Richard Ovenden – „Bedrohte Bücher“

„Bei der Bewahrung von Wissen geht es nicht um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft.“ 

Es gibt wohl keinen von uns, der nicht persönliche, womöglich auch prägende Erinnerungen an den Besuch in Bibliotheken besitzt. Gefühlt spannen sie sich wie ein Netz über das Land. Was nicht selbstverständlich ist. Über all die Jahrzehnte und Jahrhunderte waren Bibliotheken und Archive aus den unterschiedlichsten Gründen bedroht.  Richard Ovenden steht seit 2014 der berühmten Bodleian Library in Oxford und damit einer der ältesten Bibliotheken Europas vor. In seinem Buch „Bedrohte Bücher“ verbindet er die Vergangenheit mit der Gegenwart und Zukunft. Er berichtet von furchtbaren Ereignissen im Laufe der Geschichte und fordert, Bibliotheken und Archive zu unterstützen und zu bewahren.

Eine Lektüre für Entscheidungsträger

In den vergangenen Jahren bin ich immer wieder über eine Meinung, meist in den sozialen Netzwerken gestoßen, gerade auch im Zusammenhang mit Ausgaben für die Bibliothek in der Stadt, in der ich seit mehreren Jahren lebe: Wer braucht Bibliotheken, wenn es doch das Internet gibt. Ich vermute, dass diese Meinung oft Personen vertreten, die noch nie eine Bibliothek beziehungsweise ein Archiv betreten haben und weder Kenntnis über die Arbeitsweise noch über deren Rolle haben. Mich erstaunte allerdings auch, dass sogar in politischen Gremien mitunter die Bedeutung und Aufgaben von Bibliotheken nicht ausreichend bekannt sind. Gern würde ich nun Ovendens Buch all jenen Entscheidungsträgern in die Hand drücken, wenn sie wieder über finanzielle Zuschüsse diskutieren oder sie sogar infrage stellen. Denn leider gelten die Ausgaben für Bibliotheken in Deutschland noch immer als freiwillige Leistungen, die oftmals gekürzt werden (müssen), wenn die Kassen in den Kommunen klamm sind. Deshalb fordert der Deutsche Bibliotheksverband schon seit Jahren, dass die Institutionen zur Pflichtaufgabe werden.

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Ovenden lädt in seinem Buch zu einer spannenden wie überaus lehrreichen Zeitreise ein und das mit seinen insgesamt 14 Kapiteln weit in die Geschichte der Menschheit führt. Er beginnt mit dem Tontafel-Archiv der Assyrer, um aufzuzeigen, wie wichtig solche Sammlungen bereits in frühen Kulturen waren, um schließlich über die legendäre Bibliothek von Alexandria und deren Untergang zu berichten, die in der Antike als Zentrum der Gelehrsamkeit und Bildung galt und keineswegs nur durch ein Feuer, sondern auch infolge von Kriegszerstörung und Vernachlässigung vernichtet wurde. Im Laufe der Zeit werden Bibliotheken und Archive zunehmend Ziel von politischen beziehungsweise religiösen Gegnern: Während der Reformation wurden Buchschätze der Klöster und Kirchen unwiderruflich vernichtet, entsteht jedoch auch jene Bibliothek, in der der Autor seit acht Jahren tätig ist. Namensgeber Sir Thomas Bodley baute am Ende des 16. Jahrhunderts die Oxforder Bibliothek wieder auf, die seit jenem Neubeginn der Allgemeinheit zur Verfügung steht und deren Katalog öffentlich einsichtbar ist.

