Unterwegs – Norbert Hummelt „Pans Stunde“

„u. ich war verloren sofern nicht etwas sich am weg begab / ich hörte weinen spürte meine knochen drehte mich um / zu dir u. merkte daß noch das licht an war u. ich alleine lag.“ (radierung)

Es war ein Abend, geschaffen für Lyrik. Der Himmel konnte sich nicht entscheiden, zwischen einem tiefen Blau und einer Schar dickbäuchiger Regenwolken. Darunter zog ein Schwarm Schwalben seine Bahnen. Der Blick der Zuhörer ging nach draußen, während drinnen, im Saal des Naumburger Nietzsche-Dokumentationszentrums, Norbert Hummelt seine Gedichte las. Texte älteren Datums sowie Werke aus seinem 2011 erschienenen Band „Pans Stunde“. Obwohl die Zuhörer auf ihren Stühlen Platz genommen hatten, waren sie in einer besonderen Weise in Bewegung. In einer Vielzahl der Gedichte aus dem aktuellen Band ist das lyrische Ich auf Reisen. 

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Lyriker Norbert Hummelt zu Gast im Naumburger Nietzsche-Dokumentationszentrum. Foto: Torsten Biel

Meist unterwegs ist das Ich ein guter Beobachter der Landschaft, der Orte, der Menschen, denen es begegnet. Der Leser fühlt sich mitgenommen, als ein Begleiter, der einen bildhaften Eindruck von der jeweiligen Szenerie erhält. Immer wieder entsteht die Landschaft vor dem geistigen Auge, die gefüllt ist von Pflanzen und Tieren. Von seinen Gedichten gehe eine Traditionslinie zur Romantik, erläuterte Hummelt während der Lesung.  Fragen wie „Können wir da eigentlich sein?“ oder „Wie real ist dieser schöne Ort?“ begleiten die Gedanken.  Er wolle indes keine botanischen oder zoologischen Studien betreiben, sagte Hummelt mit Blick auf die lebendigen Naturbeschreibungen, die in diesen Gedichten Eingang gefunden haben. Wer die Texte des Bandes liest, erkennt auch eine Vielzahl von Themen, die angesprochen werden: Vergänglichkeit und Veränderungen, Zeit und Tod, Einsamkeit und Stummheit. Neben den szenischen Betrachtungen und der Konzentration auf das Innenleben mit seinen Gedanken und Erinnerungen werden spezielle Medien wie Briefe oder Fotografien zu Botschaftern aus der Vergangenheit. Auch Stillleben, Dinge an einem Ort versammelt, erzählen ihre ganz eigene(n) Geschichte(n).

Immer wiederkehrend ist der Mythos des Pans, der zwei Gedichte sowie dem Band seinen Namen gegeben hat. Pan ist der griechische Gott der Natur und des Waldes, auch unter der Bezeichnung Hirtengott bekannt. Charakteristisch sind seine Mischgestalt aus Mensch und Ziegenbock sowie die Flöte, die er mit sich trägt. Wenn er zur Mittagsstunde gestört wird, kann er sehr zornig werden. Vor allem in der Stilepoche des Jugendstils um die Jahrhundertwende spielen Figur und Mythos eine wesentliche Rolle. So schuf der Maler Arnold Böcklin mehrere Werke, die den Hirtengott zeigen. Darauf geht Hummelt in einigen Anmerkungen zum Abschluss seines Bandes ein.

„wir träumen beide, treiben durch die gassen .. da schäumt / der flieder über alle mauern u. die kastanien blühen schon.“ (abendlicht)

Während die Szenerien im Zusammenspiel der Gedanken und Gefühle des lyrischen Ichs dem Leser klar erscheinen, kann das Lesen der Texte ihn schon vor einer Herausforderung stellen. Nicht weil jedes Gedicht in Kleinschreibung verfasst wurde und auch eine Vielzahl Abkürzungen enthält. Vielmehr ist der Reim und der Abschluss eines Verses meist nie am Zeilenende zu finden, sondern mittendrin auf der nachfolgenden Zeile oder sogar in der nachfolgenden Strophe.  Er sei kein Freund des Flattersatzes, erklärte der Autor seinen Zuhörern sein besonderes Stilmittel.

Norbert Hummelt, 1962 in Neuss geboren und heute in Berlin lebend, studierte in Köln Germanistik und Anglistik. Neben dem Verfassen von Lyrik und Essays liegt seine Konzentration auf dem Übersetzen. So bringt er Werke aus dem Englischen und Dänischen ins Deutsche, so von T.S. Eliot und W.B. Yeats. Hummelt ist zudem Redakteur der Zeitschrift „Text+Kritik“ und Verfasser des Standardwerkes „Wie Gedichte entstehen“.

Diese Faszination seines Bandes liegt vor allem in der Bildhaftigkeit der Szenen und in jener Poesie der Bewegung. Obwohl in einigen Texten die Melancholie die vorrangige Stimmung bildet, in anderen eine idyllische Atmosphäre heraufbeschworen wird, finden sich immer wieder auch ironische Anspielungen. Wer „Pans Stunde“ liest, kann in diese verschiedenartigen Stimmungen hineintauchen, ihre Kontraste genießen, die Welt um sich vergessen. Das ist allgemein bekanntlich ein Anspruch, den die Lyrik auch heute noch an ihre Leser, die leider nicht mehr werden, stellt und stellen muss. Die Konzentration auf den Moment, einen Gedanken, eine Szene – das ist Meditation pur und eine besondere Möglichkeit, eine ganz andere Zeit, einen Punkt der Ruhe zu spüren. Wer sich darauf wieder besinnen will, auch mit Hilfe der Lyrik, sollte zu diesem Band greifen, der eine zauberhaft sinnliche Lektüre bereitet.

PS: Während der Lesung verriet Hummelt, wie er seine Gedichte schreibt: „Sie entstehen, wenn sie kommen. Ich bin von einer Eingebung und einen Einfall abhängig. Ich muss warten, bis die Stunde kommt.“

Der Band „Pans Stunde“ von Norbert Hummelt erschien im Luchterhand Verlag, 96 Seiten, 16,99 Euro