibt das Jahr 1947 und Diktator Franco ist an der Macht. Die Macht der Bücher – Almudena Grandes „Der Feind meines Vaters“ weiterlesen