Ovenden führte weitere Beispiele auf, wie oft nach Kriegen beziehungsweise zerstörerischen Angriffen Bibliotheken wieder aufgebaut wurden – mit sehr viel Anstrengungen und oft auch langwierigem Einsatz. Wie die Library of Congress in Washington, die Universitätsbibliothek im belgischen Löwen (Leuven), die sogar zweimal im sowohl Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen gezielt in Brand gesteckt wurde, sowie die Universitäts- und Nationalbibliothek in Sarajevo, die während des Balkankrieges im August 1992 zerstört wurde. Mehrere Menschen verloren dabei ihr Leben. Unter Lebensgefahr wurde auch versucht, die jüdischen Sammlungen vor der Vernichtung oder der Beschlagnahmung durch die Nazis während des Holocausts zu bewahren. Am Beispiel von Philipp Larkin sowie Franz Kafka beschreibt Ovenden hingegen die Bedeutung von Privatarchiven berühmter Schriftsteller für die Nachwelt.

„Erhalten geblieben ist vielmehr ein Ethos: dass Wissen erhebliche Macht birgt, dass es eine wertvolle Aufgabe ist, es zu sammeln und zu bewahren und dass sein Verlust ein frühes Warnsignal für den Niedergang einer Kultur sein kann.“

Welche Rolle Bibliotheken und Archive für die Aufarbeitung von Geschichte und die Identitätsfindung eines Volkes, kurzum als kulturelles Gedächtnis spielen, zeigt der Engländer auf mittels der Bibliothek in Jaffna (Sri Lanka), des Archivs der irakischen Baath-Partei und des Stasi-Unterlagen-Archivs, das nach der Wende und mit dem Ende der DDR seine Arbeit aufnahm. Oft verknüpft er die verschiedenen Orte und Zeiten, oft zieht er die Fäden von der Bodleian Library mit ihren auch internationalen Schätzen als Ausgangspunkt über Grenzen hinweg zu Bibliotheken und Archiven in anderen Ländern.

Über die historisch gewachsene Bedeutung jener Institutionen hinaus schildert Ovenden eine Aufgabe für die Zukunft im Rahmen der Digitalisierung:  die Archivierung des Internets und des digitalen Materials der sozialen Netzwerke. Um dieses Mammut-Ziel zu stemmen, sollten große Konzerne wie Google, Facebook oder Twitter eine sogenannte Gedächtnissteuer zahlen. Generell sei die genügende Finanzierung der Einrichtungen und die Bereitstellung von ausreichend geschultem Personal zukünftig eine große Herausforderung.

Eindrucksvoll recherchiert

Am Ende versammelt Ovenden zehn Argumente, warum wir weiterhin Bibliotheken und Archive brauchen werden. Sie sind weit mehr als nur reine Orte für die Aufbewahrung von Schriften, Dokumenten und Büchern. Sie sind Stützen für Demokratie und Gesellschaft, Orte des Wissens und zur kreativen Ideenfindung, die jedermann offen stehen und einen freien Zugang zu Medien und Informationen für alle Bürger ermöglichen. Gerade wegen ihres Wertes waren sie auch immer wieder Ziele von feindlichen Ideologien und Mächten. Mit seinem Werk stand Ovenden auf der Longlist des Wissenschaftsbuches des Jahres 2022 sowie auf der Shortlist des Wolfson History Prize 2021. Dass der Direktor der renommierten Bodleian Library Sachverhalte oft auch mantraartig wiederholt, sei ihm verziehen. Ein Lehrer schätzt die Wiederholung, braucht es zudem prominente Fürsprecher, wenn es um die Zukunft der Bibliotheken geht. Sein Buch, das reichlich Bildmaterial enthält, ist ein überaus lehrreiches und vor allem eindrucksvoll recherchiertes Werk, das sich einem wichtigen Teil der Kulturgeschichte widmet und in jeder Bibliothek stehen sollte. Auch in der eigenen eines jeden Büchermenschen.

Eine weitere Besprechung gibt es auf „Jargs Blog“.


Richard Ovenden: „Bedrohte Bücher. Eine Geschichte der Zerstörung und Bewahrung des Wissens“, erschienen im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Ulrike Bischoff; 416 Seiten, 28 Euro

Foto von Tim Wildsmith auf Unsplash

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