Die Macht der Bücher – Almudena Grandes „Der Feind meines Vaters“

„Die Wahrheit ist das, was passiert ist und uns gefällt, aber auch das, was passiert ist und uns so abscheulich vorkommt, dass wir alles darum geben würden, es ungeschehen zu machen.“

Nichts ist, wie es scheint. Das merkt Antonio Perez, von allen nur Nino oder wegen seiner Körpergröße auch Knirps genannt, schnell. Er ist zehn und lebt mit seinen Eltern und den beiden Schwestern Dulce und Pepe in der Kaserne des kleinen andalusischen Dorfes Fuensante de Martos. Ninos Vater ist Beamter in der Guardia Civil, der paramilitärischen Polizei, deren Aufgabe es ist, gegen politisch Andersdenkende vorzugehen. Denn man schreibt das Jahr 1947 und Diktator Franco ist an der Macht.

Das Dorf und die Region sind gespalten – auf der einen Seite stehen die Franco-Getreuen auf der anderen Seite deren Gegner: Antifaschisten, Kommunisten und Anarchisten, die bereits in großer Zahl in die Berge geflohen sind, von der Guardia Civil verfolgt und meist getötet werden und deren Angehörige Repressalien durchleben müssen. Mittendrin in diesem unendlichen Krieg ist Ninos Familie, die diesen Kampf hautnah verfolgt, die Verhöre und die Gewalt miterlebt. Dieses entsetzliche Geschehen aus Razzien und Überfallen, Verrat und feigen Mord wird aus einer besonderen Sicht erzählt. Almudena Grandes wählt für ihren Roman „Der Feind meines Vaters“ den Jungen Nino.

Feind

Das Erzählen aus der Sicht eines Kindes hat für mich etwas Spannendes: Die Beobachtungen sind ungetrübter und ungebundener, weil die Erfahrungen, die ein Erwachsener im Laufe seines Lebens sammelt, fehlen. Außerdem kennt Nino keinen Standesdünkel oder politische sowie gesellschaftliche Abhängigkeiten, wie es Erwachsene durchaus haben. Und der Zehnjährige ist ein sehr aufgewecktes und neugieriges Kind mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Er findet in all dieser Zeit der Grausamkeit, in die sein Vater und dessen Kollegen eine gewichtige Rolle spielen, einen Hort des Friedens. Er lernt Pepe, den Portugiesen kennen, der etwas abseits des Dorfes in einer Mühle wohnt. Beide freunden sich an, und der junge Mann wird zu seinem Mentor.

Denn diese Aufgabe können weder Ninos Eltern noch der Lehrer in der Schule übernehmen. Dabei hat Ninos Vater Großes mit den Jungen vor, der eines Tages in der Verwaltung arbeiten soll, weil er womöglich wegen seiner geringen Körpergröße nicht in die Polizei aufgenommen wird. So lernt Nino auch das Schreibmaschine-Schreiben, erst bei der weniger geeigneten Mediamujer. Schließlich übernimmt Dona Elena die Lektionen, die mit ihrer Enkelin Elena auf dem Hof der Rubias leben; einer Gruppe Frauen, die eben jenen Repressalien ausgesetzt ist, weil Angehörige der Familie als Franco-Gegner gegen die Diktatur vorgegangen sind oder weiterhin aktiv sind. Hier lernt Nino nicht nur das Schreibmaschine-Schreiben, sondern auch die Welt der Bücher kennen. Dona Elena hat eine ganze Reihe davon, vor allem große Namen, wie Jules Verne, dessen Werke Nino verschlingt. Und der Junge verliebt sich – in die Enkelin, was Ninos Vater nicht wirklich passt.

Rund um die Hauptfiguren gestaltet die spanische Autorin, die zu den bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller ihres Land zählt, nicht nur die Dorfbewohner als bunter Figuren-Reigen. Nahezu jeder Charakter erhält eine besondere Vorgeschichte, so dass gerade diese Gespaltenheit des Dorfes und diese aufgeladene Atmosphäre auf eindrucksvolle Weise mit jenen Schicksalen herausgearbeitet wird. Zwischendrin hält sie für den Leser immer wieder überraschende Wendungen bereit. die dem Roman eine besondere Spannung verleihen: Das sind spezielle Szenen, in denen Nino hinter die Masken der Erwachsenen blickt, wie etwa bei dem feigen Leutnant Michelin oder dem als raubeinig geltenden Polizisten Sanchis, der ein Geheimnis schließlich kurz vor seinem Tod offenbart, Oder jene Frage, wer eigentlich Cencerro,der Anführer der Kommunisten, ist, der alle Fäden der Rebellen hinter Hand hält und als Mythos gilt. Und wo ist die Druckmaschine der Rebellen versteckt, auf der geheime Flugblätter entstehen? Ein Zeitrahmen spannt sich über die Jahre 1947 bis 1949 sowie nach einem Zeitsprung in die 1970er Jahre. Hier trifft der Leser auf den mittlerweile erwachsenen Nino. Bereits als Student hat er sich der noch immer verbotenen Kommunisten angeschlossen und ist aktiv, selbst dann noch, als er als Psychologie-Professor im Berufsleben steht.

„Alle setzten Masken auf, um ihre Rolle zu spielen, als hätte ihnen die Nacht nicht das Herz gebrochen oder ihnen ein Stück von sich selbst genommen, als müssten sie dieses zerbrochene, schwere Ding, das schmerzte wie eine offene Wunde, die nicht heilen will, nicht auf ewig mit sich herumschleppen.“

Die Zeit der Franco-Diktatur, dieses Kapitel spanischer Geschichte, ist immer wieder Thema für eine Reihe eindrucksvoller Romane: „Der Feigenbaum“ von Ramiro Pinilla, „Die Nacht der Erinnerungen“ von Antonio Munoz Molina oder „Die Stimmen des Flusses“ von Jaume Cabré, um nur eine besondere Beispiele zu nennen. Almudena Grandes Werk reiht sich auf wunderbare Weise da ein. Denn auch sie vermag es, die Schicksale der Opfer nicht vergessen zu lassen und der Menschlichkeit, die trotz der Gewalt und Repressalien übersteht, ein literarisches Denkmal zu setzen. Nino hat im Übrigen ein reales Vorbild, dem die Autorin begegnet ist, für ihr Werk besuchte Grandes zudem die Region. All das wird spürbar in diesem bewegenden wie fesselnden Roman, der vor allem durch seinen Helden Nino, die Freundschaft mit Pepe und die Liebe zu den Büchern unvergessen bleibt.

Der Roman „Der Feind meines Vaters“ von Almudena Grandes, erschien im dtv-Verlag, in der Übersetzung aus dem Spanischen von Roberto de Hollanda, 400 Seiten, 10,99 Euro

Foto: Rainer Sturm/pixelio.de